Berliner Gesundheitspreis 2008/2009: Gesagt ist nicht getan
Adherence - Arzt und Patient in gemeinsamer Verantwortung
Der Berliner Gesundheitspreis 2008 widmet sich dem Thema Adherence. Der Begriff ist im öffentlichen Sprachgebrauch bislang weitgehend unbekannt. Dahinter steht ein innovativer Ansatz. Zentrales Element ist die partnerschaftliche Kommunikation zwischen Arzt und Patient mit dem Ziel, die Therapiemotivation zu erhöhen.
Immer mehr Patienten informieren sich über ihre Krankheiten. Sie wollen mit dem Arzt gemeinsam entscheiden, wie eine Therapie auf ihre individuellen Bedürfnisse und Lebenssituation zugeschnitten werden kann. Nicht zuletzt erhöht das gemeinsame Vorgehen die Motivation zur Therapietreue.
Und auch Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte wollen ihre Patienten in die Lage versetzen, sich aktiv in den Therapieprozess einzubringen. Drehtüreffekte oder unnötige Patientenkarrieren durch fehlende oder nicht ausreichende Kommunikation und Abstimmung empfinden viele Ärzte und Therapeuten im Arbeitsalltag als unbefriedigend. Im Endeffekt heißt das: Arzt und Patient wollen gemeinsam Verantwortung für die Behandlung übernehmen. Erste Studien belegen, dass gemeinsam getroffene Therapieentscheidungen zu mehr Gesundheit beitragen.
Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet "Adherence" das Ausmaß, in dem das Verhalten einer Person, Medikamente einzunehmen, eine Diät durchzuführen und/oder Änderungen von Lebensgewohnheiten vorzunehmen, mit der Zustimmung zu den Empfehlungen des medizinischen Fachpersonals korrespondiert. Im Unterschied zum geläufigeren Begriff "Compliance" betont "Adherence" stärker das aktive partnerschaftliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient und eine notwendige Zustimmung zu den Empfehlungen.
Darum geht es:
Aus Sicht des Patienten ist es das Ziel seiner medizinischen Behandlung, ein möglichst optimales Ergebnis zu erreichen. Dazu gehört, dass der Patient unter der Berücksichtigung seiner eigenen Präferenzen der Therapie bewusst zustimmt und damit auch selbstverantwortlich zu ihrem Erfolg beiträgt. Therapien und Verhaltensweisen können dies unterstützen, wenn der Arzt die konkrete Lebenssituation und persönlichen Wünsche des Patienten in seine Therapieentscheidungen einbezieht. Um die Therapietreue und das Durchhaltevermögen - die sogenannte Adherence - des Patienten zu stärken, ist ein partnerschaftlicher Kommunikationsstil zwischen Arzt und Patient erforderlich. Dies entspricht jedoch noch längst nicht dem medizinischen Alltag.
Die auf eine ausgeprägte Adherence ausgerichtete Behandlung sucht mit dem Patienten gemeinsam aus verschiedenen Therapieoptionen die für ihn persönlich am besten geeignete heraus. Dazu muss der Patient zunächst in einer verständlichen Sprache über seine Krankheit und über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten sowie über die damit verbundenen Belastungen aufgeklärt werden. Daraus sollte gemeinsam ein individuelles Therapiekonzept entwickelt werden, das dem Patienten ermöglicht, die Therapie erfolgreich durchzuhalten.
Einige Beispiele:
- Einem Patienten, der beruflich viel unterwegs ist und einen unregelmäßigen Tagesablauf hat, fällt es schwer, Medikamente über den Tag verteilt zu exakten Zeitpunkten einzunehmen. Sein Arzt stellt ihm deshalb andere Therapieoptionen vor. Als Alternative könnte er das Arzneimittel in einer etwas anderen Dosierung zu weniger Einnahmezeitpunkten oder ein Retardmedikament einnehmen. Der Patient muss abwägen, ob damit einhergehende Nebenwirkungen von ihm als weniger belastend erlebt werden als die Einhaltung der exakten Einnahmezeitpunkte bei anderer Dosierung. Auch eine Tablettenbox für unterwegs kann bereits eine große Wirkung erzielen und die regelmäßige Einnahme erleichtern.'
- Ein Patient mit hohem Blutdruck erlebt seine Medika menteneinnahme als belastend, weil damit unmittelbar nach der Einnahme Nebeneffekte wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit auftreten. Auch anderen Medikamenten steht er ablehnend gegenüber. Der Arzt überlegt mit ihm gemeinsam, statt eines Blutdrucksenkers ein Bewegungsprogramm zu organisieren und ihn für eine salz- und fettarme Ernährung zu motivieren.
- Einem Patienten gelingt es nicht, regelmäßig und organisiert Sport zu treiben, obwohl dies dringend geboten ist. Eine Physiotherapeutin entwickelt mit ihm gemeinsam ein Konzept, wie sich mehr Bewegung in seinen Tagesablauf integrieren lässt.
- Einer übergewichtigen Patientin fällt das medizinisch dringend erforderliche Abnehmen schwer. Gemeinsam mit ihrem Hausarzt und einer mit diesem zusammenarbeitenden Selbsthilfegruppe entwickelt sie einen Ernährungsplan, der ihre Lebensumstände berücksichtigt. Es werden Etappenziele vereinbart und regelmäßig kontrolliert.
Immer stehen im Zentrum der Zusammenarbeit Verhaltensvereinbarungen, für die der Patient die Verantwortung übernimmt und die gemeinsam mit dem Arzt oder Therapeuten kontrolliert werden.
Glossar: Adherence und Compliance
Adherence oder Adhärenz bezeichnet das Ausmaß, in dem das Verhalten eines Patienten mit den Behandlungszielen und -wegen übereinstimmt, die er zuvor mit dem Arzt gemeinsam beschlossen hat. Der Begriff Adherence trägt dem veränderten Rollenverständnis zwischen Arzt und Patient Rechnung, indem er eine partnerschaftliche Verständigung über Art und Umfang der Therapie voraussetzt und den Patienten eine aktive und eigenverantwortliche Rolle in der Therapie zubilligt. Der Begriff ersetzt zunehmend den älterenBegriff Compliance, dem eine asymmetrische Arzt-Patienten-Beziehung zugrunde liegt.
Compliance bedeutet schlicht "Folgsamkeit". Üblicherweise wird mit diesem Begriff die Bereitschaft eines Patienten bezeichnet, ärztliche Anweisungen, beispielsweise bei der Medikamenteneinnahme oder dem Einhalten einer Diät, konsequent zu befolgen. Bei dieser Betrachtungsweise wird dem Patienten die alleinige Verantwortung für den Behandlungserfolg aufgebürdet.
(Quelle: G+G-Spezial Berliner Gesundheitspreis 2008)
Übersicht Berliner Gesundheitspreis 2008/2009






