Fachtagung "Adherence"
Arzt und Patient: Gemeinsam sind sie stark
(11.12.09) Viele Behandlungsabbrüche, gescheiterte Lebensstiländerungen und weggeworfene Arzneimittel im Wert von bis zu zehn Milliarden Euro belegen - Patienten setzen häufig nicht die Therapieanweisungen ihrer Ärzte um. Dies geschieht nicht zuletzt, weil die Mediziner noch zu oft ohne Rücksprache mit den Patienten eine Behandlung "von oben herab" verordnen. Dem entgegen wirken soll die Adherence: Durch eine partnerschaftliche Kommunikation mit dem Arzt soll den Patienten die Möglichkeit gegeben werden, ihre Behandlung mitzugestalten, wobei es im Kern um die Motivation zu einer Therapie oder Maßnahme geht. "In der Folge beteiligen sich diese nachweislich stärker im Therapieprozess. Voraussetzung dafür ist, dass Ärzte ihre Patienten als münidge Partner akzeptieren", sagte Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband, auf einer Fachveranstaltung Mitte Dezember in Berlin.
Weil die Bedeutung der Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten noch immer unterschätzt wird, hatte der AOK-Bundesverband gemeinsam mit der AOK Berlin und der Berliner Ärztekammer im Rahmen des "Berliner Gesundheitspreis 2008" Projekte prämiert, die eine partnerschaftliche Kommunikation zwischen Arzt und Patient fördern und die Therapiemotivation erhöhen. Im Dezember 2009 - ein gutes halbes Jahr nach der Verleihung des mit 50.000 Euro dotierten Preises - diskutierten Preisträger und Experten auf Basis der ausgezeichneten Projekte über Einsatzmöglichkeiten und das Potential der Adherence.
"Bei uns rufen in erster Linie Patienten an, bei denen Adherence vollkommen gescheitert ist", erklärte die Allgemeinmedizinerin Michaela Schwabe von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland. "Wir wären schon ganz froh, wenn die Kommunikation insgesamt einfach besser laufen würde", so Schwabe weiter. Ein Ziel müsse es darum sein, die Patienten mental zu stärken, damit diese beim Arzt selbstbewusster auftreten. "Wenn keine Fragen gestellt werden, kann der Arzt auch keine beantworten." Patienten sollten nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Auch sollten sie es zum Ausdruck bringen, wenn sie eine bestimmte Therapie ablehnen. "Wir erleben es ganz oft, dass Betroffene bei uns anrufen, die wochen- oder jahrelang Medikamente nehmen, ohne zu wissen, warum sie dies tun und diese nicht mehr nehmen wollen. Sie trauen sich jedoch nicht, dies ihrem Arzt mitzuteilen." Aber auch die Ärzte würden ihre Patienten häufig nur mangelhaft aufklären und informieren, wie sie aus einer Vielzahl von Anrufen bei der Patientenberatung weiß. Darum rät sie den Ärzten: "Es ist ganz wichtig, wie viel Zeit sich ein Arzt für den Patienten nimmt, um diesen aufzuklären. Und auch wichtig ist, wie viel Empathie den Betroffenen dabei entgegen gebracht wird."
Das Selbstbewusstsein der Patienten stärken
Wie Schwabe will auch die AOK die Patienten in ihrem Auftreten beim Arzt stärken: "Wir wollen Versicherte kompetenter und sprachfähiger machen", erklärte Kolpatzik. Ein Ziel sei es dabei, dass der Nutzen und die Risiken einer Therapie für Patienten laiengerecht vermittelt werde. "Das ist die Grundlage, auf der Patienten dann stärker in Therapieentscheidungen einbezogen werden können." Als wichtigen Baustein sieht die Gesundheitskasse hierbei Entscheidungshilfen: "Wir haben unter anderem Entscheidungshilfen zum Brustkrebs umgesetzt. Dabei werden die Chancen und Risiken der brusterhaltenden Therapie mit denen einer Brustentfernung bei kleinen Tumoren verglichen", so Kolpatzik. Mittels der Entscheidungshilfen können sich Patienten umfangreich informieren und dann den einen oder anderen Weg wählen, der insbesondere ihre eigenen Präferenzen berücksichtigt. Über das Internet stellt die AOK ihren Versicherten die Entscheidungshilfen gebündelt zur Verfügung. "Unter anderem haben wir dazu im Internet das AOK-Gesundheitsnavi ins Leben gerufen. Mit dem Navigator geben wir eine Orientierungshilfe in Gesundheitsfragen in neuer Qualität", so Kolpatzik weiter.
Doch die geteilte Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient hat auch ihre Grenzen, wie der niedergelassene Allgemeinmediziner aus Bremen, Dr. med. Günther Egidi, auf der Tagung verdeutlichte: "Wir haben massive Interessen, massive pathologisierende Interessen beispielsweise seitens der Pharmaindustrie und seitens eines Großteils der Medien, die die Menschen krank machen, krank reden, krank definieren", so Egidi. Dies wecke eine enorme Erwartungshaltung: In der Folge verlangten Patienten nicht selten teure, umfangreiche aber zum Teil gar nicht notwendige medizinische Maßnahmen.
Dennoch sei es auch für die Ärzte "unter dem Strich befriedigender" nach dem Prinzip der Adherence zu arbeiten und ein Stück der Verantwortung an die Patienten abzugeben - auch wenn die Mediziner dabei das eigene Machtempfinden in Frage stellen müssten. Zugleich wies Egidi darauf hin, dass Ansätze wie die Adherence in der ärztlichen Ausbildung bisher nicht berücksichtigt werden: "Da ist überhaupt nichts da - es kann da nur besser werden. Wenn man Westeuropa anschaut, gibt es kaum ein Land, wo die Schulung der Ärzte, die Bedürfnisse der Patienten zu begreifen, schlechter ist, als in Deutschland", so Egidi weiter.
Materialien zur Veranstaltung
Programm der Fachtagung "Adherence"
Das Konzept der Adherence
Prof. Dr. med. Norbert Schmacke, Universität Bremen
Forschungsstand zu den Effekten des "Shared Decision Making"
Prof. Dr. med. Dr. phil. Martin Härter, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Das Spektrum der Wettbewerbsbeiträge
Dipl. pol. Sybille Golkowski, Ärztekammer Berlin
Werkstattbericht der Arbeitsgruppe "arriba"
Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, Universität Marburg, und Prof. Dr. med. Attila Altiner, Universität Rostock
Werkstattbericht mit Patientenfeedback: Kurzintervention bei Schizophreniepatienten
Dr. rer. medic. Michael Schulz, Kliniken Bethel, Bielefeld
Werkstattbericht der internetbasierten Dokumentationsplattform Epivista
PD Dr. med. Rainer Boor, Norddeutsches Epilepsiezentrum Kiel
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