Junge Leute gesucht – Generationenwechsel in der Selbsthilfe
Experten diskutieren auf einer Fachtagung der AOK die Zukunft der Selbsthilfe
(02.12.09) Selbsthilfe wirkt. Chronisch Kranke etwa, die sich an einer Selbsthilfegruppe beteiligen, lernen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen und einer weiteren Verschlimmerung entgegenzuwirken. Weil dem so ist, unterstützen die gesetzlichen Krankenkassen das Engagement in der Selbsthilfe und stellen Fördergelder zur Verfügung. Allein 2008 hat die AOK knapp 14 Millionen Euro für Selbsthilfegruppen bereitgestellt. Dennoch plagen viele Selbsthilfeorganisationen Nachwuchsprobleme. Die Selbsterneuerung in der Selbsthilfe funktioniere häufig nicht mehr, wie Helga Laaff, Referentin für Selbsthilfeförderung im AOK-Bundesverband, auf der Veranstaltung "Junge Leute gesucht. Generationenwechsel in der Selbsthilfe" Ende November in Berlin erklärte.
"Einige führen es auf ein geändertes Kommunikationsverhalten unserer Gesellschaft, besonders der jüngeren Leuten zurück. Keine Frage, dass hier ein wichtiger Schlüssel liegt", so Laaff auf der vom AOK-Bundesverband in Zusammenarbeit mit der BAG Selbsthilfe organisierten Fachtagung. Insbesondere im Internet entstehe eine "neue Kultur" der Informationsbeschaffung und des Austausches, die von vielen als Gefahr für die Selbsthilfe gesehen werde. Für die Selbsthilfe-Expertin des AOK-Bundesverbandes kann das Internet die persönliche Arbeit in den Gruppen jedoch nicht ersetzen. Vielmehr könne das Web aber den Organisationen helfen, Mitglieder zu halten und Nachwuchs zu gewinnen.
Ähnlich sieht das Frank Schulz-Nieswandt. Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. Die Gründer- und die aktive Nachfolgegeneration müssten geeignete "Engagementformen" anbieten, die zu den Motiven und Erwartungen junger Betroffener passten. "Dafür muss man arbeiten. In der Sprache der Betriebswirtschaftslehre wäre es soziales Marketing", so Schulz-Nieswandt weiter. Dies böte auch für die Selbsthilfegruppen zudem die Chance, über die eigene alltägliche Arbeit nachzudenken. Insbesondere jungen Menschen reiche es nicht mehr aus, in der Selbsthilfe lediglich über Krankheiten zu reden. Selbsthilfegruppen müssten zu "Orten des Lebens und der Freizeitgestaltung, der Identitätsbildung, der Netzwerkbildung, der Freundschaften" werden. Wolle man aktive, junge Mitglieder gewinnen, müsse die Arbeit in den Selbsthilfegruppen dabei "sozialen Sinn" ergeben und "Freude bereiten".
Häufig wechselnde Rahmenbedingungen führten bei vielen Selbsthilfeorganisationen dazu, dass Engagierte vor allem dem Alltagsgeschäft verhaftet seien - notwendige Weichenstellungen für die Zukunft gerieten dabei oftmals in Vergessenheit, wie Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, erklärt. Erschwert werde die Nachwuchsgewinnung dadurch, dass viele Menschen Vorurteile gegenüber Selbsthilfeeinrichtungen haben: "Viele sagen: Da will ich nicht hin, die lamentieren die ganze Zeit, das zieht mich nur runter. Oder: Selbsthilfegruppen sind doch alle von der Pharmaindustrie gekauft. Ich lass mich da nicht manipulieren", so Danner weiter. Aufgabe der Selbsthilfe sei deswegen, solchen Vorurteilen wirkungsvoll zu begegnen.
Materialien zur Veranstaltung
Nachwuchsgewinnung und -förderung in der Selbsthilfe: Welche Strategien sind erfolgversprechend?
Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe
"Junge Leute gesucht" - Die Kinder- und Jugendarbeit des BKFM
Jérome Ries, Geschäftsführer BKFM
Junge Menschen in der DCCC e.V.
Jens Hupfeld, DCCV Bundesgeschäftsstelle
Zwischen Innovation und Nachhaltigkeit: Generationenwechsel in der Selbsthilfe
Prof. Dr. Franz Schulz-Nieswandt, Universität Köln
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