Das Gesundheitssystem in Belgien

Belgien hat ein obligatorisches Sozialversicherungssystem. Nahezu alle Menschen, die in Belgien gemeldet sind, haben Anspruch auf eine Krankenversicherung. Arbeitnehmer und gleichberechtigte Gruppen sind aufgrund ihres Sozialstatus sozialversichert und zahlen einen gemeinsamen Beitrag für alle Sozialversicherungsbereiche. Andere, die nicht zu den beiden Gruppen gehören, zahlen Beiträge nur für die Absicherung im Krankheitsfall. Geringverdiener sind beitragsfrei versichert. In Belgien gibt es keine Versicherungspflichtgrenze.
 

Organisation
Die belgische Krankenversicherung, die „Mutuelle“, ist deutlich günstiger als die deutsche. Für die medizinische Versorgung zahlen Versicherte 100 Euro im Jahr. Allerdings gilt in Belgien das Kostenerstattungsprinzip, bei dem die Patienten für alle Untersuchungen in Vorkasse treten müssen.
In Belgien können Patienten ihren Arzt frei wählen. Wie in Deutschland gibt es unter den Medizinern Vertrags- oder Krankenkassenärzte und freie Ärzte. Die Vertragsärzte rechnen Untersuchungen nach den Vorgaben der Krankenkassen ab und sind somit am günstigsten. Die freien Ärzte können prinzipiell verlangen, was sie wollen.
In belgischen Praxen trifft der Patient meist direkt auf den Arzt. Es gibt kaum Arzthelferinnen. Belgische Ärzte sind Alleinunternehmer, die alles selbst erledigen.
Jeder Belgier kann freiwillig Zusatzversicherungen bei privaten Anbietern abschließen. Diese decken vornehmlich die Leistungen ab, die nicht im Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung enthalten sind. Für die in Belgien übliche Selbstbeteiligung bei der Inanspruchnahme ambulanter medizinischer Dienstleistungen kommen die Zusatzversicherungen jedoch nicht auf. Versicherte müssen die Kosten selbst tragen.
Seit Oktober 2001 gibt es in Belgien eine obligatorische flämische Pflegeversicherung, verpflichtend aber nur für Einwohner von Flandern. Sie deckt Kosten im Pflegefall ab.
Außerdem wurde 2006 ein „Fonds für die Zukunft des Gesundheitssystems“ geschaffen, um frühestens ab 2012 zu den Investitionen beizutragen, die notwendig sein werden, um das Gesundheitssystem den Bedürfnissen einer alternden Bevölkerung anzupassen. Er wird aus möglichen Jahresüberschüssen im Gesundheitsbereich gespeist.
Die Selbstbeteilung der Versicherten bei ambulanter ärztlicher Behandlung liegt bei bis zu maximal 25 Prozent der Kosten. Obergrenzen für die Selbstbeteiligung sind einkommensabhängig. Sie liegen zwischen 450 und 2.500 Euro pro Jahr.
Zuzahlungen bei Arzneimitteln liegen zwischen 25 und 80 Prozent des Medikamentenpreises. Die Obergrenze variiert je nach Einkommen. Schwerkranke sind von Zuzahlungen befreit.

Finanzierung
In Belgien zahlen die Versicherten einen Globalbeitrag, mit dem neben Krankenversicherung auch die Arbeitslosen- und die Rentenversicherung finanziert werden.
Der Gesamtbeitrag zur Sozialversicherung liegt bei 37,84 Prozent des Bruttoverdienstes. Der Arbeitnehmeranteil beträgt 13,07 Prozent und der des Arbeitgebers 24,77 Prozent des Bruttoentgelts. Abgesehen von diesem Beitrag haben die Arbeitgeber noch andere Zahlungen an die Sozialversicherungsanstalt zu leisten, zum Beispiel einen Lohnkostendämpfungsbeitrag, Beiträge zum Fonds für Unternehmensschließungen, Beiträge für die Kinderbetreuung, für Risikogruppen, Beiträge für diejenigen, die zehn oder mehr Arbeitnehmer beschäftigen. Es gibt keine Beitragsbemessungsgrenze. Die Beiträge fließen an die staatliche Sozialversicherungsanstalt (ONSS), die die Finanzen des belgischen Sozialversicherungssystems für Arbeitnehmer verwaltet. Die Beiträge der Selbstständigen werden auf Basis des Nettoeinkommens berechnet, das im drei Jahre vor dem Beitragsjahr zurückliegenden Kalenderjahr erzielt wurde. Die Selbstständigen überweisen ihre Zahlungen aber an das Landesinstitut der Sozialversicherungen für Selbstständige (LISVS), die Finanzverwaltung für Selbstständige. Rentner zahlen für die Gesundheitsversorgung 3,55 Prozent ihrer Rente, sofern diese dadurch nicht unter 1.295,28 Euro im Monat sinkt. Der Beitrag für Staatsangestellte liegt bei 3,55 Prozent ihres Bruttoverdienstes, und der Staat zahlt für sie weitere 3,85 Prozent ein.
Außerdem fließen mittlerweile fünf bis zehn Prozent der Kfz-Versicherungsprämien, zehn Prozent der privaten Krankenversicherungsprämien und Abgaben auf die in Belgien erzielten Umsätze der Pharmaindustrie in die Finanzierung des Gesundheitswesens ein.

Demografische und gesundheitsökonomische Kennzahlen:

  • Einwohnerzahl (2011): 10,95 Millionen
  • Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (2010): 28.989 Euro
  • Arbeitslosenquote (2011): 7,2 Prozent
  • Erwerbsquote (2011): 69,7 Prozent
  • Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (2009): 11,8 Prozent
  • Zahl der Krankenhausbetten (2010): 6,4 je 1.000 Einwohner
  • Zahl der Ärzte (2009): 2,9 je 1.000 Einwohner
  • Beschäftigte im Gesundheitswesen (2007): 108.843 Personen

 

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