"Betriebliches Gesundheitsmanagement kann in der Krise helfen"
Prof. Antje Ducki im Interview
20.07.09 (ams). Insgesamt sind Arbeitnehmer in Deutschland heute deutlich weniger krank geschrieben als noch vor 20 Jahren. Doch immer häufiger sind psychische Erkrankungen die Ursache für Krankmeldungen. Welche Auswirkungen die Wirtschaftskrise auf die Gesundheit der Beschäftigten hat und welchen Beitrag betriebliches Gesundheitsmanagement leisten kann, um Belastungen zu verringern, erläutert Professorin Antje Ducki im Interview mit dem AOK-Mediendienst. Die Expertin für Arbeits- und Organisationspsychologie lehrt an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin.
Der aktuelle Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat gezeigt, dass immer mehr Arbeitnehmer an psychischen Erkrankungen leiden. Woran liegt das?
Ducki: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Eine Hauptursache für die Zunahme psychischer Beeinträchtigungen und Erkrankungen sind belastende Arbeitsbedingungen, etwa hoher Zeitdruck, hohe Anforderungen und beschränkte Handlungsmöglichkeiten. Ein wichtiger Hintergrund dafür ist die Globalisierung, die zu einem enormen Konkurrenzdruck und Personalabbau geführt hat. Dadurch müssen immer weniger Mitarbeiter immer mehr Arbeit bewältigen. Dazu kommt, dass es heute mehr befristete Arbeitsverhältnisse gibt, die automatisch mit Unsicherheit und fehlender Planbarkeit verbunden sind. Belastend wirken sich auch die zunehmenden Anforderungen an die Mobilität und Flexibilität der Arbeitnehmer aus: Das Pendeln zwischen unterschiedlichen Standorten und die permanente Erreichbarkeit verursachen einen extremen Druck. Insbesondere bei Führungskräften, die oft selbst im Urlaub einer ständigen Informationsflut ausgesetzt sind und nicht abschalten können, kann dies zur völligen Erschöpfung führen.
Wie wirkt sich die aktuelle Wirtschaftskrise auf die Gesundheit der Beschäftigten aus? Kann Angst um den Arbeitsplatz krank machen?
Ducki: Die Krise wirkt sich zeitverzögert aus. Die Sorge um den Arbeitsplatz führt häufig dazu, dass psychosomatische Beschwerden und depressive Verstimmungen zunehmen. Unsicherheit erzeugt verstärkt Ängstlichkeit. Wenn dieser Zustand längere Zeit anhält, können manifestere Angstzustände entstehen: Die Betroffenen fühlen sich hilflos und ohnmächtig und trauen sich in der Folge viele Dinge nicht mehr zu. Von daher kann andauernde Angst um den Arbeitsplatz tatsächlich krank machen.
Welche Folgen hat das für die Produktivität der Unternehmen?
Ducki: Dauerhafte Angst und Unsicherheit haben negative Auswirkungen auf die Produktivität. In Unternehmen, in denen massiver Arbeitsplatzabbau droht, wird nicht mehr produktiv gearbeitet, da die Aufmerksamkeit und Konzentration der Beschäftigten sich neben der Arbeit vor allem auf die Frage richtet, wie es weitergeht.
Welche Auswirkungen können Kurzarbeit oder drohender Verlust des Arbeitsplatzes auf das Familienleben haben?
Ducki: Wenn Arbeitnehmer unter einer hohen Unsicherheit im Berufsleben leiden, entstehen oft zusätzliche Konflikte in der Partnerschaft und Familie. Nachgewiesen sind auch negative Auswirkungen auf die Kinder: Wenn Eltern arbeitslos werden, treten häufiger Probleme in der Schule auf, sie fühlen sich sozial nicht mehr so gut integriert und schämen sich, wenn sie bestimmte kostenintensive Dinge wie zum Beispiel Klassenfahrten nicht mitmachen können. Abgeschwächter sind diese Wirkungen, wenn eine ganze Region von Stellenabbau betroffen ist.
Wie können Familien mit Belastungen durch die Krise zurechtkommen?
Ducki: Je nachdem, wie alt die Kinder sind, sollten die Erwachsenen mit ihnen möglichst offen über ihre beruflichen Schwierigkeiten reden. Die Kinder bekommen die Stimmung ihrer Eltern sowieso mit. Wichtig ist allerdings, dass die Erwachsenen ihrem Nachwuchs Orientierung und emotionale Sicherheit geben. Die Kinder sollten erfahren, was sich verändert und was so bleibt wie bisher.
Wie können Unternehmen gegensteuern und den Beschäftigten Ängste nehmen?
Ducki: Ängste entstehen, wenn Mitarbeiter nicht oder zu spät informiert werden und die Gerüchteküche brodelt. Deswegen ist es entscheidend, dass die Firmenleitung die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter frühzeitig und umfassend über die Situation des Unternehmens informiert und auch Konsequenzen nennt. So können die Beschäftigten die Ereignisse beurteilen und die Folgen abschätzen. Das ist wichtig, um ihre Handlungsfähigkeit zu stärken.
Inwieweit kann betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) in der Krise dazu beitragen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert sind und gesund bleiben?
Ducki: Wenn BGM richtig eingesetzt wird, kann es extrem helfen. Eine bessere Arbeitsorganisation, Kommunikation und Information können dazu beitragen, Belastungen zu reduzieren. Wenn im Zuge von BGM außerdem das Augenmerk auf erweiterte Handlungsspielräume und eine faire Beurteilung der Mitarbeiter gerichtet wird, stärkt dies das Selbstbewusstsein der Beschäftigten. Dadurch sind sie auch in Krisenzeiten besser in der Lage, Probleme zu lösen.
Welche Aufgabe kommt dabei den Führungskräften zu?
Ducki: Die Führungskräfte haben eine wichtige Funktion. Ihre Aufgaben bestehen vor allem darin, den Mitarbeitern durch gezielte Information Orientierung zu geben und ihnen die Unternehmensziele nahe zu bringen. In Krisenzeiten ist das kein leichtes Geschäft. Aber gerade dann sollten die Führungskräfte Klartext reden und sich vor ihre Mitarbeiter stellen. Durch ein verlässliches und konstruktives Verhalten können sie darüber hinaus Vertrauen aufbauen und eine Identifikation mit dem Unternehmen erreichen. Vertrauen baut sich allerdings nur langsam auf. Wenn es in "normalen Zeiten" kein Vertrauensverhältnis gab, wird es auch nicht gelingen, in der Krise ein vertrauensvolles Verhältnis zu schaffen.
Wie wirkungsvoll ist Ihrer Ansicht nach der AOK-Service "Gesunde Unternehmen"?
Ducki: Den AOK-Service "Gesunde Unternehmen" finde ich ausgesprochen gut, da ein Schwerpunkt auf der Erweiterung der Handlungsspielräume der Beschäftigten sowie einer konstruktiven Kommunikation und einer transparenten Information liegt. Da die AOK über kompetente Experten auf dem Gebiet der BGM verfügt, werden die Angebote von den Betrieben gut angenommen. Besonders wichtig ist der AOK-Service "Gesunde Unternehmen" insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen. Dort hat die Gesundheitskasse mit der Einführung von BGM nachhaltig positive Veränderungen bewirkt.
Weitere Infos zum Thema
Zum AOK-Service "Gesunde Unternehmen"
auf www.gesunde-unternehmen.de
Der Fehlzeiten-Report 2008 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)






