"Eltern sollten das Selbstwertgefühl ihrer Kinder stärken"
Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen vorbeugen
22.09.09 (ams). Ob beim Münchner Oktoberfest, auf der örtlichen Kirmes, bei der Party mit Freunden oder einfach so: Immer mehr Jugendliche trinken zu viel. Manche müssen sogar mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Warum Alkoholexzesse zunehmen und wie Eltern ihren Nachwuchs stärken können, erklärt Regina Herdegen, Suchtexpertin im AOK-Bundesverband, im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams).
Im Herbst laden deutschlandweit Volksfeste zum Feiern ein. Besteht die Gefahr, dass dann auch wieder viele Jugendliche zu tief ins Glas sehen?
Herdegen: Die Gefahr besteht auf jeden Fall, denn viele junge Leute nutzen jede Gelegenheit, um Alkohol zu trinken. Auf Volksfesten kommen sie leicht an Bier, Wein und Hochprozentiges heran. Die Erwachsenen geben bei solchen Festen kein gutes Vorbild ab, sondern trinken selbst viel. Sie machen den Jugendlichen vor, dass Alkohol zum Feiern dazugehört. Die jungen Leute ahmen dieses Verhalten im Prinzip nur nach.
Trinken Jugendliche heute tatsächlich mehr als früher?
Herdegen: Insgesamt ist der regelmäßige Alkoholkonsum bei jungen Leuten in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Das zeigen Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Deutlich zugenommen hat allerdings der Anteil derer, die sich bis zum Vollrausch betrinken. Das sogenannte Binge-Trinken, das als Anzeichen für riskanten Alkoholkonsum gilt, ist bei Jugendlichen weit verbreitet. So haben nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über 20 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen in den letzten 30 Tagen bei einer Gelegenheit gleich fünf Gläser oder mehr getrunken.
Wie kommt es, dass manche Jugendlichen beim Alkoholkonsum jedes Maß verlieren?
Herdegen: Viele Jugendliche können noch nicht einschätzen, welche Trinkmenge für sie gefährlich ist, und trinken deshalb zu viel. Oft trinken sie außerdem zu schnell und merken dadurch zu spät, dass sie längst betrunken sind. Gefährlich sind zudem der sogenannte Gruppenzwang und Saufspielchen, die derzeit sehr beliebt sind. Dazu werden junge Leute auch durch niedrige Preise für alkoholische Getränke in Discos und Kneipen verleitet, sogenannte Drink-Flatrates. Natürlich gibt es auch Jugendliche, die durch Alkohol ihre Probleme vergessen wollen.
Welche gesundheitlichen Folgen hat es, wenn Jugendliche exzessiv trinken?
Herdegen: Je früher Heranwachsende mit dem Alkoholkonsum anfangen, desto gesundheitsschädlicher ist er. Alkohol schädigt die Leber und greift stark ins Gehirn ein, verändert die Wahrnehmung, die Reaktionsfähigkeit und das Urteilsvermögen. Dadurch passieren auch häufiger Unfälle. Wer als Jugendlicher bereits viel trinkt, läuft zudem stärker Gefahr, später alkoholabhängig zu werden. Langfristig kann durch Alkoholmissbrauch auch die Intelligenz leiden.
Wie viel Alkohol ist in jungen Jahren vertretbar?
Herdegen: Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sollten überhaupt keinen Alkohol trinken, über 16-Jährige sehr wenig. Wie viel Alkohol der Einzelne verträgt, hängt unter anderem vom Körpergewicht ab. Bei Erwachsenen gilt als grobe Faustregel, dass Frauen maximal zwölf Gramm reinen Alkohol am Tag trinken sollten, das ist etwa ein achtel Liter Wein. Männer sollten höchstens 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag trinken. Das entspricht in etwa zwei Flaschen Bier. Damit der Griff zur Flasche nicht zur Gewohnheit wird, sollte an mindestens zwei Tagen pro Woche nichts getrunken werden. Am besten ist es, Bier, Wein oder andere alkoholische Getränke langsam und mit Genuss zu trinken und zwischendurch Wasser oder andere nicht-alkoholische Getränke. Alkohol sollte nie als Durstlöscher dienen. Bei einer Schwangerschaft sollte das Motto „Null Promille“ gelten, um pränatale Schäden beim Ungeborenen zu vermeiden.
Was können die Eltern tun?
Herdegen: Eltern sollten mit gutem Beispiel vorangehen und Alkohol mit Genuss trinken, nicht in rauen Mengen und auch nicht täglich. Wichtig sind zudem klare Regeln. So sollten Kinder unter 16 Jahren in der Familie keinen Alkohol trinken dürfen. Viele Erwachsene sehen dies allerdings nicht so eng. So haben Befragungen gezeigt, dass die meisten Heranwachsenden im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal Alkohol trinken, und zwar häufig ausgerechnet bei Familienfeiern. Ganz wichtig ist es auch, dass Eltern ihren Kindern Geborgenheit geben und ihr Selbstwertgefühl stärken. Die Kinder sollten lernen, auch einmal nein zu sagen und nicht alles mitzumachen. Wer genügend Selbstvertrauen hat, ist weniger gefährdet, bei Problemen zu Alkohol oder anderen Drogen zu greifen.
Wo sollten Präventionsangebote ansetzen?
Herdegen: Projekte zur Suchtprävention sollten möglichst früh ansetzen und auf den erhobenen Zeigefinger verzichten. So unterstützt die AOK jedes Jahr die "Aktionswoche Alkohol", die die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung veranstaltet. Daran beteiligen sich Organisationen, Verbände und Selbsthilfegruppen. Unter dem Motto "Alkohol? Kenn dein Limit" wurden in diesem Jahr junge Leute mit Hilfe eines Selbsttests angeregt, ihren Umgang mit Alkohol zu hinterfragen.
An welchen Präventionsprojekten ist die AOK noch beteiligt?
Herdegen: Die AOK Hessen unterstützt das Projekt "Papilio", das bereits im Kindergartenalter ansetzt. Darin trainieren die Kinder spielerisch grundlegende soziale Verhaltensweisen, etwa den sozialen Umgang miteinander. Dafür werden die Erzieherinnen der beteiligten Einrichtungen speziell geschult. Ziel des Projekts ist es, die sozial-emotionale Kompetenz und damit die psychosoziale Gesundheit der Kinder zu fördern. Dies soll sie später davor schützen, in schwierigen Situationen mit Suchtverhalten oder Gewalt zu reagieren. Das Programm wird wissenschaftlich begleitet.
Weitere Infos zu Papilio und zur Aktionswoche Alkohol






