Wechsel junger Versicherter zur PKV für Allgemeinheit teuer
Drei Fragen an: Dr. Klaus Jacobs, Geschäftsführer WIdO
Dr. Klaus Jacobs, Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)
11.12.09 (ams). Ein Wechsel junger und gesunder Versicherter von einer gesetzlichen Krankenkasse zu einer privaten Krankenversicherung kommt die Allgemeinheit nach Worten von Dr. Klaus Jacobs, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), teuer zu stehen. Die Einnahmeverluste für den Gesundheitsfonds könnten sich in diesem Jahr gut auf bis zu eine halbe Milliarde Euro summieren. „Für mich ist es völlig unverständlich, dass sich Deutschland immer noch eine wettbewerbsschädliche Marktsegmentierung in zwei getrennte Krankenversicherungssysteme leistet“, sagt der WIdO-Geschäftsführer im Gespräch mit dem AOK-Medienservice (ams).
Nach Angaben des Verbands der privaten Krankenversicherung (PKV) haben sich allein im ersten Halbjahr 2009 weitere 98.800 Personen privat krankenversichert, nach 90.300 Menschen im Jahr 2008. Wie bewerten Sie das?
Jacobs: Zunächst einmal haben dazu auch bestimmte Sondereffekte beigetragen. Das haben die privaten Krankenversicherer ja selbst mitgeteilt. Nicht alle PKV-Neuzugänge sind aus der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gekommen. Hier macht sich vor allem die neu eingeführte Versicherungspflicht bemerkbar. Im Jahr 2008 waren von den rund 90.000 Neuzugängen in der PKV nur gut die Hälfte "echte" Neuzugänge, also Wechsler aus der GKV. Die restliche Zunahme beruhte auf Sondereffekten. Auch bei den jetzt für das erste Halbjahr 2009 gemeldeten 98.800 Neuzugängen spielen entsprechende Sondereinflüsse eine Rolle.
Was bedeutet das für die Gemeinschaft der gesetzlich Versicherten?
Jacobs: Selbst wenn im ersten Halbjahr 2009 wieder "nur" rund 50.000 Menschen aus der GKV in die PKV abgewandert wären, hätte das für die Finanzausstattung der Krankenkassen erhebliche Einbußen zur Folge. Bei einem unterstellten Maximalbeitrag von knapp 570 Euro pro Monat bedeutet der Verlust von 50.000 freiwillig Versicherten allein im ersten Halbjahr 2009 Mindereinnahmen von bis zu 170 Millionen Euro. Im zweiten Halbjahr kommen durch diese Personen weitere Einnahmeverluste von 164 Millionen Euro hinzu. Dabei habe ich berücksichtigt, dass der Beitragssatz zum Gesundheitsfonds zum 1. Juli 2009 von 15,5 auf 14,9 Prozent gesenkt wurde. Sollten im zweiten Halbjahr 2009 noch einmal rund 50.000 Versicherte von der GKV in die PKV wechseln, beliefe sich der gesamte Einnahmeverlust der GKV 2009 auf bis zu einer halben Milliarde Euro – Mindereinnahmen, die von den anderen gesetzlich Versicherten oder von der Allgemeinheit der Steuerzahler fast vollständig kompensiert werden müssen.
Was verändert sich durch die Abgänge bei den Ausgaben?
Jacobs: Wahrscheinlich äußerst wenig. Man muss grundsätzlich davon ausgehen, dass nicht nur einkommensstarke, sondern auch überwiegend junge und gesunde Versicherte ohne Familienangehörige von der GKV zur PKV wechseln. Die privaten Krankenversicherungen kalkulieren ihre Prämien ja nach dem Alter und individuellen Krankheitsrisiko und nehmen zudem gar nicht jeden auf. Die jungen und gesunden Versicherten verursachen in der Regel aber nur geringe Ausgaben. Folglich bleiben die Gesamtausgaben der GKV durch ihren Abgang nahezu unverändert. Deutschland ist mittlerweile das einzige Land in Europa, das eine solche Entwicklung zulässt und sich noch ein Nebeneinander unterschiedlicher Krankenversicherungssysteme leistet. Die Niederlande haben das ökonomisch unsinnige und wettbewerbsschädliche Nebeneinander von zwei getrennten Krankenversicherungssystemen – als vorletztes Land in Europa – 2006 abgeschafft und einen einheitlichen Krankenversicherungsmarkt für die gesamte Bevölkerung geschaffen. Die neue Bundesregierung aber will an der Markttrennung festhalten und den Wechsel zur PKV für Gutverdiener sogar wieder erleichtern. Im Koalitionsvertrag ist die Rede von einem "konstitutiven Element eines freiheitlichen Gesundheitswesens". Wessen Freiheit ist dabei eigentlich gemeint? Die von mehr als 62 Millionen GKV-Pflichtversicherten und ihren Familienangehörigen – also von drei Vierteln der deutschen Bevölkerung – wohl kaum. Denn die müssen ja – wie gesehen – die "Freiheit" der privilegierten Wechsler teuer bezahlen. Aber auch die mehr als vier Millionen Beamte und Pensionäre und deren Angehörige – nahezu die Hälfte aller PKV-Vollversicherten – können kaum gemeint sein: Sie sind aufgrund ihrer Beihilfeansprüche faktisch PKV-pflichtversichert. Und bekommen immer höhere Selbstbeteiligungen aufgebrummt, weil vor allem die Finanzminister der Länder die explodierenden Beihilfeausgaben kaum noch stemmen können.






