"Diese Reform der Rabattvertäge rettet keinen Arbeitsplatz"
ams-Interview : Dirk Ullrich, AxiCorp GmbH
21.07.10 (ams). In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und FDP die "Weiterentwicklung der Rabattverträge" vereinbart. Ihr Ziel: mittelständische Unternehmen schützen. Dazu wollen sie unter anderem weitere Teile des Kartellrechts auf das Gesundheitswesen ausdehnen. "Dem Mittelstand wird diese Reform nicht helfen", sagt Dirk Ullrich. Der Chef des mittelständischen Pharmaunternehmens AxiCorp befürwortet das AOK-Modell der exklusiven regionalen Arzneiverträge, das mit der Reform auf dem Spiel steht. "Die Exklusivverträge über regionale Lose sind die Lösung dafür, dass hier nicht alle aussterben", sagt Ullrich im ams-Interview. Er befürchtet massive Nachteile für kleine und mittlere Unternehmen, wenn durch das geplante Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) eine neue Klagewelle gegen die Arzneimittelverträge ausgelöst wird.
Herr Ullrich, sind die Rabattverträge der "Sargnagel" der mittelständischen Pharmaindustrie?
Ullrich: Das deutsche Gesundheitssystem hat sich für Rabattverträge entschieden. Alle müssen sich auf Rabattverträge einstellen – auch der Mittelstand. Das ist eine riesige Herausforderung. Die Probleme des Mittelstandes haben auch, aber nur bedingt mit den Rabattverträgen zu tun. Es würde auch ohne sie eine Marktbereinigung geben. Die "guten alten Zeiten" für die Pharmaindustrie sind vorbei. Wer glaubt denn noch, dass hierzulande Generika-Arzneimittel hergestellt werden? 75 Prozent der Generika weltweit – zumindest die Rohstoffe – stammen schon jetzt aus Indien. In Deutschland steht allenfalls noch ein Tabletten-Presswerk. Für die kleinen und mittleren Unternehmen wird der Wettbewerb nicht gerechter. Nehmen Sie nur das Lobbying in Berlin: Welche Unternehmen werden denn durch den Branchenverband "Pro Generika" vertreten?
Union und FDP führen ausdrücklich die Arbeitsplätze im Mittelstand als Argument für ihre Reformpläne an.
Ullrich: Kein Arbeitsplatz in Deutschland wird gerettet, indem man eine exklusive Ausschreibung verhindert und drei oder vier Unternehmen Zuschläge ermöglicht. Im Gegenteil: Die Exklusivverträge über regionale Lose, wie die AOK sie praktiziert, sind die Lösung dafür, dass hier nicht alle aussterben. Wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich für exklusive Rabattverträge mit garantiertem Absatz zu einem festen Preis. Das ist planbar. Gewinne ich als kleines Unternehmen den Zuschlag, mache ich einen Riesensprung nach vorne. Als Mittelständler habe ich dagegen ein Riesenproblem, wenn ich bei einer Krankenkasse als eines von drei Unternehmen den Zuschlag erhalte und mich dann gegen Ratiopharm, Stada oder Hexal durchsetzen muss. Die Apotheker verkaufen bevorzugt die Produkte der Branchenführer. AxiCorp bliebe dann auf der bestellten Ware sitzen. Denn um überhaupt einen Zuschlag zu erhalten, müssen wir ja Lieferfähigkeit nachweisen. Ich muss also Medikamente ordern, ohne genau zu wissen, was ich später absetzen kann.
Das legt nahe, dass Sie auch der im AMNOG-Entwurf vorgesehenen Mehrkostenregelung wenig abgewinnen können. Sie soll es den Patienten erlauben, gegen Aufpreis das Wunschpräparat statt des Vertragsprodukts
der Krankenkasse zu wählen.
Ullrich: Da hätte ich das gleiche Problem wie bei den Mehrfach-Zuschlägen. Die Patienten lassen sich bei der Wahl ihres Medikamentes natürlich von den Apothekern beeinflussen, die wiederum die bekannten großen Marken bevorzugt abgeben. Aber in dieser Frage sind wir eigentlich ganz entspannt, weil sich diese Regelung als Scheinregelung herausstellen wird. Seien wir ehrlich: Welcher Versicherte wird denn in der Apotheke wirklich selbst zahlen?
Wie haben sich die Arzneimittelverträge bisher für Ihr Unternehmen ausgewirkt?
Ullrich: Wir sind seit Juni 2009 exklusiver Rabattpartner der AOK beim Diabetesmittel Metformin. Vor dem Zuschlag lag unser Marktanteil bei 0,5 Prozent. Durch die AOK-Verträge haben wir einen Anteil von 25 Prozent erreicht. Einschließlich weiterer Verträge mit anderen Krankenkassen liegt AxiCorp im Moment bei mehr als 30 Prozent Marktanteil für Metformin. Selbst wenn Verträge auslaufen und wir keinen neuen Zuschlag erhalten, fallen wir sicher nicht mehr auf 0,5 Prozent zurück. Durch die Rabattverträge haben wir ja einen gewissen Bekanntheitsgrad bei Apothekern und Patienten erlangt.
Wie fangen Sie die Rabatte, die sie den Kassen einräumen, betriebswirtschaftlich auf?
Ullrich: Wir verzichten auf Marketing und Vertrieb und konzentrieren uns auf eine professionelle Einkaufs- und Zulassungsabteilung. Weil der Absatz garantiert ist, brauche ich keinen Außendienst, der alle zwei Wochen die Apotheke besucht. Was mir wichtig ist: Wir haben wegen der Rabattverträge keine Leute entlassen, sondern den Betrieb umorganisiert. Und natürlich haben wir den Einkauf in Indien optimiert.
Die Bundesregierung will insbesondere die Arzneimittelrabattverträge dem Kartellrecht unterwerfen. Die bisherigen Urteile der Sozialgerichte verlören ihre Bindungswirkung. Welche Folgen hätte das für Ihr Unternehmen?
Ullrich: Der Streit um die Rabattverträge wird von vorne losgehen. Die Klagen liegen doch bestimmt schon in den Schubladen. Für uns und anderer mittlere Unternehmen wäre das der Mega-Gau. Das Verlängern oder die Neuausschreibung von Verträgen wird sich unendlich verzögern. Als Unternehmen brauche ich aber Planungssicherheit. Wenn die Politik das so umsetzt, müsste ich Marketing und Vertrieb wieder einführen. Deshalb plädiere ich für Rabattverträge mit exklusivem Zuschlag und garantiertem Absatz zum Festpreis.
Wir sollten uns entscheiden: Entweder die Politik will Rabattverträge, was ich so wahrnehme, oder sie hat ein neues Konzept zur Realisierung von Einsparungen. Jedenfalls hat alles eine Konsequenz. AxiCorp ist ja bestes Beispiel dafür, dass es der AOK gelungen ist, vorhandene Oligopolstrukturen zugunsten kleinerer Firmen zu knacken. Auch wenn es jeweils nur für zwei Jahre gilt. Das wichtigste für Unternehmer ist ein planbares Umfeld.
Zur Person:
Dirk Ullrich ist Geschäftsführender Gesellschafter der 2002 gegründeten AxiCorp GmbH und Vorstandsvorsitzender der 2005 ausgegliederten Generika-Tochter axcount Generika AG. Die Firmengruppe mit Sitz bei Bad Homburg gehört zu den Top 40 der Pharmaunternehmen in Deutschland. Sie beschäftigt 250 Mitarbeiter und erzielte 2009 einen Umsatz von 133 Millionen Euro. AxiCorp ist AOK-Vertragspartner für das Diabetesmittel Metformin.
Mehr Infos zum Thema Arzneimittelrabattverträge






