Lückenschluss funktioniert am besten im Dialog vor Ort

AOK im Dialog

 Foto: Atrium in der Rosenthaler Straße

(12.09.19) Die Lücken in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum lassen sich am besten durch differenzierte regionale Lösungen schließen. Dabei sollte die Politik den Beteiligten einen möglichst großen Gestaltungsspielraum für innovative Konzepte lassen, die bereits an vielen Stellen in Deutschland entwickelt und umgesetzt werden. Das sind zentrale Botschaften der Podiumsdiskussion "AOK im Dialog" in Berlin.

Zu der Expertenrunde unter dem Motto "Landarztidylle war gestern. Was kommt morgen?" konnte der stellvertretende Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Jens Martin Hoyer, die Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann (CDU) und Dr. med. Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis90/Grüne), den Präsidenten der Bundesärztekammer, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, und den Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, begrüßen. Moderiert wurde der Abend im Atrium des AOK-Bundesverbandes durch den TV-Journalisten Sascha Hingst.

Foto: Gitta Connemann (CDU/CSU)

Gitta Connemann

"Vor allem die Menschen im ländlichen Raum machen sich Sorgen. Sie nehmen wahr, dass die medizinische Versorgung schlechter wird", sagte Hoyer eingangs mit Blick auf die Ergebnisse einer forsa-Befragung im Auftrag der AOK. Mit der im Frühjahr gestarteten Initiative Stadt.Land.Gesund. engagiere sich die AOK verstärkt bei der Suche nach geeigneten Lösungen für die anstehenden Herausforderungen.

Worin diese Herausforderungen bestehen, zeigte zu Beginn ein kurzer Film über die Situation in der knapp 1.100 Einwohner zählenden Gemeinde Burk im Landkreis Ansbach in Mittelfranken: kein Arzt mehr im Ort, der Metzger hat dichtgemacht und der Bus kommt nur noch zwei Mal pro Tag. Die Gemeinde hat deshalb einen Fahrdienst organisiert, der vor allem Ältere zu Ärzten in der weiteren Umgebung bringt.

Eine Situation, die Gitta Connemann aus ihren Bürgersprechstunden gut kennt. Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion vertritt im Bundestag seit 2002 den Wahlkreis Unterems, zu dem neben dem Landkreis Leer mit der Nordseeinsel Borkum auch Teile des Landkreises Emsland gehören. Sie sagt: "Ob Hausarzt, Pflege- oder Hebammenversorgung - die Besorgnis ist gestiegen." Als Beispiel nannte sie die Samtgemeinde Nordhümmlingen. Für rund 12.000 Einwohner gebe es dort noch fünf Ärzte - "aber keiner jünger als 59".

 Foto: Klaus Reinhardt (BÄK)

Dr. Klaus Reinhardt

Etwas entspannter ist die Situation in Großstädten wie Bremen. Dort hat Dr. Kirsten Kappert-Gonther zuletzt zwölf Jahre als niedergelassene Ärztin praktiziert, bevor sie 2017 in den Bundestag gewählt wurde. "Die Probleme konzentrieren sich hier vor allem auf soziale Brennpunkte, etwa wenn es keine Nachfolge für einen Kinderarzt gibt", berichtete die Grünen-Politikern, die gemeinsam mit Cem Özdemir den Vorsitz der Grünen-Bundestagsfraktion anstrebt.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt riet zu einer differenzierten Betrachtung: "Unterschiede gibt es nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen den ländlichen Räumen." In den Speckgürteln von Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München laufe es gut. Richtig problematisch werde es in Regionen fernab der Ballungsgebiete, etwa in der Hocheifel oder in der Uckermark. Der Allgemeinmediziner plädierte für Ehrlichkeit: "Wir werden es nicht schaffen, überall eine ärztliche Versorgung hinzubekommen, wie wir sie in den letzten 50 Jahren hatten. Deshalb sollten wir aber keine Panik verbreiten, sondern gemeinsam intelligente Lösungen entwickeln. Nur so können wir den Menschen die Sorge nehmen, ganz allein und unversorgt da zu stehen."

Foto: Dr. Christopher Hermann (AOK Baden-Württemberg)

Dr. Christopher Hermann

Die AOK sehe sich als regionale Krankenkasse in einer besonderen Verantwortung, betonte Christopher Hermann. "Wir nehmen das O in unserem Namen sehr ernst. In Baden-Württemberg sind wir mit 230 KundenCentern in so gut wie jedem größeren Ort vertreten. Wir können handeln, weil wir die Probleme vor Ort am besten kennen." Das sei etwas anderes als die `Mega-Überflieger-Perspektive´ der Bundespolitik, so Hermann mit Blick auf die aktuelle und aus seiner Sicht viel zu zentralistisch angelegte Gesundheitsgesetzgebung.

Aus Sicht der Unionspolitikerin Connemann ist die romantische Vorstellung vom Landarzt in jedem Dorf "schon lange Folklore". Work-Life-Balance gelte auch für junge Ärzte. Es brauche deshalb neue Modelle, die man vor Ort und vernetzt mit anderen politischen Initiativen für die Entwicklung des ländlichen Raum umsetzen könne, darunter zum Beispiel das Bundesprogramm Land.Digital.. Sie bemängelte jedoch, dass viele gelungene Modellprojekte nach Auslaufen der Erprobung nicht fortgesetzt werden. „Wir müssen nicht alles festschreiben und brauchen den Mut für flexible Lösungen. Denn es gibt nicht DIE ländlichen Räume.“

Foto: Kirsten Kappert-Gonther (B90/Die Grünen)

Kirsten Kappert-Gonther

"Es braucht nicht in jedem Ort einen Arzt, aber die Sicherheit, in angemessener Frist medizinische Hilfe und im Notfall zu einem Arzt zu kommen ", sagte auch Kappert-Gonther. "Das Modell der Einzelpraxis ist für viele nicht mehr attraktiv und auf Dauer nicht tragfähig. Wir brauchen eine vernetzte Versorgung mit Verbünden aus ärztlichen und nichtärztlichen Gesundheitsberufen. Wir brauchen mehr Delegation und dazu die Definition, was eine genuin ärztliche Leistung ist."

Beim Thema Delegation verwies AOK-Chef Hermann auf das Erfolgsprojekt VERAH. Verankert im Hausarztprogramm der AOK Baden-Württemberg mit knapp 1,7 Millionen eingeschriebenen Versicherten sind inzwischen 2.300 speziell geschulte Medizinische Fachangestellte als Versorgungsassistentinnen der 5.000 beteiligten Hausärzte im Land unterwegs. Sie übernehmen ärztlich delegierbare Aufgaben wie das Medikamenten- und Wundmanagement oder regelmäßiges Blutdruckmessen. "Das sind inzwischen rund 100.000 Routinebesuche pro Jahr, die unsere Hausärzte entlasten und ihnen helfen, sich auf ihre wesentlichen medizinischen Aufgaben zu konzentrieren", so Hermann.

Landarztidylle war gestern. Was kommt morgen?

Die Lücken in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum lassen sich am besten durch regionale Lösungen schließen. Die AOK engagiert sich dafür vor Ort.

"Das ist für uns Ärzte eine ganz große Entlastung", stellte Klaus Reinhardt fest, der in der eigenen Hausarztpraxis in Bielefeld selbst zwei Versorgungsassistentinnen beschäftigt. Dass es inzwischen in der ganzen Bundesrepublik AGNES, EVA oder VERAH gebe, sei   auch dem Engagement der AOKs zu verdanken. Die Bundesärztekammer biete dazu bereits ein eigenes Fortbildungsprogramm an. „Wir brauchen solche Möglichkeiten der Delegation unter Verantwortung des Arztes, um die Versorgung auf dem Land zu sichern. Das sollten wir weiter ausbauen“, so Reinhardt. Er warnte aber vor Insellösungen und "unnötigen Schnittstellen" bei der Entwicklung neuer Versorgungsmodelle.

 Foto: Frager aus dem Publikum

Das Publikum diskutierte engagiert mit

Für die AOK Baden-Württemberg rechne sich die Alternative Regelversorgung der Hausarztzentrierten Versorgung auch wirtschaftlich, machte Hermann deutlich: "Die beteiligten Ärzte werden zwischen 30 und 40 Prozent besser vergütet als im Regelleistungssystem. Dank der gezielten Betreuung durch die Hausärzte können wir jährlich aber allein rund 10.000 unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden." Sein Credo: "Es gibt genug Geld im System, wir geben es nur an vielen Stellen falsch aus."

In der Diskussion ging es auch um die Zahl der Medizinstudienplätze und die Steuerung der ärztlichen Versorgung. Einig war sich die Runde darin, dass es bei der "Landarztfrage" nicht nur um Einkommen gehe. "Es geht bei jungen Ärztinnen und Ärzte immer mehr um die Frage `Wie möchte ich leben´. Das betrifft die Infrastruktur am Wohnort, aber auch andere Kooperationsformen als die Einzelpraxis", konstatierte Kappert-Gonther. "Wenn eine Gemeinde sich um einen Arzt bemühe, gelte es inzwischen auch, den Arbeitsplatz der Lebenspartnerin oder des Partners und die Ausbildungsmöglichkeiten der Kinder im Blick zu haben, warf Gitta Connemann ein.

Es gebe rein statistisch mehr Ärztinnen und Ärzte, aber weniger zur Verfügung stehende Arztstunden. Durch neue Familien-, Lebens- und Arbeitsmodelle verteile sich die ärztliche Arbeit inzwischen ganz anders. Auch dies trage zu Versorgungsengpässen bei, merkte Reinhardt an.

Einig war man sich wieder in der Einschätzung, dass telemedizinische Anwendungen und die Digitalisierung des Gesundheitswesens ein wichtiger Schlüssel zur Lösung der Versorgungsprobleme auf dem Land seien. Als "Leuchtturmprojekte" wurden bei der Veranstaltung die "Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche (ViDiKi)" der Uniklinik Kiel, an der die AOK Nordwest federführend beteiligt ist, sowie das Projekt Telederm der AOK Baden-Württemberg zur dermatologischen Betreuung von Patienten vorgestellt.

Die ärztliche Therapieentscheidung könne aber auch eine noch so intelligente Digitalisierung nicht ersetzen, machten Ärztin Kappert-Gonther und Arzt Reinhardt deutlich. Und für ein Funktionieren der Telemedizin brauche es eben auch ein flächendeckend funktionierendes Internet. Deshalb teile sie auch nicht die Aussage von Bundesforschungsministerin Anja Karlicek, dass man 5-G nicht an jeder Milchkanne brauche, machte Connemann deutlich.

"Wir haben eine Fülle von Ideen und Projekten und bringen sie auch in Zusammenarbeit mit den Kommunen ein", betonte Christopher Hermann. Bei Städten und Kreisen beobachte er ein "deutlich gesteigertes Problembewusstsein". So wie es immer schon um die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie gegangen sei, müsse man sich jetzt auch intensiv um die medizinische Versorgung kümmern." Dazu müsse man auch "Kirchturmdenken" überwinden, merkte Gitta Connemann an.

Ärztekammerpräsident Reinhardt wünschte sich, dass mehr erfolgreiche Modellprojekte in die Regelversorgung übernommen werden sollten. "Laborbedingungen lassen sich nicht so leicht eins zu eins übertragen", warnte Hermann. "Projekten, die mit viel Euphorie und Herzblut der Beteiligten sehr gut funktionieren, geht bei flächendeckender Umsetzung schnell mal die Luft aus." Der Vorstandschef plädierte für mehr Freiwilligkeit statt Pflicht und eine Abkehr von überbordender Regelungswut: "Das Sozialgesetzbuch kann man ja kaum noch tragen, geschweige denn lesen."

Das Fazit des Abends war Jens Martin Hoyer vorbehalten: "Die Regionen sind sehr unterschiedlich. Wir brauchen differenzierte Lösungen, für die unsere föderalen Strukturen gute Bedingungen bieten. Gefragt sind Gestaltungsspielräume vor Ort und keine zentralen Regelungen."