1. Preis: Arbeitsgruppe Arriba der Philipps-Universität Marburg

Berliner Gesundheitspreis 2008/09

Arriba – Präventionsberatung in der allgemeinärztlichen Praxis

Die Computersoftware Arriba verbessert die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, indem sie beispielsweise die Risiken eines Herzinfarkts oder die positive Wirkung einer Ernährungsumstellung berechnet. Das Ergebnis stellt sie mit Hilfe von graphischen Elementen wie Smileys für den medizinischen Laien anschaulich dar. So hilft das Programm dem Patienten, sein Gesundheitsrisiko zu bestimmen und eine Behandlungsstrategie zu wählen, die seinen Lebensumständen und seinem individuellen Gesundheitsbedürfnis am besten entspricht. Ergänzt wird dieses Instrument der Patientenberatung durch Hinweise zur Gesprächsführung für den Arzt. Arriba wurde 2001 von den Abteilungen Allgemeinmedizin der Universitäten Marburg sowie Düsseldorf entwickelt und lässt sich in der hausärztlichen oder internistischen Praxis einsetzen.

Kontakt:

Professor Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, MHSc
Philipps-Universität Marburg
Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin
Robert-Koch-Straße 5, 35032 Marburg
Telefon: 06421 - 28 65 119
E-Mail-Kontakt
www.arriba-hausarzt.de
 

Entscheidungshilfe für Ärzte und Patienten

Muss sich eine 47-jährige Nichtraucherin mit einem Gesamtcholesterinwert von 260 Sorgen machen? Die Entscheidungshilfe »arriba« hilft Ärzten und Patienten dabei, individuelle Risiken einzuschätzen und gemeinsam angemessene Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Die Entscheidungshilfe arriba-Herz, die seit 2001 in der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg entwickelt wurde, verknüpft verschiedene Risikofaktoren eines Patienten zu einem individuellen Gesamtrisiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Seit gut einem Jahr ermöglicht es nun eine neu entwickelte computergestützte Fassung namens e-arriba dem Hausarzt, dieses individuelle Gesamtrisiko mit wenigen Klicks am Praxiscomputer zu berechnen und seinen Patienten entsprechend zu beraten. "arriba" steht für "absolute und relative Risiko-Reduktion - individuelle Beratung in der Allgemeinarztpraxis.

Brücke zwischen Theorie und Praxis

Zwei Überlegungen standen bei der Entwicklung im Vordergrund, erinnert sich der Marburger Professor Dr. Norbert Donner-Banzhoff, der arriba-Herz ursprünglich aus der Taufe gehoben hat: "Eine Therapie ist aufwendig, sie bringt Nebenwirkungen und Kosten mit sich. Darum ist es sinnvoll, sie vor allem denjenigen Patienten zukommen zu lassen, die auch wirklich davon profitieren. Die Ergebnisse aus großen klinischen Studien sind da sehr nützlich. Aber die abstrakten Zahlen müssen übersetzt und für die Praxis handhabbar gemacht werden. Außerdem müssen die Ärzte etwas in der Hand haben, das den Patienten anschaulich und verständlich sagt: Hier steht ihr. Das sind eure Aussichten für die nächsten zehn Jahre. Und das und das könnt ihr daran ändern."

Das Risiko vor Augen führen

In der praktischen Anwendung sieht das heute so aus: Auf der Grundlage des Blutdrucks, der Werte für Gesamt- und HDL-Cholesterin sowie einiger Angaben zu Alter, Geschlecht und Zusatzrisiken wie Rauchen, Diabetes und familiäre Vorbelastung ermittelt der Computer auf der Basis der bestmöglichen verfügbaren Evidenz blitzschnell das individuelle Risiko des jeweiligen Patienten und stellt es auf Wunsch grafisch dar: Punkt, Punkt, Komma, Strich - auf dem Computermonitor erscheinen, in Reihen angeordnet, hundert Smileys. Sie stellen 100 Patienten dar, die die gleiche Risikokonstellation aufweisen wie der Patient, der gerade beraten wird. Je mehr lächelnde gelbe Smileys zu sehen sind, desto weniger besteht Grund zur Sorge. Leuchten dagegen etliche der kreisrunden Gesichter rot und lassen die Mundwinkel traurig hängen, sind therapeutische Maßnahmen ratsam: Jeder rote Smiley steht für einen "Risiko-Doppelgänger", der rein statistisch betrachtet innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleiden wird. Leuchten bei der eingangs erwähnten Beispielpatientin nur drei Smileys rot, besteht also trotz des erhöhten Gesamtcholesterinwertes kein Behandlungsbedarf. "Besonders gut gefällt den Patienten, dass arriba das individuelle Risiko so transparent, so erfassbar macht", weiß Dr. Armin Mainz, der im hessischen Korbach als Hausarzt praktiziert und bereits die alte Papierversion arriba-Herz gern nutzte. Auch die kam bei den Patienten gut an, ergab eine Studie mit über tausend Teilnehmern. Die meisten waren mit arriba wesentlich zufriedener als mit einer herkömmlichen Beratung. "Das Schöne an der elektronischen Fassung ist jetzt, dass man verschiedene Behandlungsoptionen durchspielen kann", so Mainz weiter. In Sekundenschnelle können Arzt und Patient am Bildschirm sehen, wie sich eine medikamentöse Behandlung, ein Rauchstopp oder regelmäßige Bewegung Sport auf die Risikoprognose auswirken: Orangefarbene Smileys zeigen an, wie viele von hundert Patienten mit gleichem Ausgangsrisiko von diesen Maßnahmen profitieren würden. Alle Ergebnisse sind wissenschaftlich untermauert und auf dem neuesten Stand der Forschung.

Risikoadäquate Beratung

Auf dieser gesicherten Grundlagekönnen Arzt und Patient dann gemeinsam die weiteren Schritte planen und sich für oder gegen bestimmte Therapieoptionen entscheiden. "Grundsätzlich kann arriba immer dann eingesetzt werden, wenn Patient oder Arzt oder beide Entscheidungsbedarf sehen. Immer dann, wenn etwa der Patient sagt: Müssen denn diese vielen Tabletten sein? Oder wenn der Arzt das Gefühl hat, hier müssen wir angesichts einer erheblichen Risikokonstellation eine intensivere Behandlung zumindest mal besprechen", erläutert Professor Norbert Donner-Banzhoff. Das Konzept geht dabei weit über die reine Patienteninformation hinaus. arriba liefert darüber hinaus auch eine hausärztliche Beratungsstrategie zur patientenzentrierten Prävention, einschließlich Tipps zur Gesprächsführung in sechs Schritten. Die partizipative Entscheidungsfindung wird dadurch erleichtert, bestätigt Hausarzt Armin Mainz: "Die Beratung orientiert sich sehr stark am jeweiligen Sicherheitsbedürfnis des Patienten, an seinen Sorgen und Ängsten."

Zuverlässig und unabhängig

Die Einbindung in das Arzt-Patient-Verhältnis lag den arriba-Entwicklern von Anfang an am Herzen: "Risikorechner gibt es ja inzwischen einige", sagt Norbert Donner-Banzhoff. "Aber arriba ist primär für die Unterstützung des Gesprächs zwischen Patient und Arzt gedacht. Man braucht Laborwerte, die medizinische Vorgeschichte spielt eine Rolle, es sind Emotionen im Spiel - das ist im Gespräch mit dem Arzt optimal aufgehoben. "Auch die Ärzte selbst profitieren von dieser Entscheidungshilfe, ergänzt Hausarzt Armin Mainz: "arriba" ist wissenschaftlich fundiert, sehr integer und interessensneutral. Ich habe das gute Gefühl, den Patienten jeweils auf dem Stand der Wissenschaft zu beraten. Und auch wenn keine Behandlung nötig ist, bleibt das zufriedene Gefühl, dieses Thema erschöpfend behandelt zu haben, sodass bei der nächsten Konsultation mehr Zeit für andere Fragen bleibt."

Große Ziele für die Zukunft

"Wir haben den Eindruck, dass arriba inzwischen zum Selbstläufer mit viraler Ausbreitung geworden ist", freut sich Norbert Donner-Banzhoff. Mit der AOK Baden-Württemberg wurde bereits vereinbart, dass arriba dort integraler Bestandteil der hausarztzentrierten Versorgung wird. Großen Wert legt Norbert Bonner-Banzhoff auf die Tatsache, dass das Erfolgsmodell ein Gemeinschaftswerk ist: Die ursprüngliche Papierversion wurde mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in der Abteilung für Allgemeinmedizin der Universität Marburg entwickelt. In die aktuelle Fassung sind die Erfahrungen von Hunderten von Hausärzten eingeflossen.  Die Software-Version hat ein Team um Dr. Attila Altiner an der niversität Düsseldorf entwickelt. Die weitgehend selbsterklärende Java-Anwendung läuft auf jedem Betriebssystem und kann von der Projekt-Homepage www.arriba-hausarzt.de kostenlos heruntergeladen werden. Mussten die Ärzte bei der alten Papierversion noch vieles im Kopf rechnen, erledigt dies jetzt Kollege Computer. "Der Software gehört die Zukunft", davon ist der Marburger Wissenschaftler überzeugt. Und für diese Zukunft haben er und die vielen anderen "Macher" von arriba noch viel vor: "Unsere Vision ist eine ganze Bibliothek von integrierten elektronischen Entscheidungshilfen, die in der hausärztlichen Praxis zur Verfügung stehen. Die nächsten Schritte sind Vorhofflimmern, manifeste koronare Herzkrankheit und Diabetes mellitus. Arriba ist sehr lebendig und wird weiter wachsen."

(Text aus "G+G-Spezial" zum Berliner Gesundheitspreis 2008)


Berliner Gesundheitspreis 2008/09