Der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz"

Nach dem Vorbild anderer Länder haben anerkannte Gesundheitsexpertinnen und -experten auch für Deutschland einen "Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz" entwickelt und mit Vertretern aus Politik, Praxis und Gesellschaft diskutiert. Der Aktionsplan (auch in englischer Sprache) beschreibt detailliert die Rahmenbedingungen und Leitplanken für eine systematische Stärkung und Förderung der Gesundheitskompetenz in Deutschland. Er wurde von der Universität Bielefeld, der Hertie School of Governance und dem AOK-Bundesverband gemeinsam herausgegeben und von der Robert Bosch Stiftung und dem AOK-Bundesverband finanziell unterstützt. Am 19. Februar 2018  nahm der damalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe den "Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ entgegen. 

Die gesellschaftliche Entwicklung lässt erwarten, dass die Bedeutung einer adäquaten Gesundheitskompetenz und ihrer Förderung in Zukunft weiter zunehmen wird. Zum einen werden die Menschen auf der individuellen Ebene bei der Sorge um ihre Gesundheit vor wachsende Herausforderungen gestellt, die sich unter anderem aus dem Anstieg der Lebenserwartung, der Zunahme chronischer Erkrankungen und dem Wandel der Patientenrolle ergeben. Zum anderen spielen neben der zunehmenden Komplexität des Gesundheitssystems auch sich wandelnde gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle; zu nennen sind hier zum Beispiel eine wachsende soziale Ungleichheit, die kulturelle Diversifizierung der Gesellschaft und die Informationsflut in der digitalen Informations- und Wissensgesellschaft

Bei der Entwicklung des "Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz" wurden fünf zentrale Prinzipien herausgearbeitet, die bei der Umsetzung des Plans und bei der Förderung der Gesundheitskompetenz zu berücksichtigen sind und Voraussetzungen für das Gelingen guter Praxis darstellen:

Grafik: Herausforderungen und gesellschaftliche Entwicklungen, <br>die eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz
  • Soziale und gesundheitliche Ungleichheit verringern
  • Individuelle und strukturelle Bedingungen verändern
  • Teilhabe ermöglichen
  • Chancen der Digitalisierung nutzen
  • Kooperation aller Akteure herstellen

Der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz" umfasst konkrete Empfehlungen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz; diese sind in vier Handlungsfelder unterteilt:

Im ersten Teil werden mit der Lebenswelt insbesondere das persönliche Lebensumfeld und die Alltagssituationen adressiert. Dazu gehören das Erziehungs- und Bildungssystem, der Arbeitsplatz, die Kommune, aber auch der individuelle Umgang mit Gesundheitsinformationen und das Konsum- und Ernährungsverhalten.

Im zweiten Teil werden die Anforderungen durch das Gesundheitssystem und dessen mangelnde Nutzerorientierung in den Fokus gestellt. Die Notwendigkeit einer Navigationsunterstützung wird genauso angesprochen wie die Steigerung der Gesprächsqualität der Gesundheitsprofessionen. Ebenso erforderlich ist die nutzerfreundliche Gestaltung von Gesundheitsinformationen. Zentraler und elementarer Anker in diesem Feld ist die Partizipation und Einbindung der jeweiligen Zielgruppe.

Das Leben mit chronischer Erkrankung stellt hohe Anforderungen an die Gesundheitskompetenz und das Selbstmanagement. So wird im dritten Teil zum einen die Integration der Gesundheitskompetenz in die Versorgung von chronisch erkrankten Menschen empfohlen und zum anderen neben dem notwendigen Selbstmanagement die Steigerung der Gesundheitskompetenz zur Bewältigung des Alltags mit chronischer Erkrankung gefordert.

Der vierte Teil widmet sich schließlich der Forschung zum Thema Gesundheitskompetenz, die in Deutschland noch unzulänglich ausgebaut ist.

15 Empfehlungen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz

  • Das Erziehungs- und Bildungssystem in die Lage versetzen, die Förderung von Gesundheitskompetenz so früh wie möglich im Lebenslauf zu beginnen
  • Die Gesundheitskompetenz im Beruf und am Arbeitsplatz fördern
  • Die Gesundheitskompetenz im Umgang mit Konsum- und Ernährungsangeboten stärken
  • Den Umgang mit Gesundheitsinformationen in den Medien erleichtern
  • Die Kommunen befähigen, in den Wohnumfeldern die Gesundheitskompetenz ihrer Bewohner zu stärken 

  • Gesundheitskompetenz als Standard auf allen Ebenen im Gesundheitssystem verankern 

  • Die Navigation im Gesundheitssystem erleichtern, Transparenz erhöhen und administrative Hürden abbauen
  • Die Kommunikation zwischen den Gesundheitsprofessionen und Nutzern verständlich und wirksam gestalten
  • Gesundheitsinformationen nutzerfreundlich gestalten
  • Die Partizipation von Patienten erleichtern und stärken
  • Gesundheitskompetenz in die Versorgung von Menschen mit chronischer Erkrankung integrieren
  • Einen gesundheitskompetenten Umgang mit dem Krankheits- geschehen und seinen Folgen ermöglichen und unterstützen 

  • Fähigkeit zum Selbstmanagement von Menschen mit chronischer Erkrankung und ihren Familien stärken
  • Gesundheitskompetenz zur Bewältigung des Alltags mit chronischer Erkrankung fördern
  • Die Forschung zur Gesundheitskompetenz ausbauen 

In 15 übergeordneten Empfehlungen, die wiederum mit insgesamt 64 konkreten Einzelempfehlungen unterlegt sind, wird der Rahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz in Deutschland abgesteckt. Zur Unterstützung der Empfehlungen, insbesondere im Bereich der chronischen Erkrankungen und im Bereich der Selbsthilfe, wurde bereits 2017 die "Nationale Koordinierungsstelle Gesundheitskompetenz" gegründet. An der Hertie School of Governance angesiedelt und gefördert durch den AOK-Bundesverband, ist sie erster Ansprechpartner für die Vernetzung und Koordination von Aktivitäten im Bereich der Gesundheitskompetenz.

Die AOK hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Notwendigkeit einer Steigerung der Gesundheitskompetenz in Deutschland realisiert und auch von der Politik aufgenommen wurde. Bestes Beispiel dafür ist die ebenfalls 2017 vom Bundesministerium für Gesundheit gegründete Allianz für Gesundheitskompetenz, in der sich alle wesentlichen Akteure des Gesundheitswesens auf organisatorischer Ebene zusammengeschlossen haben.

Die Rahmenbedingungen sind also auf den unterschiedlichsten Ebenen beschrieben und geschaffen worden. Nun gilt es, entsprechende Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz umzusetzen. In den folgenden Kapiteln werden ausgewählte, erfolgreiche und überprüfte Ansätze zur Stärkung der Gesundheitskompetenz beschrieben und anhand eines Steckbriefs übersichtlich dargestellt. Die vorgestellten Best-Practice-Beispiele sollen dazu motivieren, geeignete Konzepte auszuwählen und zu prüfen, ob und wie sich diese in Bezug auf den eigenen Kontext umsetzen lassen. Vorgestellt werden Maßnahmen zur Steigerung der individuellen Gesundheitskompetenz sowie der Gesundheitskompetenz in Gesundheitseinrichtungen, in Unternehmen und in der Kommune. Außerdem werden Best-Practice-Beispiele zur Gestaltung der Rahmenbedingungen für eine gelingende Gesundheitskompetenz aufgeführt. Es sind nationale und internationale Erfolgsmodelle, die teilweise adaptiert werden müssen, überwiegend aber direkt umgesetzt werden können. Die AOK steht hierbei auf den unterschiedlichsten Ebenen – von der kommunalen über die Landes- bis zur Bundesebene – als Diskussionspartner zur Verfügung.


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