Gesundheitskompetenz - Die Bedeutung des Umfelds

Grafik: : Zusammenspiel von individueller und systemischer Gesundheitskompetenz

Für die praktische Arbeit im Themenfeld Gesundheitskompetenz gilt: Eine Steigerung oder Verbesserung der Gesundheitskompetenz lässt sich nicht allein durch einen Ansatz erreichen, der beim einzelnen Menschen beziehungsweise Patienten ansetzt. Das eigene Gesundheitswissen und die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und im Alltag zur Steigerung der eigenen Gesundheit auch einzusetzen, sind wichtige Faktoren. Doch es kommt immer auch auf die Rahmenbedingungen und das Umfeld an. Wie im Bereich der Prävention, wo besonders erfolgreiche Ansätze neben der Verhaltensprävention beim einzelnen Individuum gleichzeitig die Rahmenbedingungen im Sinne der Verhältnisprävention adressieren, ist auch beim Thema Gesundheitskompetenz eine Kombination beider Ansätze am aussichtsreichsten und wirkungsvollsten.

Die Gesundheitskompetenz wird sowohl von den persönlichen Kompetenzen jedes Einzelnen als auch von den Anforderungen und der Komplexität der jeweiligen Lebenswelten, in denen sich Menschen aufhalten und Entscheidungen treffen, beeinflusst. Dieses Grundprinzip ist auf internationaler Ebene bereits 2009 in einem Modell beschrieben worden (Parker 2009).

 

Drei Stufen der Gesundheitskompetenz

Grafik: Drei-Stufen-Modell zur Gesundheitskompetenz nach Nutbeam

Um passgenaue Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz entwickeln und in der Praxis umsetzen zu können, ist es sinnvoll, sich näher mit dem theoretischen Modell zur Gesundheitskompetenz zu befassen. Der australische Gesundheitswissenschaftler Don Nutbeam unterscheidet drei aufeinander aufbauende Stufen:

  • die funktionale,
  • die interaktive und
  • die kritische Gesundheitskompetenz.

Auf der funktionalen Ebene nehmen Menschen Faktenwissen über Gesundheitsrisiken und die Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen auf. Auf der interaktiven Ebene der Gesundheitskompetenz sind fortgeschrittene kognitive Fertigkeiten, Lese- und Schreibfähigkeiten sowie soziale Kompetenzen angesiedelt. Sie dienen dazu, dass Menschen im Gesundheitssystem eine aktive Rolle einnehmen können. Hierzu trägt ganz wesentlich das sogenannte Empowerment bei. Darunter versteht man Maßnahmen und Angebote, die Menschen in die Lage versetzen, ihre Umwelt aktiv zu gestalten. Kritische Gesundheitskompetenz schließlich bedeutet, dass Menschen über fortgeschrittenes Gesundheitswissen verfügen. Sie sind in der Lage, mit Ärzten auf Augenhöhe zu kommunizieren und können Einfluss auf Politik und Organisationen nehmen.

Mit dem Modell von Nutbeam schließt sich der Kreis zur gesundheitlichen Literalität. Die funktionale Gesundheitskompetenz umfasst genau jene Grundfertigkeiten im Lesen und Schreiben, die die Voraussetzung für das Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Gesundheitsinformationen bilden. Dass diese besonders relevant sind, zeigt eine Untersuchung der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018. Danach haben rund 6,2 Millionen Menschen der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland (im Alter zwischen 18 und 65 Jahren) Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben oder beherrschen diese Techniken nicht in ausreichendem Maße. Insbesondere dieser Gruppe der sogenannten funktionalen Analphabeten mangelt es somit potenziell auch in erheblichem Maße an funktionaler Gesundheitskompetenz.

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