Gesundheitskompetenz - Warum ist das wichtig?

Das European Health Literacy Consortium veröffentlichte 2011 die Ergebnisse einer Untersuchung, in deren Rahmen die Gesundheitskompetenz in acht Ländern Europas gemessen wurde. Basis dieser Erhebung war ein validierter, 47 Fragen umfassender Fragebogen zur subjektiven Selbsteinschätzung. Neben der Vollversion wurden auch zwei Kurzversionen mit 16 beziehungsweise sechs Fragen entwickelt. Mit dem europaweiten Health Literacy-Survey (HLS-EU) war es erstmals möglich, die Gesundheitskompetenz in Europa zu messen.

Die vorgestellten Ergebnisse des Survey verdeutlichen, dass annähernd die Hälfte der Europäer lediglich über eine begrenzte Gesundheitskompetenz verfügt. Rund zwölf Prozent der Menschen in Europa waren nur unzureichend in der Lage, einfache Gesundheitsinformationen und die Möglichkeiten der Nutzung von Gesundheitsangeboten zu verstehen und die Angebote adäquat anzunehmen. Weitere 35 Prozent hatten Probleme mit gesundheitsbezogenen Entscheidungen. Bei dieser Untersuchung wurde stellvertretend für Deutschland nur das Bundesland Nordrhein-Westfalen untersucht. Dort lag die Gesundheitskompetenz etwas unter dem europäischen Durchschnitt. Konkret wiesen in Nordrhein-Westfalen rund elf Prozent aller Frauen und Männer eine unzureichende, rund 35 Prozent eine problematische Gesundheitskompetenz auf.

Defizite auch in Deutschland

Die erste bundesweit repräsentative Befragung zur Gesundheitskompetenz in Deutschland wurde 2014 gemeinsam vom AOK-Bundesverband und dem Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) initiiert. Anhand des 16 Fragen umfassenden Kurzfragebogens gaben rund 2.000 GKV-Versicherte Auskunft. Das Ergebnis war ernüchternd: Etwa 59 Prozent der Befragten wiesen eine problematische oder unzureichende Gesundheitskompetenz auf. Damit war offenkundig, dass auch in Deutschland erheblicher Handlungsbedarf zur Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung bestand. Dass jeder Zweite von Problemen im Umgang mit Gesundheitsinformationen berichtete, machte zudem deutlich, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt und alle Bevölkerungsschichten adressiert werden müssen.

Eine Untersuchung der Universität Bielefeld anhand der 47 Fragen umfassenden Langversion des Fragebogens bestätigte 2016 diese Ergebnisse. Laut der Studie zur "Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung Deutschlands (HLS-GER)" weisen 54,3 Prozent der Bevölkerung eine problematische oder unzureichende Gesundheitskompetenz auf. Nur 7,3 Prozent der Befragten haben keinerlei Probleme im Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen. Die Bielefelder Studie lieferte auch differenzierte Hinweise darauf, wie es in Bezug auf verschiedene Themengebiete um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung bestellt ist. Der Fragebogen umfasst Fragen zu drei Bereichen:

  • Gesundheitsförderung
  • Prävention
  • Krankheitsbewältigung

Als besonders problematisch stellte sich der Bereich der Gesundheitsförderung dar: Hier haben über 60 Prozent der Befragten Schwierigkeiten damit, hilfreiche Gesundheitsinformationen zu finden, sie zu verstehen, zu bewerten und im Alltag auf die eigene Gesundheit bezogen umzusetzen. So versteht zum Beispiel ein Großteil der Befragten die Nährwert-Angaben auf Lebensmittelpackungen nicht. Auch wenn es um gesundheitsrelevante Informationen zur Krankheitsprävention geht, stoßen viele Menschen an ihre Grenzen: Fast jeder Zweite (rund 47 Prozent) hat Schwierigkeiten im Umgang mit solchen Informationen. Vielen fällt beispielsweise die Entscheidung, sich impfen zu lassen, schwer – und das, obwohl die Notwendigkeit einer Impfung zum Großteil eingesehen wird. Etwas besser sieht es bei der konkreten Bewältigung von Krankheiten aus. Doch auch hier geben immerhin 41 Prozent der Befragten an, Probleme im Umgang mit Informationen rund um ihre Erkrankung zu haben. Beim Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen gibt es vier zentrale Handlungsschritte:

  • Finden
  • Verstehen
  • Bewerten
  • Anwenden

Betrachtet man diese Handlungsschritte genauer, fällt auf, dass es vor allem zwei Bereiche sind, in denen besonders viele Menschen große Schwierigkeiten haben. So bereitet es mehr als jedem Zweiten Probleme, Gesundheitsinformationen zu suchen und zu finden. Sehr ausgeprägt sind auch die Schwierigkeiten bei der Beurteilung von Gesundheitsinformationen: Das fällt gut 57 Prozent schwer.

Ergebnisbericht: Gesundheitskompetenz in Deutschland

Ergebnisbericht: Gesundheitskompetenz in Deutschland
Studie der Universität Bielefeld unter der Leitung von Prof. Doris Schaeffer

Perspektive und Erfahrungen von Menschen mit chronischer Erkrankung

Perspektive und Erfahrungen von Menschen mit chronischer Erkrankung
Untersuchung der Univeristät Bilefeld unter der Leitung von Prof. Doris Schaeffer

Risikogruppen für geringe Gesundheitskompetenz

Die Ergebnisse des HLS-GER zeigen auch, dass es Unterschiede in der Gesundheitskompetenz im Hinblick auf das Alter, den Bildungsstand und den Migrationshintergrund gibt. Zwischen Männern und Frauen bestehen hingegen keine wesentlichen Unterschiede. Während die Ergebnisse des HLS-GER nahelegen, dass ältere Menschen etwas stärkere Probleme im Umgang mit Gesundheitsinformationen haben, ergaben sowohl die EU-Studie als auch die Untersuchung von AOK-Bundesverband und WIdO keine Hinweise in dieser Richtung. Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand hingegen haben stärkere Probleme; besonders deutlich zeigt sich dies, wenn zusätzlich ein Migrationshintergrund gegeben ist. Für die Entwicklung von Maßnahmen und Ansätzen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz ergibt sich daraus, dass sowohl in der Konzeption und Zielgruppenansprache als auch in der Implementierung eine entsprechende Differenzierung vorgenommen werden muss – dies jedoch immer vor dem Hintergrund, dass angesichts der Größenordnung des Problems ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz erforderlich ist.


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