Wertschätzende Pflege – Zeit für Mitgefühl

Viele Menschen, die pflegebedürftig sind, fühlen sich oft einsam – ob im Pflegeheim oder zu Hause ­ Sie bekommen selten Besuch und haben nur noch wenige persönliche Kontakte. Hinzukommt, dass Betroffene durch geistige und körperliche Einschränkungen sich mit ihrem Gefühl der Hilflosigkeit erst einmal auseinandersetzen und lernen müssen, sich auf die neue Situation einzustellen. Deshalb benötigen sie Ansprache und Austausch. Wenn das Pflegepersonal zugewandt zuhören und sich auf den zu Pflegenden einstellen kann, wird die Pflegearbeit leichter und kann Frust und Ärger auf beiden Seiten vermeiden. Pflegepersonen bewältigen täglich ein großes Arbeitspensum, tragen viel Verantwortung und müssen ihre seelischen Belastungen aus dem Pflegealltag kompensieren. Das führt sie oft an das Limit ihrer psychischen und physischen Kräfte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dies zu Ärger und Aggression führen kann, meistens als Folge von Stress und Überforderung durch chronischen Zeitdruck. 

„Für eine gute Pflege ist ein wertschätzender Umgang im Team von großer Bedeutung. Ferner müssen Pflegepersonen angemessen mit den Gefühlen ihrer Anvertrauten umgehen können, damit sie selbst gesund bleiben. Führungskräfte spielen hier eine große Rolle. Sie sollten Vorbilder in wertschätzender Kommunikation sein und für ausreichende Qualifizierungsangebote zum empathischen Umgang mit Belastungssituationen sorgen“, sagt Werner Winter, Experte für Betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege im AOK-Bundesverband.

Empathie und mitfühlende Zuwendung

Empathie ist die Fähigkeit, sich in die andere Person einzufühlen. Im professionellen Pflegekontext ist empathische Kompetenz die Fähigkeit, die Perspektive und Gefühlswelt der zu pflegenden Person nachzuvollziehen und dann mitfühlend und nach den Bedürfnissen des zu Pflegenden zu reagieren. Empathie ist damit Teil einer professionellen Berufsauffassung und eine wesentliche Voraussetzung für eine pflegerische Beziehung, stellte Claudia Maria Bischoff-Wanner, Professorin für Pflegewissenschaft und Pflegepädagogik bereits 2002 fest. Auch die Neurobiologin Tania Singer erklärte in ihrem Vortrag auf der 10. EMPA 2020, dass empathisches Verstehen in der Pflege wünschenswert ist. Unreflektiert praktiziert kann es aber zu emotionaler Überlastung führen, dem sogenannten Empathischen Stress.

Wie groß die Belastungen durch Stress und andere Faktoren sind, spiegelt sich in den Erkrankungs- und Fehlzeiten wider: So traten zum Beispiel psychische Erkrankungen (mit Burnout) 2021 in der Pflege fast doppelt so häufig auf wie in allen anderen Berufsgruppen. Im Zusammenhang mit der Diagnose Burnout waren Pflegepersonen 2021 durchschnittlich 28 Arbeitstage je 100 AOK-Mitglieder krankgemeldet, deutlich mehr als in anderen Berufen mit rund 14 Tagen. Das zeigen Analysen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Reflektierte Empathie erlernen

Einen reflektierten Umgang mit Empathie können Pflegepersonen erlernen. Davon profitieren die eigene und die Gesundheit der zu Pflegenden. Das zeigt das wissenschaftlich begleitete Verbundprojekt empCARE. Dabei handelt es sich um ein fundiertes Konzept zur Entlastung für Pflegekräfte und zur Reduktion emotionaler Belastungsfolgen. Pflegepersonen lernen, wie sie aus dem Verhalten ihrer Gegenüber deren Gefühle  und Bedürfnisse herauslesen und abklären können, bevor sie antworten. Sie reflektieren ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse in schwierigen Interaktionen und entwickeln Möglichkeiten, diesen Ausdruck zu geben. Die Evaluation zeigt: empCARE wirkt! Knapp 90 Prozent der Teilnehmenden bewerteten das Training positiv, 84 Prozent waren auch nach einem Jahr Anwendung noch dieser Meinung. Die Teilnehmenden konnten ihr Wissen über reflektiert-empathische Interaktionen dauerhaft steigern sowie ihre Selbstwahrnehmung verbessern – Beschwerden und Störungen, wie Burnout und Depressivität nahmen ab. 

Bewusstsein für eine würdevolle Pflege schaffen

Menschen, die gepflegt werden oder Hilfe benötigen, wünschen sich von den Pflegepersonen Akzeptanz, Respekt, Selbstbestimmung, Mitgefühl und Wertschätzung - und sie haben auch ein Recht darauf. Die  Deutsche Pflege-Charta stärkt die Rechte der zu Pflegenden und erklärt die Qualitätsmerkmale einer guten Versorgung für hilfe- und pflegebedürftige Menschen. Die sechs Artikel sind von Vertreterinnen und Vertretern aus allen Bereichen der Pflege und der Selbsthilfe erarbeitet worden. In zweien der Artikel  wird etwa erklärt, dass jeder hilfebedürftige Mensch ein Recht auf individuelle und zugewandte Pflege sowie wertschätzenden und respektvollen Umgang hat. 

Doch die Arbeitsbedingungen lassen dies oft nicht ausreichend zu. Ipsos CARE befragte für seinen 5. CARE Klima-Index 2022 dazu 1.006 Personen, davon 316 Personen aus der professionellen Pflege. 55 Prozent der befragten Pflegepersonen empfanden ihre Arbeitsbedingungen weiterhin als schlecht, im Vergleich zu den Vorjahren seit 2017 ist diese Negativwahrnehmung ungefähr konstant. Die Fragen entwickelt das Marktforschungsinstitut jährlich gemeinsam mit einem Expertenbeirat. Ihm gehören Vertreterinnen und Vertreter des Deutschen Pflegerats und der Zielgruppen an, die befragt werden.

Pflegepersonal wünscht sich eine wertschätzende Arbeitskultur 

Um zu erfahren, wie Pflegepersonen gesund in ihrem Beruf bleiben oder aus dem „Pflexit“ wieder zurückkehren, wurden 2021 rund 12.700 Berufsaussteigende und Teilzeitkräfte von der Hans-Böckler-Stiftung befragt. Von fünf Kernforderungen für eine Rückkehr in den Beruf oder eine Stundenerhöhung wünschen sich die Interviewten mehr Zeit für eine qualitativ hochwertige Pflege durch eine bedarfsgerechte Personalbemessung, einen wertschätzenden und respektvollen Umgang von Vorgesetzten sowie Kollegialität. 

Auch wenn die die Arbeitsbedingungen nicht immer nach Wunsch angepasst werden können, so können Führungskräfte dafür sorgen, dass in ihren Teams eine wertschätzende Unternehmens- und Kommunikationskultur Einzug hält. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie selbst offen kommunizieren, Informationen zeitnah weitergeben, Beschäftigte beteiligen und Verantwortung übertragen (Vertrauen statt Misstrauen). 

Schulungen mit der Pflege-Mediathek der AOK

Die Pflege-Mediathek der AOK bietet in ihren Modulen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung eine E-Learning-Einheit zu Empathie in der Pflege und zeigt ein Best Practice Beispiel zum „empCARE“-Training. Weitere Schulungen zu gesunder Führung und kollegialer Beratung ergänzen die Weiterbildungen. 
Die Pflege-Mediathek ist eine digitale Lernplattform für professionell Pflegende in Krankenhäusern, ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen. Dort sind komplett vorbereitete Mitarbeiterschulungen und E-Learnings zu den Themen Pflegestandards, Bewohnerprävention und Betrieblicher Gesundheitsförderung zu finden. Die Nutzung der AOK Pflege-Mediathek wird von der ortsansässigen AOK begleitet, sie trägt auch die Kosten für die Schulungen. 

Informationen und Hilfsangebote zum Thema Gewalt in der Pflege

 

 

 

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert: 12-01-2023