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Krankenhaus-Report: "Wir brauchen zentral gesteuerte Stufenkonzepte"

ams-Interview mit Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)

Foto: Jürgen Klauber, WIdO-Geschäftsführer

Jürgen Klauber

15.04.21 (ams). Die Krankenhausfallzahlen sind in der zweiten Pandemiewelle trotz eines deutlich höheren Infektionsniveaus etwas weniger stark gesunken als in der ersten Pandemiewelle. Das belegt eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) anlässlich der Vorstellung des neuen Krankenhaus-Reports, für die Daten von rund 25 Millionen AOK-Versicherten ausgewertet wurden. Ein möglicher Grund für die Unterschiede zur ersten Welle sei, dass die Finanzierungsregelungen zur Freihaltung von Krankenhausbetten im Laufe des Jahres 2020  deutlich differenzierter erfolgten, sagt WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams) fordert er einen Stufenplan für eine zentral gesteuerte Versorgung von schwer erkrankten Covid-19-Patienten, die stationär behandelt werden müssen.

Herr Klauber, wie sollte ein Stufenplan zur Behandlung schwer erkrankter Covid-Patienten aussehen?

Klauber: Zwei Dinge sind wichtig. Primär sollten Krankenhäuser, die Covid-19-Fälle behandeln, über adäquate Ausrüstung, ausreichende Beatmungserfahrung und entsprechend qualifiziertes Personal verfügen. Zweitens sollten je nach regionaler Pandemie-Intensität weitere Krankenhäuser in der Versorgung von Covid-19 hinzukommen – und dies gestuft nach der vorliegenden Behandlungserfahrung. Solche Konzepte machen es dann auch leichter, die Versorgung von Covid-19 und anderen Erkrankungen gut separiert nebeneinander zu organisieren. Das gilt nicht nur jetzt für die Corona-Pandemie, sondern auch für mögliche kommende Krisen dieser Art.

Der AOK-Bundesverband fordert schon seit Jahren mehr Zentralisierung und Spezialisierung. Haben diese in der Corona-Pandemie nicht sozusagen von sich aus stattgefunden?

Klauber: Versorgung an der Erfahrung auszurichten ist ja generell das Argument für mehr Zentralisierung und Spezialisierung. Und die WIdO-Zahlen untermauern das auch für die aktuelle Pandemie. Circa 1.250 Häuser betreuten 2020 von März bis Ende November Corona-Patienten. Etwa die Hälfte davon versorgte 86 Prozent der Fälle. Hier sehen wir ganz klar einen Zentralisierungseffekt. Auf der anderen Seite gibt es aber folglich auch mehr als 600 Krankenhäuser mit zum Teil sehr kleinen Fallzahlen. Ein ähnliches Konzentrationsbild sehen wir für die Verteilung der beatmeten Fälle auf die Häuser. Es ist wichtig, dass die Patienten bei solch einem schweren Krankheitsbild, das unterschiedliche Organe betreffen kann und häufig eine Beatmung erfordert, in den Kliniken mit der größten Erfahrung behandelt werden. Es ist auch nicht gut, wenn Patienten zur Beatmung oder zur Weiterbeatmung erst in ein qualifizierteres Krankenhaus verlegt werden müssen. Das sollte möglichst vermieden werden – und wenn es doch nötig ist, möglichst zeitnah erfolgen. Die Erfahrungen aus der Pandemie bestätigen die Forderung nach mehr Spezialisierung und Zentralisierung der Kliniken, die für viele Krankheitsbilder unter Qualitätsaspekten geboten sind.

Gerade am Anfang der Pandemie stand die politische Vorgabe, dass planbare Eingriffe zugunsten der Corona-Versorgung verschoben werden sollten. Wie hat sich das im Laufe der Pandemie entwickelt?

Klauber: Vor allem in der ersten Pandemiewelle war das so. Hier gab es deutliche Rückgänge bei planbaren Operationen, um Betten für Covid-Patienten freizuhalten. So gingen etwa Hüftprothesenimplantationen wegen Arthrose fast um die Hälfte zurück. Nachdem es in den Sommermonaten wieder mehr planbare Hüftgelenkersatz-Operationen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres gab und Termine wohl zum Teil nachgeholt wurden, gingen die Operationen ab Herbst erneut zurück – allerdings nicht so stark wie in der ersten Welle der Pandemie. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir bei solchen Gebärmutterentfernungen, die vor dem Hintergrund einer gutartigen Neubildung als weniger dringlich gelten.

Und wie sieht es bei bösartigen Tumoren, also schwerwiegenden Krebserkrankungen, aus?

Klauber: Auch hier finden sich durchaus auffällige Einbrüche. Bei Brustkrebs  waren es in der ersten Pandemiewelle zehn und in der zweiten Pandemiewelle fünf Prozent. Möglicherweise hängt der Rückgang in der ersten Welle auch damit zusammen, dass deutlich weniger Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt wurden. Das Mammographie-Screening für Brustkrebs wurde in der ersten Pandemiewelle ausgesetzt, die Zahl der Mammographien bei AOK-versicherten Frauen sank in diesem Zeitraum um fast die Hälfte. Besonders deutlich sind die Einbrüche bei den Darmkrebsoperationen: 17 Prozent in der ersten und 20 Prozent in der zweiten Welle. Gleichzeitig ist auch hier eine reduzierte Diagnostik für die erste Pandemiewelle bekannt. Die Zahl der Darmspiegelungen bei AOK-Versicherten war gegenüber dem Vorjahr um rund ein Viertel reduziert. Ob weniger Krebsoperationen und reduzierte Diagnostik Konsequenzen für Patienten haben, etwa verspätete Behandlung von Krebserkrankungen im fortgeschrittenem Stadium, ist noch nicht bekannt. Das muss zukünftige Forschung aufzeigen.

Es steht die These im Raum, dass Menschen mit Notfallsymptomen aus Angst vor einer Corona-Infektion gezögert haben, einen Arzt oder den Rettungsdienst zu alarmieren. Was wissen wir darüber?

Klauber: Betrachtet haben wir unter anderem Herzinfarkte und Schlaganfälle. In beiden Pandemiewellen haben wir für diese Indikationen in den Krankenhäusern weniger Fälle registriert. Bei Schlaganfällen sank die Zahl der Behandlungen in der zweiten Welle um 13 Prozent, bei Herzinfarkten um elf Prozent. Damit war der Fallzahleinbruch bei diesen Erkrankungen im Herbst nur leicht schwächer als in der ersten Welle. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Patienten aus Sorge vor einer Infektion bei leichteren Beschwerden nicht den Arzt oder Rettungsdienst gerufen haben. Wiederholt haben Klinikärzte berichtet, dass Herzinfarkt-Patienten später im Krankenhaus angekommen sind, als ihr Herz schon stärker geschädigt war. Bei den Schlaganfällen hat das WIdO für die erste Pandemiewelle eine signifikante Steigerung der Sterblichkeit der Krankenhausfälle innerhalb der ersten 30 Tage festgestellt. Auch die absolute Zahl der Todesfälle ist hier im Vergleich zum Vorjahr angestiegen, obwohl deutlich weniger Fälle im Krankenhaus ankamen. Ob es gesundheitliche Folgeschäden bei leichteren Herzinfarkten und Schlaganfällen gibt, weil Menschen nicht behandelt wurden, wird sich erst mittelfristig zeigen. Wir appellieren weiterhin an die Bevölkerung, auch in der Pandemie bei Notfallsymptomen nicht zu zögern, den Arzt beziehungsweise Rettungsdienst zu kontaktieren. Herzinfarkt oder Schlaganfall sind lebensbedrohlich – und mit den Gefahren einer Corona-Infektion können die Krankenhäuser und Arztpraxen professionell umgehen.


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