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Pflege-Report 2021: "Wir müssen Transparenz zur Qualität der Pflegeversorgung schaffen"

ams-Interview mit Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO

Portät-Foto: Dr. Antje Schwinger

Dr. Antje Schwinger

09.07.21 (ams). Durch die Corona-Pandemie ist 2020 die Sterblichkeit Pflegebedürftiger in Heimen drastisch gestiegen. Sie lag in der zweiten Pandemiewelle im Herbst im Schnitt um 30 Prozent höher als in den Vorjahren. Ende Dezember betrug die Übersterblichkeit sogar 80 Prozent. Das belegt eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für den neuen Pflege-Report. Dafür hat das WIdO die Daten von fast 400.000 Pflegebedürftigen in vollstationären Pflegeheimen ausgewertet. Im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams) fordert die Leiterin des Forschungsbereichs Pflege, Dr. Antje Schwinger, eine Reflektion der Infektionsschutzmaßnahmen auch mit Blick auf die Sekundärfolgen und eine entsprechende Anapassung von Hygiene- und Pandemieplänen. Eine generelle Isolierung alter Frauen und Männer von der Außenwelt und ihren Angehörigen zur Gefährdungsvermeidung wie vor allem in der ersten Welle sei nicht noch einmal tragbar, sagt Schwinger.

Frau Dr. Schwinger, welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen stationärer Heimunterbringung und einer Covid-19-Erkrankung?

Dr. Schwinger: Bereits die erste Welle verdeutlicht, wie sehr Pflegeheime von der Pandemie betroffen gewesen sind. Von April bis Juni 2020 entfiel jede dritte Covid-19-Diagnose bei über 60-Jährigen auf Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen. Auch in Bezug auf die stationäre Versorgung bei Covid-19 zeigt sich ein ähnliches Bild: Hier lag der Anteil der vollstationär Pflegebedürftigen bei 30 Prozent, 45 Prozent von ihnen verstarb mit oder an Corona. Bei denen, die nicht oder ambulant pflegebedürftig waren, betrug die Sterblichkeit hingegen nur 25 Prozent. Generell lässt sich sagen, dass Pflegeheimbewohnende aufgrund ihrer hohen Multimorbidität deutlich eher als andere Personengruppen gleichen Alters verstorben sein dürften, wenn sie an Covid-19 erkrankt waren.

Was lässt sich aus diesen Erkenntnissen folgern?

Dr. Schwinger: Wir müssen die Schnittstellen der gesundheitlichen Versorgung ins Krankenhaus hinein, in der Heimarztversorgung und die extremen Unterschiede in der pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung weiterhin genau im Auge behalten. Schon vor der Pandemie haben wir gewusst, dass es Qualitätsdefizite in der Versorgung gibt. Und auch jetzt sehen wir wieder, dass sich die Probleme in der Pandemie sehr ungleich verteilen. Die Pandemieentscheidungen müssen reflektiert werden, denn augenscheinlich haben die Infektionsschutzmaßnahmen nicht ausgereicht, um vulnerable Gruppen ausreichend zu schützen.

Welche nächsten Schritte sehen Sie?

Dr. Schwinger: Der neue Pflege-TÜV macht sehr vieles besser, aber beschreibt nur die pflegerische Versorgung im engeren Sinne. Wir brauchen aber einen Blick darüber hinaus, also dahingehend, wie die gesundheitliche Versorgung der Menschen in den Einrichtungen genau ist. Ich sehe es als einen Auftrag an uns Wissenschaftler, berufsgruppenübergreifend Transparenz zur Qualität der Pflegeversorgung zu schaffen, um wirklich Veränderungen einzuleiten und Entscheidungen treffen zu können. Menschen wünschen sich auch, so lange wie möglich in der Häuslichkeit zu bleiben. Wir brauchen sowohl ambulant als auch stationär gleiche Rahmenbedingungen. Davon sind wir aber noch weit entfernt, gerade im Hinblick auf die Finanzierung und die Kombination von Leistungen.

Foto: Pflegerin mit langen blonden Haaren reicht einem sitzenden Senioren in graublauem Hemd ein Getränk im Glas

Wie ging es den Angehörigen der Pflegebedürftigen während der Pandemie?

Dr. Schwinger: Unsere Angehörigen-Befragung mit Blick auf die erste Pandemie-Welle belegt, dass die Einschränkungen für pflegebedürftige Menschen im stationären Bereich deutlich spürbar waren. 43 Prozent der befragten Angehörigen konnten die Pflegebedürftigen zwischen März und Mai 2020 nicht persönlich sehen. Die Wut und Verzweiflung der Angehörigen, die aus unseren Erhebungen spricht, hat mich schon berührt. Zweidrittel sagen, dass sie wütend und frustriert waren. Jeder vierte Angehörige war mit der Situation in der Pandemie überfordert. Das macht etwas mit den Menschen. Die Trennungen haben beide Seiten sehr belastet.

Wie lässt sich eine Wiederholung dieser Geschehnisse verhindern?

Dr. Schwinger: Es muss untersucht werden, wie Isolation, Kontaktsperren zu Angehörigen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner beeinflusst haben. Danach müssen wir uns eingehend damit beschäftigen, welche technischen, baulichen, rechtlichen und personellen Veränderungen und Ressourcen benötigt werden, um eine Wiederholung dieser Zustände zu vermeiden. Eine generelle Isolierung alter Frauen und Männer von der Außenwelt und ihren Angehörigen zur Gefährdungsvermeidung ist nicht noch einmal tragbar.

Was leiten Sie aus diesen Erkenntnissen für die Versorgung der betagten Menschen ab?

Dr. Schwinger: Wir sehen ja nicht nur Wellen der Übersterblichkeit während der Corona-Pandemie, sondern auch solche während der Grippesaison oder in Hitzephasen. Und diese Wellen werfen Frage nach der generellen Versorgung dieser hochvulnerablen Gruppen auf. Wir sollten, immer die Situation der Betroffenen vor Augen, die Pandemie zum Anlass für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs nehmen. Dreh- und Angelpunkt bleibt hier die Frage, was uns eine menschenwürdige Versorgung im Alter als Gesellschaft wert ist.

Was wünschen Sie sich mit Blick auf die Zukunft?

Dr. Schwinger: Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir genauer hinschauen: Wie ist die Qualität in den Pflegeheimen, aber auch in der häuslichen Versorgung. Wir dürfen, gerade auch in der häuslichen Versorgung, die Angehörigen und die Pflegebedürftigen nicht aus dem Blick verlieren.


Zum ams-Politik 07/21

Digitale Diskussionsveranstaltung zum Pflege-Report

Unter dem Titel "Geschützt, isoliert und einsam? Heimbewohnende und Pflegepersonal während der Pandemie" diskutierten am 29. Juni 2021 Prof. Dr. phil. Adelheid Kuhlmey (Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité Berlin), Birgit Pätzmann-Sietas (Deutscher Pflegerat, Berlin), Helmut Wallrafen (Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach GmbH) und Dr. rer. pol. Antje Schwinger über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie für Heimbewohnende und Pflegepersonal.

Moderation: Thomas Hommel