Schillinger: "Empfehlung der Stiko sinnvoll und nachvollziehbar"

ams-Interview zur "Booster"-Impfung

Foto: Dr. Gerhard Schillinger

Dr. Gerhard Schillinger

22.11.21 (ams.) Nach anfänglichem Zögern empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut (RKI) inzwischen Auffrischimpfungen mit einem mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna ab 18 Jahren. Sie gilt auch für alle, die einmal mit dem Vakzin von Johnson und Johnson geimpft wurden. Die politisch Verantwortlichen erhoffen sich durch diesen sogenannten "Booster" Fortschritte bei der Eindämmung der vierten Corona-Welle. Zunächst hatte die Stiko die Empfehlung lediglich für Menschen ab 70 Jahren ausgesprochen. Der Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband, Dr. Gerhard Schillinger, erläutert im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams), warum er die jetzige Entscheidung für richtig hält.

Herr Dr. Schillinger, wie bewerten Sie die aktualisierte Empfehlung der Ständigen Impfkommission, nach der jetzt alle Erwachsenen ab 18 Jahren eine Auffrischimpfung erhalten sollen?

Schillinger: Diese Entscheidung war ja so erwartet worden. Es gibt inzwischen recht gute Hinweise, dass die Impfung vor allem gegen die inzwischen fast vollständig vorherrschende Deltavariante nachlässt. Deshalb ist die Entscheidung der Stiko sinnvoll und gut nachvollziehbar.

Besteht nicht die Gefahr, dass mit der letzten Stiko-Empfehlung die Priorisierung der älteren Menschen unter die Räder kommt?

Schillinger: Die Stiko empfiehlt bei der Impfung einen Abstand von in der Regel sechs Monaten. Damit sollten diejenigen, die aufgrund der Priorisierung vor einem halben Jahr als erste dran waren, auch jetzt wieder Vorrang haben.

Die Nachricht von Impfdurchbrüchen und einer zunehmenden Zahl von geimpften Menschen auf den Intensivstationen beunruhigen viele Menschen und lassen sie an der Wirkung der Coronavirus-Schutzimpfung zweifeln. Wie ist der aktuelle Stand des Wissens bezüglich der Wirksamkeit der Impfstoffe?

Schillinger: Die Impfstoffe sind hoch wirksam. Das sieht man sehr gut an Auswertungen des Robert-Koch-Instituts zum Vergleich symptomatischer Erkrankungen und Hospitalisierungen über die letzten 16 Wochen bei geimpften und nicht geimpften Menschen.  Von den 18-59-jährigen Geimpften sind in der vergangenen Woche etwa 1,5 von 100.000 wegen COVID-19 ins Krankenhaus aufgenommen worden, bei den Ungeimpften war der Anteil mit 6,5 von 100.000 fast vier Mal so hoch. Bei den Menschen über 60 wurden etwas über 5 von 100.000 vollständig geimpfte Menschen stationär aufgenommen, aber 28 von 100.000 der ungeimpften.  Und auch die Intensivmediziner berichten, dass sie die schweren Verläufe insbesondere bei Ungeimpften beobachten. Leider sind aber auch immer mehr alte Menschen oder Menschen mit schweren Erkrankungen betroffen, obgleich sie doppelt geimpft sind. Die Booster-Impfungen zeigen sich hoch effektiv, daher kann man hoffen, dass mit ihnen vor allem die alten und kranken Menschen wieder effektiver geschützt werden. Der Schutz ist aber auch für alle anderen Menschen ab 18 wichtig.

Was ist Ihre Botschaft an Menschen, die bisher noch gar nicht geimpft sind?

Schillinger: Es ist von zentraler Bedeutung, dass es uns gelingt, auch die bislang Ungeimpften vom Nutzen der Impfung zu überzeugen. Sie vermindern damit ihr Risiko für eine schwere COVID-Erkrankung, die auch lebenslange Schäden nach sich ziehen kann. Sie verhindern, dass wichtige Behandlungen für andere Menschen verschoben werden müssen, weil die Intensivbetten durch die COVID-Patienten belegt sind. Und sie vermindern das Risiko, ihre Freunde, Verwandten und Eltern anzustecken.