Dossierstempel

Selbsthilfe

Selbsthilfe – (k)eine Frage des Alters?

Foto: Wettlauf Kinder

AOK-Selbsthilfetagung 2015

(23.11.15) Junge Menschen wissen zu wenig über die Angebote der gesundheitlichen Selbsthilfe. Deshalb muss vor allem die Öffentlichkeitsarbeit für diese Zielgruppe verstärkt werden. Dies ist eins der Ergebnisse der elften Selbsthilfe-Fachtagung des AOK-Bundesverbandes.

Die Zahl der Aktiven in der gesundheitlichen Selbsthilfe nimmt ab, das Durchschnittsalter in den Gruppen steigt. Der Grund: Nachwuchsmangel. Junge Menschen nutzen die Angebote der Selbsthilfe immer noch verhältnismäßig wenig. Dass an diesem Status Quo gearbeitet werden muss, darüber waren sich die Teilnehmer der 11. Selbsthilfe-Fachtagung des AOK-Bundesverbandes einig. Unter dem Motto "Selbsthilfe - (K)eine Frage des Alters?" diskutierten am 20. November 2015 im Foyer des AOK-Bundesverbandes in Berlin rund 130 Aktive aus der jungen und der "klassischen" Selbsthilfe darüber, wie sich junge Menschen für die Angebote der Selbsthilfe begeistern lassen.

"Es ist ja nicht zu leugnen, dass die Mitglieder von Selbsthilfegruppen oft schon älter und ihre Gruppenstrukturen und ihre Probleme für junge Menschen deshalb teilweise uninteressant sind. Hat die Selbsthilfe, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, also ausgedient oder braucht sie ein Facelifting?" Mit dieser bewusst provokanten Frage brachte Claudia Schick, Selbsthilfereferentin im AOK-Bundesverband, die Problematik zu Beginn der Veranstaltung auf den Punkt.

Ziel der Tagung sei es, von Aktiven aus der Jungen Selbsthilfe zu erfahren, welche Erwartungen sie an eine Selbsthilfe-Gruppe haben und was getan werden muss, um mehr junge Menschen für die Arbeit in der gesundheitlichen Selbsthilfe zu begeistern. "Wir wollen - unter anderem mithilfe dieser Tagung - aktiv etwas dazu beitragen, die Selbsthilfe für die junge Generation interessanter zu machen", betonte Schick.

Wie sich die Gesundheitskasse auch jenseits der Tagung für junge Menschen stark macht, erklärte Dr. Sabine Richard, Leiterin der Geschäftsführungseinheit Versorgung im AOK-Bundesverband. Mit Magazinen speziell für junge Versicherten, einem eigenen AOK-Youtube-Kanal und den verschiedensten Apps würden die Angebote speziell für Jugendliche und junge Erwachsene seit Jahren konstant ausgebaut, um die Gesundheitskompetenz bei ihren jungen Versicherten zu stärken. "Wir wünschen uns aufgeklärte und informierte junge Menschen. Daher wollen wir mit den uns zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln der Selbsthilfeförderung auch gezielt solche Projekte fördern, die den Jungen zu Gute kommen", so Richard. Das AOK-System werde allein 2016 rund 26 Millionen Euro für die Unterstützung der Selbsthilfe vor Ort, im Land und auf der Bundesebene zur Verfügung stellen. "Damit können wir schon etwas bewegen", betonte Richard.

Videobeiträge von der Veranstaltung "Selbsthilfe - (k)eine Frage des Alters?"

Einen Teil dieser Fördergelder nutzt beispielsweise die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), um zielgruppengerecht auf die Selbsthilfe aufmerksam zu machen. "Es ist überhaupt keine Frage - es gibt bereits ein nennenswertes Engagement junger Menschen in der Selbsthilfe. Allerdings ist dieses Engagement in der breiten Öffentlichkeit quasi unsichtbar", konstatierte Miriam Walther, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der NAKOS. Eine von der Nationalen Kontaktstelle durchgeführte Umfrage unter knapp 900 jungen Erwachsenen habe gezeigt: Die Befragten wussten nur sehr wenig über die Selbsthilfe. Zentrale Merkmale wie die Freiwilligkeit des Gruppenbesuches, die Begegnung auf Augenhöhe ohne fachliche Anleitung sowie der nichtkommerzielle Charakter von Selbsthilfegruppen seien den meisten jungen Menschen nicht bekannt gewesen.

Dies liegt vor allem daran, dass die Vorstellung von der Selbsthilfe bei den Jungen hauptsächlich durch Film und Fernsehen geprägt wird. "Das in den Medien transportierte Bild von jammernden Menschen im Stuhlkreis ist völlig verzerrt und oft auch schlichtweg falsch", betonte Walther. Daher lege die NAKOS heute einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf die Öffentlichkeitsarbeit. "Wir setzen auf eine aktive und auf die Zielgruppe zugeschnittene Ansprachestrategie" erklärte Walther. Im Zentrum der NAKOS-Aktivitäten steht daher das Internetportal "Schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht?". Hier zeigt die NAKOS Möglichkeiten von gemeinschaftlicher Selbsthilfe und gibt Hinweise zum Gründen neuer Gruppen. Die Vielfalt jungen Engagements wird über exemplarische Gruppenportraits deutlich sowie über eine Pinnwand, auf der junge Gruppen Termine ankündigen, auf Veranstaltungen aufmerksam machen oder Mitstreiter suchen. Zudem finden Interessierte hier eine Übersicht von 650 bereits bestehenden jungen Gruppen. Um die Bekanntheit des Portals zu steigern, nutzt die NAKOS auch Facebook und Twitter. Darüber hinaus hat die NAKOS auf YouTube einen „Junge Selbsthilfe“-Kanal etabliert, in dem verschiedene Videos aus dem Selbsthilfefeld zusammengeführt sind. "Wir wollen die Junge Selbsthilfe zeigen, wie sie wirklich ist – vielfältig und vielgestaltig", so Walther.

Junge Selbsthilfe ist vielfältig

Einige Musterbeispiele für diese Vielfalt präsentierten sich anschließend auf der Tagung, etwa die Stotterer-Selbsthilfegruppe Flow. Patrick Chmiela, Leiter der Berliner Flow-Sprechgruppe, verdeutlichte am Beispiel seiner Gruppe, was für viele junge Menschen in der Selbsthilfe typisch ist: der aktive Umgang mit der Krankheit. Denn in der Flow-Sprechgruppe steht neben dem  Austausch mit Gleichbetroffenen in der Gruppe auch ein regelmäßiges Sprechtraining auf dem Programm. Dieses Sprechtraining findet allerdings nicht im geschützten Rahmen der Gruppe statt, sondern draußen, im realen Leben. Ob Einkaufspassage, Fußgängerzone oder Kaufhaus - das Üben an öffentlichen Plätzen, das Gespräch mit Menschen, die auf einen Stotterer nicht vorbereitet sind, ist ein ganz wesentliches Element des Gruppenkonzeptes.

Ein ganz anderes Konzept verfolgt hingegen die virtuelle Selbsthilfegruppe F.U.MS. Die Abkürzung steht für "Fuck You Multiple Sclerosis" und ist Programm: Bloß nicht unterkriegen lassen. Die Mitglieder der Gruppe sind für das gemeinsame Gespräch allerdings an keinen Ort und keine Zeit gebunden. Sie kommen aus ganz Deutschland und tauschen sich hauptsächlich im Rahmen einer geschlossenen Facebookgruppe aus. "Wir glauben, dass viele junge Betroffene, die im typischen Alter zwischen 20 und 40 frisch mit ihrer MS-Diagnose konfrontiert wurden, nur schwer für eine Selbsthilfegruppe im klassischen Sinn zu begeistern sind. Unser Weg war es daher, die betroffenen jungen Menschen dort abzuholen und ihnen zu begegnen, wo sie sich ohnehin aufhalten: im Internet, und zwar vorrangig bei Facebook“, erklärte Nils Klein, Mitgründer der Gruppe.

Auch die Gruppe "Jung und Parkinson" (JuP) setzt in ihrem Gruppenalltag sehr stark auf die neuen Medien. Ein auffallend bunter Webauftritt konnte seit 2014 bereits knapp 170.000 Besucher zählen. "Das zeigt, dass der Bedarf nach Informationen im Netz da ist", meinte Gruppengründer Rainer Stüber. Die Gruppe bietet ihren Mitgliedern einen Echtzeit-Chat und ein ärztlich begleitetes Forum. Damit die Arbeit der Selbsthilfe bekannter werde, setze JuP aber auch auf eine starke Öffentlichkeitsarbeit, so Stüber weiter. Deshalb veranstaltet die Gruppe Charity-Galaabende oder organisiert fachliche Symposien an ungewöhnlichen Orten, zuletzt etwa in einem Kino.

Jung und alt unter einem Dach

Dass "junge" und "alte" Selbsthilfe aber auch gut gemeinsam unter dem Dach eines großen bundesweiten Verbandes existieren können, machte Maria Weber deutlich, die beim Kreuzbund-Bundesverband den Arbeitsbereich "Junger Kreuzbund" leitet. Seit acht Jahren setze sich der Kreuzbund im Rahmen dieses Arbeitsbereiches aktiv damit auseinander, welche Angebote man speziell für junge Abhängige braucht. Speziell geschulte ehrenamtliche Multiplikatoren seien in den Regionen Ansprechpartner und Katalysatoren für den Aufbau junger Gruppen oder die Integration junger Menschen in bereits bestehende, ältere Gruppen. Inzwischen haben sich im Kreuzbund auf regionaler Ebene etliche Initiativen für jüngere Suchtkranke entwickelt. "Dort, wo sich ältere Kreuzbundmitglieder für die Jungen stark machen und sich flexibel auf die unterschiedlichen Bedürfnislagen einstellen, können sich Angebote für Jüngere nachhaltiger etablieren", betonte Weber.

Über das erfolgreiche Schaffen von Strukturen, die für einen nachhaltigen Aufbau der Jungen Selbsthilfe nötig sind, berichtete auch Franziska Anna Leers von der Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstelle Mitte /Stadtrand in Berlin. Ganz oben auf der Liste steht auch bei Leers die Öffentlichkeitsarbeit: "Da viele junge Leute wenig bis gar nichts über die Selbsthilfe wissen, gehen wir mit unseren Angeboten aktiv dorthin, wo junge Menschen sind." Die Kontaktstelle arbeite beispielsweise mit verschiedenen Hochschulen der Sozialarbeit zusammen, um die dortigen Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung über die Selbsthilfearbeit zu informieren. Zudem bietet ein regelmäßiger Stammtisch Junge Selbsthilfe in einer Berliner Kneipe für junge Aktive eine zwanglose Möglichkeit zum Austausch untereinander und ist gleichzeitig niedrigschwellige Anlaufstelle für Interessierte, die gerne erstmal in einem lockeren und unverbindlichen Rahmen Kontakt zur Selbsthilfe aufnehmen möchten.

Diskussion im World-Cafe

Am Nachmittag nutzen die Teilnehmer der Tagung das World-Cafe, um an unterschiedlichen Tischen in Kleingruppen zu diskutieren und sich zu vernetzen. Das Ergebnis dieser Diskussionen fasste Claudia Schick vom AOK-Bundesverband so zusammen: "Selbsthilfe muss sichtbarer werden. Wir brauchen mehr Öffentlichkeitsarbeit, mit der wir gezielt junge Menschen informieren können, wie die Junge Selbsthilfe wirklich ist. Und nicht zuletzt müssen die Vorurteile unter den Generationen abgebaut werden, damit jung und alt gemeinsam in der Selbsthilfe etwas bewegen und dabei auch voneinander profitieren können."

Zur Dossier-Übersicht