Dossierstempel

Raus aus dem Stuhlkreis

Selbsthilfetagung am 13. Dezember 2019

Foto:  Totale aufs Publikum

Gut gefüllt: Die Taguzngsräume beim AOK-Bundesverband

Immer mehr Selbsthilfegruppen engagieren sich in der Peerberatung und kooperieren dabei mit dem professionellen Gesundheitssystem. Doch immer noch tun sich Ärzte und Klinken mit solchen Kooperationsprojekten schwer. Warum das so ist, diskutierten Experten auf der Selbsthilfetagung des AOK-Bundesverbandes.

Neue kooperative Formen der Selbsthilfe wie Lotsenprojekte oder Peerberatung vernetzen sich in fast schon professioneller Weise mit den Angeboten des Gesundheitssystems. Welche Chancen und Risiken das in sich birgt und inwieweit das noch dem ursprünglichen Selbsthilfegedanken entspricht, diskutierten rund 100 Teilnehmer der 15. Selbsthilfe-Fachtagung des AOK-Bundesverbandes mit Vertretern aus Wissenschaft, Selbsthilfe und dem Gesundheitssystem. Unter dem Motto "Besser vernetzt in die Zukunft. Das neue Spektrum der Selbsthilfearbeit" stellten verschiedene Selbsthilfeprojekte ihre Arbeit vor, die durch eine starke Verwebung mit dem professionellen Gesundheitssystem geprägt ist.

"An vielen Stellen ist Bewegung nötig"

"Wir haben ein bewegtes Jahr hinter uns mit vielen neuen gesetzlichen Initiativen, die uns in den nächsten Jahren auch weiterhin beschäftigen werden", stellte Dr. Sabine Richard zu Beginn der Tagung fest. An vielen Stellen im Gesundheitssystem sei allerdings auch dringend Bewegung nötig, so die Leiterin der Geschäftsführungseinheit "Versorgung" beim AOK-Bundesverband weiter. Vor allem das Verhältnis zwischen Ärzten und Pflegekräften sowie die Arzt-Patienten-Beziehung stünde auf dem Prüfstand. "Wir befinden uns am Beginn einer langfristigen Veränderung. Das Internet hat den Zugriff auf krankheitsrelevante Informationen viel leichter gemacht - das hat das Arzt-Patienten-Verhältnis bereits nachhaltig verändert" so Richard. "Diese Entwicklung wird in den nächsten Jahren weitergehen und wir betrachten die Selbsthilfe in diesem Wandelungsprozess als einen wichtigen Aktivposten."

Auch Claudia Schick, Referentin für Selbsthilfeförderung beim AOK-Bundesverband, sah noch viel Potenzial für mehr Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe. "Die Selbsthilfe ist durch ihr Engagement zu einem nicht mehr wegzudenkenden Partner für eine qualitativ hohe Versorgung von Patienten geworden“. Der enge permanenten Kontakt mit Vertretern aus der Selbsthilfe hilft auch der Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften, meint Schick. "Sie werden empathischer für die Patientenbedürfnisse und lernen, verständlicher mit chronisch Kranken zu kommunizieren". Leider gebe es aber immer noch zu viele Ärzte, denen das geballte Betroffenenwissen aus der Selbsthilfe Respekt einflöße. "Die Grundlagen der Selbsthilfearbeit sollten daher Inhalt der Aus- und Weiterbildung von Mediziner und Pflegekräfte sein und die Zusammenarbeit verpflichtend in den Qualitätsmanagementsystemen von Praxen, Krankenhäusern und Rehakliniken aufgenommen werden".

Selbsthilfe öffnet sich immer mehr - Zugang zu den Profis bleibt schwierig

Foto: Fragen aus dem Publikum

Engagierte und wissbegierige Teilnehmer

Wie weit sich die Selbsthilfe für die Kooperation mit Ärzten, Kliniken und anderen Gesundheitsprofessionen bereits geöffnet hat, konnte Dr. Christopher Kofahl, stellvertretender Leiter des Instituts für Medizinische Soziologie (IMS) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, mit Zahlen untermauern. "Es hat mich überrascht, wie weitreichend sich Selbsthilfegruppen mittlerweile nach außen orientieren", stellte Kofahl fest und präsentierte auf der Tagung verschiedene Studienergebnisse. So gäben in der SHILD-Studie etwa 78 Prozent der befragten 1.192 Selbsthilfegruppen an, dass sie sich mäßig bis stark mit der Beratung und Information von Menschen außerhalb ihrer Gruppe befassen. Erstaunlich hoch sei vor allem die Zahl der aufsuchenden Beratungsangebote, für die sich 43 Prozent der Gruppen engagieren. "Schaut man sich gezielt Studien zu solchen Peer-to-Peer-Beratungen an, zeigen sich in etwa der Hälfte der Studien signifikante Unterschiede zur Normalversorgung", so Kofahl weiter. Besseres Selbstmanagement, höhere Selbstwirksamkeit oder reduzierte Hospitalisierung seien nur einige der gemessenen Vorteile. "Die Studienlage zeigt aber auch, dass die Ergebnisse besser ausfallen, wenn die beratenden Peers spezielle Schulungen für ihre Beratungstätigkeit absolviert haben."

Antje Liesener, Bundeskoordinatorin im "Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen" machte in ihrem Vortrag deutlich, dass der Zugang der Selbsthilfe zum professionellen Gesundheitssystem nach wie vor schwierig ist und verwies dazu ebenfalls auf ein Ergebnis der SHILD-Studie. "Mehr als 80 Prozent der befragten Gruppen gaben das Ziel an, die Kooperation mit Fachleuten ausbauen zu wollen. Aber nur die Hälfte der Gruppen erreicht auch dieses Ziel." Der Grund für diese Diskrepanz: Die Selbsthilfe stehe im Gesundheitswesen immer wieder vor verschlossenen Türen. "Wir wollen das mit unserem Netzwerk ändern und die Türen öffnen", so Liesener. Im Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit haben sich in mehr als 80 Kooperationsprojekten Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen aktiv mit der Selbsthilfe zusammengeschlossen. "Immer mehr Kliniken gehen diesen Weg, weil sie die Vorteile dieser Kooperation erkennen. Die Selbsthilfe erhält so die Möglichkeit, ihr Erfahrungswissen strukturiert in die Qualitätsentwicklung dieser Einrichtungen fließen zu lassen", sagte Liesener.

Leuchturm-Projekte

Wie das Thüringer Lotsennetzwerk in die professionellen Hilfsangebote der Suchthilfe eingebunden ist, erklärte anschließend Frank Hübner, Leiter des Lotsennetzwerk Thüringens. "Betroffene helfen Betroffenen – noch niedrigschwelliger geht es nicht", fasste er den Kerngedanken des Projekts zusammen, in dem suchterfahrene abstinente Menschen Betroffenen mit einem akuten Suchtproblem zur Seite stehen. "Viele Suchtkranke kommen nach einer Entgiftung nicht im Hilfesystem an. Die Folge sind in der Regel Rückfälle und ein ewiger Kreislauf aus Entgiftung und Rückfällen", erklärte Hübner. Im Netzwerk stehen die Lotsen ihren Betreuten hilfreich zur Seite, sind erfolgreiche Vorbilder eines suchtmittelfreien Lebens und weisen den Betroffenen den Weg in die Selbsthilfe und das professionelle Hilfesystem. "Von rund 1.000 Menschen, die wir bisher im Rahmen der Lotsenarbeit begleitet haben, sind etwa 700 dauerhaft abstinent und in der Selbsthilfe angekommen", machte Hübner den Erfolg des Projektes deutlich.

Ein weiteres Leuchtturm-Kooperationsprojekt stellten Dr. Melissa Beirau, Chirurgin am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) und Sylvia Wehde, Leiterin des Amputierten-Treffpunkts Berlin-Brandenburg, gemeinsam vor. Im ukb erhalten seit neun Jahren frisch operierte Patienten nach einer Amputation neben der ärztlichen auch eine sogenannte Peerberatung. Im Rahmen des Projekts besuchen Menschen aus Wehdes Selbsthilfegruppe, die selbst bereits eine Amputation erfolgreich gemeistert haben, die Patienten möglichst noch am Krankenbett. "Egal, wie viel Zeit ich mir genommen habe und was ich gesagt habe: Früher hatte ich bei meinen Patientengesprächen oft das Gefühl, keinen richtigen Zugang zu den Patienten zu finden", so Beirau. Mit dem Projekt „Peers im Krankenhaus“ habe sich die Situation komplett geändert. "Die Betroffenen fühlen sich nun ernst genommen und auf Augenhöhe beraten." Wehde ergänzte anschließend noch, wie schwierig es vor allem in der Anfangszeit des Projektes war, neben dem ukb auch in anderen Krankenhäusern diese Beratung anbieten zu können. "Wir scheiterten oftmals schon an der Vorzimmerdame unseres ärztlichen Ansprechpartners." Mittlerweile habe sich der Zugang zu den Kliniken aber gebessert und der Amputierten-Treffpunkt biete seine Beratung in mehreren großen Kliniken im Berliner Umfeld an.

Die Vorträge zum Download

Foto:  Podium (v.l.): Dr. Christopher Kofahl, Frank Hübner, Antje Liesener, Karola Schulte (Moderation), Dr. Melissa Beirau, Sylvia Wehde

v.l.: Dr. Christopher Kofahl, Frank Hübner, Antje Liesener, Karola Schulte (Moderation),
Dr. Melissa Beirau, Sylvia Wehde

Der Vormittag schloss dann mit einer Podiumsdiskussion, bei der die Referenten den Teilnehmern ausführlich Rede und Antwort standen. Diskutiert wurde dabei auch die Frage, ob die quasiprofessionelle Arbeit der Peers eigentlich noch originäre Selbsthilfearbeit sei oder bereits eine gesundheitliche Leistung, die von der Solidargemeinschaft bezahlt werden sollte. Diese und weitere Fragen konnten die Tagungsteilnehmer am Nachmittag dann noch in Kleingruppen weiter diskutieren. Das Ergebnis der nachmittäglichen Diskussionen zur möglichen Bezahlung von Peerberatungen fasste Tagungsteilnehmer Olaf Hecker vom Bundesverband Lebenshilfe e. V. so zusammen: "Die Leistungen der Selbsthilfe sind ehrenamtlich und bekommen gerade dadurch ihre Glaubwürdigkeit. Eine Bezahlung dieser Leistung würde Aktionsdruck und ökonomisch bedingtem Zeitdruck nach sich ziehen. „Die Selbsthilfe sollte frei sein von solchen Abhängigkeiten, das würde nur die Glaubwürdigkeit beschädigen", so Hecker.  

Am Schluss lobte Frau Schick die Vertreter der Selbsthilfeorganisation für ihr unermüdliches ehrenamtliches Engagement und versprach, dass die AOK - Die Gesundheitskasse auch bei der Erweiterung ihrer Aufgabenspektren ein starker Partner für die Selbsthilfe bleiben wird.

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