Normalisierung und Nachholeffekte

GKV-Finanzergebnis 03/ 2020

(04.12.20) Die 105 gesetzlichen Krankenkassen haben die ersten neun Monaten des Jahres mit einem Minus von insgesamt 1,7 Milliarden Euro abgeschlossen. Den Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Höhe von 194,7 Milliarden Euro standen in diesem Zeitraum Ausgaben von rund 196,3 Milliarden Euro gegenüber. Das erste Halbjahr hatten die Kassen noch mit einem Plus von zusammen knapp 1,3 Milliarden Euro abgeschlossen. Bis auf die landwirtschaftliche Krankenversicherung (plus 45 Millionen Euro) verbuchten alle Kassenarten zum Ende des 3. Quartals Defizite. Am härtesten traf es die AOK-Gemeinschaft mit einem Minus von 1,088 Milliarden Euro, die Ersatzkassen kommen auf eine Unterdeckung von 280 Millionen Euro, die Betriebskrankenkassen liegen bei minus 95 Millionen Euro. Es folgen die Innungskrankenkassen und die Knappschaft-Bahn-See einem Defizit von 156 Millionen beziehungsweise 101 Millionen Euro

Nach dem Ausgabenrückgang im zweiten Quartal spricht das Bundesgesundheitsministerium für das dritte Quartal von einer "Normalisierung des Leistungsgeschehens - teilweise verbunden mit erwartbaren Nachholeffekten". Das gelte insbesondere für den Bereich der ärztlichen Behandlung. Ähnlich kommentierte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, die roten Zahlen. "Nach den Corona-bedingten heftigen Schwankungen mit einem Minus im ersten Quartal und einem Plus im zweiten Quartal dreht das Ergebnis nun erwartungsgemäß wieder ins Minus". Dies habe "mit der Normalisierung bei Behandlungen und Operationen nach dem ersten Lockdown" zu tun. Nicht zuletzt wirke sich jetzt aber auch das Versichertenentlastungsgesetz (GKV-VEG) aus: "Das Gesetz zwingt die Krankenkassen bereits im Jahr 2020 zum stufenweisen Abbau von Rücklagen über günstige, aber nicht ausgabendeckende Zusatzbeiträge."

Dennoch seien die Zahlen "nur eine Momentaufnahme in außergewöhnlichen Zeiten" mit begrenzter Aussagekraft, so der AOK-Vorstand. Die Pandemie-Kosten seien weiter nur bedingt absehbar. "Klar ist aber, dass wir dieses Jahr mit einem Minus abschließen werden und dass das dicke Ende erst noch kommt", sagte Litsch mit Blick auf das für 2021 erwartete Finanzloch von rund 16,6 Milliarden Euro. Und für 2022 sei bereits ein neuer Fehlbetrag von 17 Milliarden Euro absehbar.

Die Finanzreserven der Krankenkassen lagen nach Angaben des BMG zum Stichtag 30. September bei rund 17,8 Milliarden Euro. Dies entspreche 0,81 Monatsausgaben "und damit im Durchschnitt etwa dem Vierfachen der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve". Der Gesundheitsfonds, der Anfang des Jahres noch über eine Liquiditätsreserve von rund 10,2 Milliarden Euro verfügte, lag Ende September mit rund 5,1 Milliarden Euro im Minus. "Dieses Defizit ist neben den üblichen saisonalen Effekten maßgeblich auf konjunkturbedingte Mindereinnahmen sowie auf Ausgleichszahlungen an Leistungserbringer zurück zu führen", heißt es in der Presseinfo des BMG. Bis zum 30. September hat der Bund nach Angaben des BMG rund 10,5 Milliarden Euro aus der Liquiditätsreserve des Bundes für die Ausgleichszahlungen für freigehaltene Krankenhausbetten sowie zum Ausgleich von Belegungsrückgängen von Vorsorge – und Rehabilitationseinrichtungen, die Aufstockung der Intensivbettenzahl, sowie zum Ausgleich von Einkommenseinbußen von Heilmittelerbringern und für Zuschüsse für Sozialdienstleister entnommen. Als Kompensation für die Ausgleichszahlungen der Krankenkassen an die Kliniken für Belegungsrückgänge in Krankenhäusern habe der Bund für das 1. bis 3. Quartal rund 8,8 Milliarden Euro an den Gesundheitsfonds erstattet.

"Der Zuwachs der Beitragseinahmen blieb mit lediglich 2,1 Prozent – trotz der Stabilisierung der Sozialversicherungseinnahmen durch die Regelungen beim Kurzarbeitergeld – erheblich hinter den Veränderungsraten der Vorjahre mit durchschnittlich deutlich über vier Prozent zurück", stellt das BMG fest. Der Bund habe deshalb die Einnahmen des Gesundheitsfonds durch einen ergänzenden Bundeszuschuss in Höhe von 3,5 Milliarden Euro in der zweiten Jahreshälfte stabilisiert. Den für 2021 vorgesehenen zusätzlichen Zuschuss in Höhe von fünf Milliarden Euro bezeichnete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Freitag als "gutes und richtiges Signal an Beitragszahler und Arbeitgeber in wirtschaftlich schwierigen Zeiten".

Bei den Krankenkassen gab es nach Angaben des BMG bis zum Ende des 3. Quartals einen absoluten Ausgabenzuwachs für Leistungen und Verwaltungskosten von 4,2 Prozent oder 8,435 Milliarden Euro. Das bewege sich im Bereich der vom GKV-Schätzerkreis für 2020 prognostizierten 4,3 Prozent. Nach dem durch die Corona-Pandemie bedingten Rückgang im zweiten Quartal seien es in den Sommermonaten wieder mehr Leistungen in Anspruch genommen worden. Besonders auffällig sei das Plus von 7,4 Prozent im Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung. Durch die steigenden Corona-Fallzahlen ab Mitte Oktober und neue Lockdown-Regelungen rechnet das Ministerium für das vierte Quartal wieder "mit einer rückläufigen Leistungsinanspruchnahme außerhalb der Versorgung von Covid-19-Patienten".

Ausgaben der GKV im ersten bis dritten Quartal 2020 in ausgewählten Bereichen

Veränderungsrate je Versicherten gegenüber 2019 in der GKV und der AOK

Ausgaben in Milliarden EuroVeränderungsrate GKV Veränderungsrate AOK
Quelle: BMG, KV-45-Zahlen, 04.12.20
Ärztliche Behandlung34,1587,07,4
Zahnärztliche Behandlung8,580-0,70,9
Zahnersatz2,612-7,5-7,9
Arzneimittel32,3055,75,0
Hilfsmittel7,0762,62,1
Heilmittel6,5703,62,9
Krankenhaus60,5701,21,0
Krankengeld10,47211,613,1
Fahrkosten4,8619,19,1
Vorsorge- und Reha-Maßnahmen2,828-15,5-15,2
Schutzimpfungen1,08514,317,5
Schwangerschaft/Mutterschaft ohne stationäre Entbindung1,1441,1-0,2
Häusliche Krankenpflege5,1496,96,2
Netto-Verwaltungskosten8,2455,57,9