Abschöpfen der "Finanzreserven" hinterlässt Spuren

(21.06.21) Die aktuell 103 gesetzlichen Krankenkassen haben die ersten drei Monate des Jahres mit einem Defizit von rund 148 Millionen Euro abgeschlossen. Die Einnahmen betrugen rund 69,3 Milliarden Euro, die Ausgaben lagen bei rund 69,4 Milliarden Euro.

Die Finanzentwicklung verlief bei den einzelnen Kassenarten sehr unterschiedlich. Das ist insbesondere auf die im GKV-Versichertenentlastungsgesetz verankerte Vermögensabführung einzelner Kassen an den Gesundheitsfonds zurückzuführen. Die AOK-Gemeinschaft ist von dieser Regelung überdurchschnittlich hart betroffen. Nach Angaben des AOK-Bundesverbandes haben allein die elf AOKs im ersten Vierteljahr zusammengerechnet eine Milliarde Euro abführen müssen; insgesamt waren es laut BMG im ersten Quartal rund 1,99 Milliarden.

Insgesamt verzeichnete die AOK-Gemeinschaft ein Minus von 563 Millionen Euro, ebenso die Betriebskrankenkassen liegen und die Knappschaft-Bahn-See mit 63 Millionen beziehungsweise mit 20 Millionen Euro im Minus. Überschüsse verzeichneten hingegen die Ersatzkassen von 435 Millionen Euro und die Innungskrankenkassen von 49 Millionen

Die Leistungsausgaben legten im ersten Vierteljahr um 2,2 Prozent zu, die Verwaltungskosten um 5,3 Prozent. "Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Ausgabenzuwächse dieses Quartals auf einen hohen Ausgabensockel des entsprechenden Vorjahresquartals aufsetzen", so das BMG. Deshalb sei zu erwarten, "dass die Zuwachsraten im weiteren Jahresverlauf noch deutlich steigen werden". Die Beitragseinnahmen der Kassen (ohne Zusatzbeiträge) lagen laut Ministerium 1,9 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. "Dieser Anstieg blieb damit erheblich hinter den Veränderungsraten vor Beginn der Covid-19-Pandemie mit durchschnittlich über vier Prozent zurück", stellt das BMG fest.

Rückläufige Ausgaben weist die Statistik für die stationäre Versorgung (-1,7 Prozent) und die bei Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen (- 14,1 Prozent) aus. Für die dafür verantwortlichen Belegungsrückgänge flossen von Januar bis März rund drei Milliarden Euro über Ausgleichszahlungen an die Krankenhäuser und 135 Millionen Euro an die Vorsorge- und Rehaeinrichtungen.

Starke Ausgabenzuwächse gab es dagegen bei der ambulanten ärztlichen Versorgung (+7,4 Prozent), bei der zahnärztlichen Behandlung (+6,1 Prozent) und beim Zahnersatz (+9,9 Prozent). Die Ausgaben für Arzneimittelausgaben zogen nach einem zweistelligen Zuwachs von 11,5 Prozent im 1. Quartal 2020 in ersten Vierteljahr dieses Jahres lediglich um 0,8 Prozent an. Der Anstieg der Krankengeldausgaben um 5,6 Prozent geht vor allem auf die Aufwendungen für das aufgestockte Corona-Kinderkrankengeld mit einem Plus von 46 Prozent zurück.

Die aktuellen Finanzdaten lassen nach Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch keine belastbare Prognose für die weitere GKV-Entwicklung zu: "Erst wenn die Daten des ersten Halbjahres vorliegen, wissen wir, ob der von der Koalition beschlossene ergänzende Bundeszuschuss von sieben Milliarden Euro für 2022 angepasst werden muss, um den durchschnittlichen Zusatzbeitrag stabil zu halten."

Angesichts der absehbar kritischen GKV-Finanzentwicklung hat der AOK-Bundesverband bereits einen deutlich höheren zusätzlichen Bundeszuschuss gefordert. "Jenseits der durch Corona und Gesetzgebung verursachten Sondereffekte bleiben die finanziellen Perspektiven der GKV weiterhin düster: Im Jahr 2022 ist mit einem GKV-Defizit von über 17 Milliarden Euro zu rechnen", sagte Vorstandschef Martin Litsch Anfang Juni.

Die AOK mahnte zudem mehr Planungssicherheit für die Kassen an. Die gesamte Höhe des zusätzlichen Bundeszuschusses für das Jahr 2022 müsse zum Zeitpunkt der Beratungen des GKV-Schätzerkreises Mitte Oktober 2021 feststehen. "Nur auf dieser Basis kann der durchschnittliche Zusatzbeitrag für das Jahr 2022 mit 1,3 Prozent festgelegt werden", betonte Litsch.

Ausgaben der GKV im ersten Quartal 2021 in ausgewählten Bereichen

Veränderungsrate je Versicherten gegenüber 2020 in der GKV und der AOK

Ausgaben in Milliarden EuroVeränderungsrate GKVVeränderungsrate AOK
Quelle: BMG, KV-45-Zahlen, 21.06.21
Ärztliche Behandlung12,6807,245,8
Zahnärztliche Behandlung3,1375,884,9
Zahnersatz0,9329,689,5
Arzneimittel11,8550,67-0,7
Hilfsmittel2,4430,49-1,8
Heilmittel2,3333,571,7
Krankenhaus20,575-1,87-0,9
Krankengeld4,2875,435,8
Fahrkosten1,8245,514,1
Vorsorge- und Reha-Maßnahmen0,773-14,22-9,3
Schutzimpfungen0,4198,062,8
Schwangerschaft/Mutterschaft ohne stationäre Entbindung0,380-1,161,3
Häusliche Krankenpflege1,9036,173,5
Netto-Verwaltungskosten2,9495,110,5