Agenturmeldung vom 03.03.2020, 12:30

Coronavirus-Nachweise in fast allen Bundesländern - rund 190 Fälle

Deutschland muss sich weiter auf einen Anstieg der Sars-CoV-2-Fallzahlen einstellen. Bei den Tests auf das Virus gelte es, ein vernünftiges Maß zu halten, betonen die Kassenärzte. Die Versorgung mit Schutzausrüstung müsse besser werden.

Berlin (dpa) - In fast allen Bundesländern gibt es inzwischen nachgewiesene Infektionen mit dem neuen Coronavirus. Gut die Hälfte der vom Robert Koch-Institut (RKI) bis Dienstagvormittag erfassten 188 Sars-CoV-2-Infektionen wurde in Nordrhein-Westfalen gemeldet. "Mit weiteren Fällen, Infektionsketten und auch Ausbrüchen in Deutschland muss gerechnet werden", betonte das RKI. Neben NRW sind derzeit Bayern und Baden-Württemberg stärker betroffen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte für Mittwoch eine Regierungserklärung zum Krisenmanagement bei Sars-CoV-2 an. Zudem ist ein Treffen mit den Gesundheitsministern der Länder vorgesehen.

Am Montagabend waren erste Fälle in Brandenburg, Thüringen und Sachsen bekannt geworden. Noch keine Meldungen gab es aus dem Saarland, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Schwere Verläufe der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 sind selten, ein darauf zurückgehender Todesfall wurde in Deutschland bisher nicht erfasst. In Berlin, wo der erste Fall am Sonntag bekannt wurde, kamen zwei weitere Nachweise hinzu. Da eine Lehrkraft unter den Infizierten ist, bleibt nun auch in der Hauptstadt eine öffentliche Schule geschlossen.

Deutschlands Kassenärzte warnen vor zu vielen unnötigen Tests auf Sars-CoV-2. "Umfangreichere Testung von klinisch Gesunden ist medizinischer Unfug", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Sinnvoll seien Tests nur, wenn jemand Symptome einer Erkrankung der oberen Atemwege aufweise und womöglich Kontakt zu Infizierten gehabt habe.

Die Praxisärzte sehen sich nach wie vor gewappnet für den Umgang mit Sars-CoV-2 in Deutschland - aber Handlungsbedarf beim Nachschub an Schutzausrüstung. "Der Grundbestand, über den die niedergelassenen Kollegen in ihren Praxen verfügen, wird bundesweit nicht ausreichen, wenn die Zahl der Verdachtsfälle steigen wird", sagte Gassen. "Und darauf deutet ja alles hin." Es müsse rasch Abhilfe geschaffen und Schutzbekleidung dort vorgehalten werden, wo sie gebraucht werde. "Es muss Klarheit darüber herrschen, wie die Ärzte an das notwendige Material gelangen können."

Es sei zu erwarten gewesen, dass die Zahl der bestätigten Fälle zunehme und wohl auch noch weiter zunehmen werde. "Wichtig ist aber: Viele Infizierte haben überhaupt keine Symptome, die meisten haben nur grippeähnliche Beschwerden, nur wenige erkranken schwer." Auf jeden Fall sollten Menschen, die einen Verdacht auf Sars-CoV-2 bei sich hätten, zunächst beim Hausarzt oder der Arzthotline 116 117 anrufen. Denn wenn ein Infizierter gleich eine Praxis aufsuche, könne diese vom zuständigen Gesundheitsamt aus Gründen des Seuchenschutzes vorübergehend geschlossen werden. "Und genau das wollen wir vermeiden", sagte KBV-Vize Stephan Hofmeister.

Bei weitem nicht jeder mit dem Virus Sars-CoV-2 Infizierte erkrankt an der Lungenkrankheit Covid-19. Zudem hat die große Mehrheit der Betroffenen lediglich Erkältungssymptome, die rasch wieder abklingen. Schwerere Krankheitsverläufe - etwa eine Lungenentzündung - entwickeln nach den bisherigen weltweiten Erkenntnissen bis zu 15 Prozent der Betroffenen. Häufig sind darunter alte Menschen und Patienten mit Vorerkrankungen. Die Isolation der Betroffenen und die Suche nach Kontaktpersonen erfolgt, damit sich die Ausbreitung des Virus möglichst verlangsamt. Dadurch soll möglichst viel Kapazität im Gesundheitssystem erhalten bleiben.

In Norwegen saß am Dienstag das Kreuzfahrtschiff "Aida Aura" fest. Zwei deutsche Passagiere standen unter Verdacht, mit Sars-CoV-2 infiziert zu sein. Wie die Reederei Aida Cruises mitteilte, hatte einer der beiden in der vergangenen Woche in einer Einrichtung gearbeitet, in der inzwischen zwei Menschen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Das Schiff mit rund 1200 Passagieren lag am Morgen im Hafen der Küstenstadt Haugesund. Mit den Ergebnissen der Tests wurde noch im Tagesverlauf gerechnet.

Auf Mallorca wurde eine dritte Sars-CoV-2-Infektion nachgewiesen. Betroffen sei eine Frau, die sich kürzlich im norditalienischen Turin aufgehalten habe, teilten die Gesundheitsbehörden mit. Sie liege isoliert im Krankenhaus Son Llatzer in der Inselhauptstadt Palma. Norditalien ist besonders stark von der Ausbreitung des neuartigen Virus betroffen. Nach Angaben des Zivilschutzes vom Montagabend wurden dort bisher mehr als 2000 Infektionen erfasst, mehr als 50 der Infizierten starben.

Außerhalb Chinas, wo das Virus seinen Ausgang genommen hatte, ist derzeit Südkorea nach den offiziellen Meldezahlen am schwersten von Sars-CoV-2 betroffen. Mehr als 4800 Infektionen wurden von den Behörden inzwischen erfasst, mindestens 28 Menschen starben an Covid-19. Die größte Häufung gibt es unter Anhängern der christlichen Sekte Shincheonji-Kirche Jesu, die Verbindungen nach China hat. In China lag die Zahl offiziell erfasster Infizierter am Dienstag bei mehr als 80 000, die der Todesfälle bei knapp 3000. Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle aus.