Agenturmeldung vom 17.04.2020, 16:42

Verschobene OPs sollen nach Corona-Pause ab Mai wieder anlaufen

Als großangelegte Vorsichtsmaßnahme stoppten Kliniken seit Wochen Eingriffe, um Überlastungen durch Corona-Patienten zu vermeiden. Doch das hatte Nebenwirkungen. Nun soll vorsichtig gegengesteuert werden.

Berlin (dpa) - Verschobene Operationen und andere Behandlungen in den Krankenhäusern sollen nach einer Notpause wegen der Corona-Krise allmählich wieder anlaufen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte am Freitag in Berlin, es gelte, ab Mai schrittweise in eine "neue Normalität im Klinikbetrieb" zu kommen. Dabei gehe es um eine "schwierige Balance" zwischen der regulären Versorgung bei Notfällen und wichtigen OPs sowie notwendigen freien Kapazitäten für Corona-Patienten. Für diese sollten in der Startphase nun zunächst 25 bis 30 Prozent der Intensivbetten reserviert werden, sagte Spahn.

Im Kampf gegen die Epidemie hatten Bund und Länder die Kliniken Mitte März aufgefordert, alle planbaren OPs und Aufnahmen auszusetzen. Dies sollte vor allem in Intensivstationen vorsorglich freie Betten für eine erwartete große Zahl schwer kranker Corona-Patienten schaffen - auch mit Möglichkeiten zur künstlichen Beatmung. Doch auf der anderen Seite bedeutete diese Prioritätensetzung eine Geduldsprobe für viele andere Patienten mit ebenfalls wichtigen Anliegen. Angesichts des insgesamt "beherrschbar" gewordenen Corona-Ausbruchs müsse man nun beiden Patientengruppen gerecht werden können, sagte Spahn. Es gehe um die Gesundheit aller mit allen Erkrankungen in Deutschland.

DIE NEBENWIRKUNGEN DER CORONA-PAUSE: Viele Patienten brachte der vorläufige OP-Stopp in eine schwierige Situation - etwa wenn ein Eingriff an der Hüfte, am Rücken oder wegen eines Tumors anstand und ungewiss war, wann es dazu kommt. Das sei für viele eine zusätzliche seelische Belastung gewesen, sagte Spahn. In Kliniken seien teils auch spürbar weniger Patienten mit Herzinfarkten und Schlaganfällen gekommen, so dass sich Mediziner fragten: "Wo sind die jetzt?" Die Deutsche Krankenhausgesellschaft verwies kürzlich darauf, dass manche aus Angst vor Corona nicht kämen. Es gebe aber keinen Grund, nötige Behandlungen aufzuschieben. Der Infektionsschutz sei gewährleistet.

DIE CORONA-RESERVE: Die Bremsung bei den planbaren Eingriffen zeigte Wirkung: Mit Stand Freitagfrüh gab es bundesweit mehr als 11 000 freie Intensivbetten, wie aus dem täglich aktualisierten Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) hervorgeht. Eine so große Zahl könne und müsse man nicht auf Dauer vorhalten, erläuterte Spahn. Er verstehe daher Forderungen, OPs wieder hochzufahren. Vorerst könne etwa ein Drittel der freien Intensivplätze für Corona-Patienten vorgesehen werden. Dann sei schrittweise genauer und nach regionaler Lage nachzusteuern. "Immer nach dem Prinzip der Vorsorge und der Vorsicht."

WEITERE SPIELRÄUME: Um auf das Infektionsgeschehen in bestimmten Regionen reagieren zu können, sollen Vorhersagemöglichkeiten weiter ausgebaut werden. Dafür müssen Kliniken inzwischen verpflichtend ihre freien Intensivkapazitäten an das zentrale Register melden. Auch bei Intensivarzneimitteln geht es um mehr Flexibilität, wie der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel, Karl Broich, deutlich machte. Die großen Kliniken seien gut bevorratet. Wenn es einen regionalen Engpass gebe, sollten Arzneimittel dorthin gebracht werden, statt Patienten zu verlegen. Spahn sagte, angesichts der Lage könne Stand jetzt auch europäischen Nachbarn angeboten werden, zusätzliche Corona-Patienten für Behandlungen nach Deutschland zu bringen.

REAKTIONEN: Die Linke warnte vor Problemen beim Übergang in eine "neue Normalität". Dieses Versprechen dürfe nicht durch permanente Überlastung und Gefährdung des Personals und auf Kosten der Patienten eingelöst werden, sagte Gesundheitsexperte Achim Kessler. Die Gewerkschaft Verdi hatte bereits gemahnt, es könne immer noch eine Lage entstehen, die Kliniken an die Grenzen der Leistungsfähigkeit bringe. Betriebswirtschaftliche Überlegungen dürften keine Rolle spielen. Laut Krankenhausgesellschaft meldeten viele Kliniken Belegungsrückgänge von 30 Prozent und mehr. Für Erlösausfälle sieht ein kürzlich beschlossenes Gesetz Ausgleichszahlungen vor.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz nannte es nicht verwunderlich, dass sich zuletzt weniger Patienten in den Krankenhäusern meldeten. Zum Appell für einen OP-Aufschub komme hinzu, dass viele Menschen Angst vor der Ansteckung in einer Klinik hätten. "Das ist auch nicht unberechtigt", sagte Vorstand Eugen Brysch. Schließlich seien knapp 7000 medizinisch-pflegerische Mitarbeiter positiv getestet worden.