Qualität ist messbar: Neue Daten zu Prostata-Eingriffen vorgelegt

Krankenhausreform mit Qualitätsvorgaben

Foto: Tablet mit Navigator-Entscheidungshilfe

12.11.15 (ams). Bei fast jeder fünften Prostata-Entfernung wegen Prostatakrebs treten Komplikationen auf. Bei Operationen aufgrund einer gutartigen Prostatavergrößerung kommt es bei fast jedem sechsten Eingriff zu Problemen. Das zeigt eine Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) im Rahmen der Qualitätssicherung mit Routinedaten (QSR). Die Analyse offenbart außerdem: Im schlechtesten Viertel der Kliniken ist die Komplikationsrate je nach Eingriff mehr als doppelt so hoch wie im besten Viertel. "Das zeigt eindrucksvoll, wie wichtig die angestrebten Reformen des Krankenhaus-Strukturgesetzes sind, mit denen Qualitätsergebnisse stärker in die Krankenhausplanung einfließen sollen", kommentierte Martin Litsch, Interims-Vorstand des AOK-Bundesverbandes, die aktuellen Qualitätsergebnisse.

Mehr als 44.100 Fälle der gutartigen Prostatavergrößerung, des sogenannten benignen Prostatasyndroms (BPS), aus den Jahren 2011 bis 2013 hat das WIdO ausgewertet. Die Fälle verteilen sich auf über 420 Kliniken. Die Gesamtkomplikationsrate lag bei insgesamt 17,9 Prozent. Beim besten Viertel der Krankenhäuser hatten höchstens 13,2 Prozent der Patienten Probleme. Beim schlechtesten Viertel waren es mindestens 22,5 Prozent. Noch größer waren die Unterschiede bei der kompletten Entfernung der Prostata, der radikalen Prostatektomie (RPE). Während im besten Viertel der Kliniken höchstens 12,6 Prozent der Patienten unter Komplikationen litten, waren es im schlechtesten Viertel mehr als doppelt so viele, mindestens 27,4 Prozent. Die Gesamtkomplikationsrate lag bei 19,3 Prozent. Für die RPE hat das WIdO über 15.500 Fälle aus 220 Krankenhäusern analysiert.

Vor diesem Hintergrund begrüßt der AOK-Bundesverband die stärkere gesetzliche Verankerung der Qualitätsorientierung durch das Krankenhaus-Strukturgesetz (KHSG). "Die Krankenhäuser erhalten bis 2020 rund zehn Milliarden Euro extra. Nun müssen sie beweisen, dass das Geld auch tatsächlich zum Wohl der Patienten für eine bessere Versorgung verwendet wird und nicht nur veraltete Strukturen am Leben erhält", sagte Martin Litsch.

PREFERE - Die Prostatakrebsstudie

Die Langzeitstudie PREFERE soll Aufschluss darüber geben, welche Therapie bei Männern mit einem lokal begrenzten Prostatakrebs die beste ist. Ziel der Studie ist es, Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dadurch sollen betroffene Männer künftig mehr Sicherheit bei der Wahl ihrer Behandlung haben. Untersucht werden die vier Behandlungsoptionen für Patienten mit einem Prostatakarzinom im frühen Stadium, die in der sogenannten S3-Leitlinie zur Prostatakrebsbehandlung empfohlen werden:

  • operative Entfernung der Prostata (radikale Prostatektomie)
  • Bestrahlung von außen (perkutane Strahlentherapie)
  • Bestrahlung mit implantierten Strahlungsquellen (permanente Seed-Implantation oder Brachytherapie)
  • aktive Überwachung (active surveillance) mit invasiver Behandlung erst bei fortschreitender Erkrankung

Derzeit ist unklar, von welcher dieser Optionen die Patienten unter Berücksichtigung der Nebenwirkungen und Komplikationen am meisten profitieren. Für betroffene Männer bietet die Teilnahme an PREFERE viele Vorteile: Sie werden in eigens für die Studie zertifizierten Zentren behandelt, es gibt eine Zweitbegutachtung der Gewebeprobe zur Absicherung der Diagnose sowie eine langfristige und strukturierte Nachsorge über 13 Jahre. Die Patienten können im Rahmen der randomisierten Studie zwei der vier möglichen Behandlungsoptionen "abwählen". An der Studie beteiligen sich etwa 100 Studienzentren in Deutschland.

Umfassende Betrachtung der Versorgungsqualität

Zu den im QSR-Verfahren ausgewerteten Komplikationen gehören unter anderem erneute Eingriffe an Prostata, Harnröhre oder Harnleiter während des Krankenhausaufenthaltes und bis zu einem Jahr danach. Auch das Auftreten von Lungenembolien oder Herzinfarkten ist in die Daten eingeflossen. Zu den Themen Inkontinenz und Impotenz kann das QSR-Verfahren dagegen keine Aussage machen, weil dafür die Datengrundlage fehlt. Dies seien zwar wichtige Kriterien für die Patienten, sagt Prof. Dr. Jens-Uwe Stolzenburg, Direktor der urologischen Klinik an der Uniklinik Leipzig und Mitglied im QSR-Expertenpanel. "Dass Inkontinenz und Impotenz nicht erfasst werden können, schmälert die Qualität des Verfahrens aber nicht", betont er. "Immerhin werden extrem wichtige Kriterien wie Folge-OPs, Bluttransfusionen, allgemeinchirurgische Komplikationen oder Sterblichkeit abgebildet." Patienten könnten sich mit den Ergebnissen im AOK-Krankenhausnavigator darüber informieren, wo solche Komplikationen häufiger oder seltener auftreten. Diese "umfassende Betrachtung der Versorgungsqualität" sei einzigartig.

Fairer Klinikvergleich ist möglich

Bei QSR werden die verschiedenen Risikostrukturen der Krankenhäuser, wie Alter oder Komorbiditäten der Patienten, über die Risikoadjustierung bereits in der Analyse berücksichtigt, so dass ein fairer Krankenhausvergleich möglich ist. Auch Besonderheiten der OP-Verfahren werden in die Bewertung einbezogen: So wird bei Nerv-erhaltenden Methoden die Erektionsfähigkeit weniger beeinträchtigt. Sie sind daher im Sinne der Patienten, können aber mit einem höheren Blutverlust und dadurch auch mit einer erhöhten Zahl von Transfusionen einhergehen. Das QSR-Verfahren gewährleistet, dass Kliniken, die nach diesen Methoden operieren, nicht wegen der Nerv-erhaltenden Operation schlechtere Qualitätsbewertungen erzielen.

Der Krankenhausnavigator enthält inzwischen Qualitätsinformationen zu acht Leistungsbereichen, die mit der QSR-Methodik analysiert worden sind: Neben den Prostata-OPs sind dies die Implantation einer Hüftgelenksprothese bei Arthrose, einer Hüftgelenksprothese bei Hüftfraktur und einer Kniegelenksprothese so wie die Gallenblasenentfernung bei Gallensteinen, das Einsetzen eines Therapeutischen Herzkatheters (PCI) bei Patienten ohne Herzinfarkt und die Blinddarm-Entfernung. Für diese Eingriffe wurden die Ergebnisse mit Daten bis zum Jahresende 2014 jetzt aktualisiert.

Der Vorteil des QSR-Verfahrens liegt in der Langzeitbetrachtung von Behandlungsergebnissen über den Krankenhausaufenthalt hinaus. Neben den Daten der Krankenhäuser bezieht sie auch Abrechnungsdaten aus der ambulanten Versorgung mit ein. So lassen sich unerwünschte Ereignisse analysieren, die innerhalb eines Jahres nach der Entlassung aus dem Krankenhaus auftreten. Das QSR-Verfahren wird vom WIdO gemeinsam mit medizinischen Experten stetig weiter entwickelt, die Qualitätsdaten werden jährlich aktualisiert.

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