Pflege genauso wichtig wie Mindestlohn und Energiewende

Deutscher Pflegetag 2015

Foto: Hilfe bei der Körperpflege

12.03.15 (ams). Wann wird die Pflege endlich den Stellenwert bekommen, den sie braucht? Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann wird die gesellschaftliche Tragweite des Themas immer noch unterschätzt:  "Mögen heute noch Mindestlohn oder Energiewende mehr Aufmerksamkeit erzeugen, langfristig wird das Pflege-Thema nach vorne drängen", sagte Graalmann anlässlich der Eröffnung des Deutschen Pflegetages 2015 in Berlin. Pflege sei ein Großprojekt, das wie Bildungoffensive und Energiewende gesamtgesellschaftlich angepackt werden müsse. Nächste Bewährungsprobe sei das Zweite Pflegestärkgungsgesetz (PSG II).

Vor welchen gesellschaftlichen Herausforderungen Deutschland steht, verdeutlichen die Zahlen: Schon heute sind 2,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, bis 2050 wird diese Zahl noch einmal um rund zwei Millionen ansteigen. Drei von vier Frauen über 30 Jahren müssen damit rechnen, einmal pflegebedürftig zu werden. Bei den Männern ist es jeder zweite. "Wir brauchen natürlich mehr Pflegekräfte. Tatsächlich aber gehen Prognosen, etwa der Ruhr-Universität Bochum davon aus, dass das Potenzial an Pflegepersonen bis 2030 um 30 Prozent sinken wird", warnte Graalmann. Vor allem die Zahl pflegender Angehöriger gehe zurück. Das hat zum einen demografische Gründe. Zum anderen wird es trotz gesetzlicher Verbesserungen schwierig bleiben, Familie, Pflege und Beruf unter einen Hut zu bringen. Die Belastungen für pflegende Angehörige sind enorm. "Pflege bleibt ein Thema von hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz und verdient auch mehr Aufmerksamkeit“, stellt der AOK-Vorstand fest.

Angehörige leisten immensen gesellschaftlichen Beitrag

Die Pflege durch nahestehende Menschen ist ein tragender Pfeiler der Sozialen Pflegeversicherung ist. Rund 70 Prozent aller Betroffenen werden durch Familien, Angehörige, Freunde und Nachbarn zu Hause gepflegt. Abgesehen vom hohen ideellen Wert leisten die Ehrenamtlichen, aber auch Dienstleister wie etwa Einkaufs- und Reinigungshilfen, einen immensen gesellschaftlichen Beitrag: Legt man beispielsweise für deren durchschnittlichen Zeitaufwand den Mindestlohn zugrunde, so käme man auf eine Arbeitsleistung von rund 29 Milliarden Euro. Die Ausgaben der Pflegeversicherung insgesamt umfassen aktuell rund 23 Milliarden Euro.

Mit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz (PSG I) werden die Beiträge in zwei Schritten um insgesamt 0,5 Prozentpunkte angehoben. Von dem zusätzlichen Geld landet aber nur ein Bruchteil als Leistung bei den pflegenden Angehörigen. "Gefragt sind vor allem mehr bedarfsgerechte Entlastung, individuelle Unterstützung und echte Anerkennung", fordert der Verbandschef. So wurden zumindest im Pflegestärkungsgesetz Regelungen aufgenommen, um mehr Wahlmöglichkeiten in der häuslichen Pflege zu schaffen. So soll es nun einfacher werden, haushaltsnahe Dienstleistungen wie den Einkauf oder die stundenweise Betreuung durch ehrenamtliche Dienste in Anspruch zu nehmen. Tatsächlich könnten diese niedrigschwelligen Angebote nach Einschätzung des AOK-Bundesverbandes die Flexibilität und Betreuungsaufkommen auch erhöhen und somit auch zur Entlastung pflegender Angehöriger sowie zur Stärkung ehrenamtlicher Strukturen beitragen.

Rechtsanspruch auf Pflegeberatung

Wo drückt der Schuh, welche Erwartungen gibt es, was kann konkret helfen? Um mit pflegenden Angehörigen näher ins Gespräch zu kommen, nutzt die AOK den Deutschen Pflegetag. "Denn für passende Lösungen brauchen wir noch mehr Rückmeldungen und Erfahrungsberichte aus dem Pflegealltag. Im Grunde wissen wir immer noch viel zu wenig über den tatsächlichen Bedarf von pflegenden Angehörigen", bedauerte der AOK-Vorstandschef und kündigte an, dass die AOK ihre Pflegeforschung weiter intensiviere. Im kommenden Jahr widmet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) seinen Pflegereport schwerpunktmäßig den Motiven und Bedarfslagen pflegender Angehöriger. "Schon jetzt zeichnet sich ab, dass pflegende Angehörige einen ganz eigenen Beratungsbedarf haben. Diese Tatsache sollte die Politik als eigenen Rechtsanspruch im Zweiten Pflegestärkungsgesetz berücksichtigen."

Engagement für pflegende Angehörige ausbauen

Das Teilleistungssystem der sozialen Pflegeversicherung steht und fällt mit dem Engagement pflegender Angehöriger und ehrenamtlicher Helfer. Erstens, weil es sich eine große Mehrheit der Pflegebedürftigen so wünscht – nach allen bekannten Umfragen wollen die Deutschen am liebsten in den eigenen vier Wänden vom Partner gepflegt werden. Zweitens, weil es eine große Bereitschaft der Angehörigen zur täglichen Betreuung gibt.

Deshalb will die AOK ihr Engagement für pflegende Angehörige kontinuierlich ausbauen. Neben der flächendeckenden Pflegeberatung durch rund 700 Experten haben die AOKs eine Reihe von Initiativen gestartet, um speziell pflegende Angehörige zu erreichen und zu unterstützen. Das Programm "PfiFf - Pflege in Familien fördern" der AOK Nordost geht in diese Richtung. Im Rahmen von Pflegekursen erhalten hier pflegende Angehörige praktische Anleitung durch Fachkräfte aus Krankenhäusern. Ein weiteres gutes Beispiel ist die seit 2008 existierende Pflegeleitstelle Demenz der AOK Rheinland/Hamburg, die pflegende Angehörige bei der Suche nach Beratungsstellen und Selbsthilfegruppe vor Ort oder in Krisensituationen unterstützt.

Neue Wege geht auch die AOK Rheinland/Hamburg mit dem Projekt. "Gesunde Nachbarschaften". Das Angebot reicht von Besuchsdiensten über Patenschaften bis hin zu gemeinsamen Kochkursen. Ziel ist es, ältere Menschen so lange wie möglich ein Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Die ersten 17 gesunden Nachbarschaften sind gerade an den Start gegangen. Jeder zweite Pflegebedürftige ist bei einer AOK versichert. Graalmann nannte das Engagement der AOK „selbstverständlich“. Gleichzeitig wünschte er sich stärkere Unterstützung: "Zusammen mit engagierten Kommunen, die ihre Verantwortung aktiv wahrnehmen und gezielt Entlastungs- und Unterstützungsangebote für Pflegebedürftige und deren Angehörigen schaffen, wären wir sicherlich noch viel erfolgreicher."

Beim Projekt Pflege müssen künftig alle mitziehen. Dabei steht für die AOK die Einführung des Neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und Begutachtungssystems im Fokus. „Gelingt hier der Durchbruch, so kann das die Pflege enorm aufwerten und ihre Potentiale extra befördern“, zeigt sich Graalmann optimistisch und sieht Chancen, auch auf anderen Reformfeldern stärker voranzukommen, etwa bei der Qualitätssicherung oder der Entbürokratisierung - Stichwort Pflege-TÜV beziehungsweise Pflegedokumentation.


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