Zertifizierte Krebszentren setzen Qualitätsmaßstäbe

Krankenhaus-Report 2015

Foto: Krankenpflegerinnen mit Patientenbett

12.03.15 (ams). Der qualitätsorientierte Umbau der Krankenhauslandschaft ist für den Inhaber des Lehrstuhls für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, Prof. Dr. Jürgen Wasem, das wichtigste gesundheitspolitische Vorhaben der Legislaturperiode. "Es ist gut, dass die Regierung den Handlungsbedarf endlich erkannt hat", sagte der renommierte Gesundheitsökonom und Mitherausgeber des Krankenhaus-Reports 2015 anlässlich der Veröffentlichung des Reports. Die Kliniklandschaft leidet aus seiner Sicht an zu großen Kapazitäten, zu hohen Kosten und zu geringen Investitionen. Wasem ist der festen Überzeugung, dass die historisch gewachsenen Klinikstrukturen den aktuellen Anforderungen nicht mehr genügen.

Im Dezember 2014 hatten Bund und Länder gemeinsame Eckpunkte für eine Klinikreform vorgelegt. In den kommenden Wochen will das Bundesgesundheitsministerium einen Gesetzentwurf präsentieren, der auf den Vorschlägen aufbaut. Das Papier ginge an vielen Stellen in die richtige Richtung, allerdings bliebe das Investitionsproblem ungelöst, kritisierte Wasem. Außerdem fehle ein schlüssiges Handlungsprogramm, wie man die angedachte Qualitätsoffensive praktisch umsetzen könne. Das meint auch Uwe Deh. Der Geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbandes warnte davor, dass von der Klinikreform am Ende nur eine große Finanzspritze bleibe: "Wir brauchen schnell mehr Stringenz und Verbindlichkeit bei den Qualitätsvorgaben für Kliniken."

Ein Plädoyer für Spezialisten

Wie der Strukturumbau funktionieren kann, zeigt der Krankenhaus-Report 2015. In zahlreichen Beiträgen plädieren Experten aus dem Gesundheitswesen nachdrücklich dafür, das noch gültige Prinzip "Alle machen alles" endlich aufzugeben. Stattdessen solle sich die Versorgung auf besonders qualifizierte Zentren konzentrieren, in denen Ärzte mehrerer Fachrichtungen und Spezialisten für seltene und komplexe Behandlungen zusammenarbeiten.

Beispielgebend sind die bereits existierenden Krebszentren. Die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) bietet Kliniken an, sich freiwillig als spezialisiertes Zentrum zertifizieren zu lassen. "Die Überlebensrate von Patientinnen, die in von uns zertifizierten Brustkrebszentren behandelt wurden, liegt nach vier Jahren bei 90 Prozent", konstatierte Simone Wesselmann. "Bei Behandlungen außerhalb zertifizierter Zentren sind es dagegen nur 83 Prozent." Wesselmann leitet den Bereich Zertifizierung bei in der Krebsgesellschaft. Ähnliche Erfahrungen gebe es in Zentren für Prostatapatienten. So gelinge an zertifizierten Zentren häufiger als anderswo, die drohende Inkontinenz zu vermeiden.

Nach Wesselmanns Angaben wird in der Regel ein Viertel der Bewerber zum Verfahren nicht zugelassen, weil sie die entsprechenden Qualitätsanforderungen nicht erfüllen. Auch würden Zertifizierungen entzogen. Derzeit gebe es die meisten zertifizierten Standorte in der Onkologie für Brustkrebs (335 Zentren) und Darmkrebs (272 Zentren), so die Zertifizierungsexpertin der DKG.

Vorteile auf beiden Seiten

Für AOK-Vorstand Deh sind die zertifizierten Krebszentren funktionierende Ansätze, auf denen die Politik eine qualitätsorientierte Klinikreform aufbauen kann. Hier hätten die Beteiligten durch freiwilliges Engagement bereits ein gutes Stück des Weges zurückgelegt. Verfolge man diesen Ansatz konsequent weiter, hätten Patienten und Kliniken gleichermaßen davon einen Nutzen. Auch für behandelnde Einrichtungen ergäben sich Vorteile. "Durch jährliche Kontrolle bekommen die Kliniken Transparenz über ihre Behandlungsergebnisse", bestätigte Simone Wesselmann. Die Kliniken nutzten die Zertifizierung, um ihre Behandlungsqualität zu verbessern. Das Zertifikat der Krebsgesellschaft helfe außerdem den Patienten, sich in einer komplexen Versorgungslandschaft zu orientieren.

Für Patienten spielt die Qualität der Behandlung eine immer wichtigere Rolle. Nach Worten des AOK-Vorstands Uwe Deh hat sich die Zahl der Anfragen von Versicherten, die Kliniken mit hoher Qualität suchen, im vergangenen Jahr verdoppelt. Auch zeigt eine Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus dem aktuellen Krankenhaus-Report, dass Patienten bereit sind, für gute Behandlungsqualität längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. So ließen sich 63 Prozent der AOK-Patientinnen in einem zertifizierten Brustkrebszentrum behandeln, obwohl andere Kliniken näher gewesen wären. Bei Darmkrebs waren es 55 Prozent.

Patienten selbst schon weiter als die Politik

"Die Entfernung vom Wohnort ist für die Patienten nur ein Kriterium bei der Krankenhauswahl, die erwartete Versorgungsqualität ist häufig wichtiger", betonte Jörg Friedrich, Forschungsbereichsleiter Krankenhaus im WIdO. Bei zertifizierten Brustkrebszentren sei die Verteilung bereits gut: "79 Prozent aller Patientinnen werden heute schon an zertifizierten Zentren behandelt. Sollten alle Betroffenen in diesen Zentren behandelt werden, würde sich der durchschnittliche Anfahrtsweg lediglich um acht Kilometer erhöhen", so Friedrich.

Gleichzeitig warnte Friedrich vor Wildwuchs unter den Behandlungszentren. "Entscheidend ist, unter den vielen Zentren die Perlen zu finden." Nicht jedes Zentrum trage diesen Namen zu Recht. Helfen sollen einheitliche Qualitätsstandards, die die AOK seit langem fordert. "Es mangelt in Deutschland nicht an engagierten Ärzten, Psychologen oder Sozialarbeitern. Es mangelt an einheitlichen Rahmenbedingungen, die helfen, Gutes vor Schlechtem zu schützen", beschrieb Uwe Deh die aktuelle Situation.

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Instrument für effizienten Mitteleinsatz

Für die AOK ist die Versorgung in spezialisierten Zentren das Gebot der Stunde. Sie helfe, Ressourcen zu bündeln und die Qualität der Versorgung zu erhöhen. Gleichzeitig wies Deh darauf hin, dass der Aufbau spezialisierter Zentren von einem Bereinigungsprozess begleitet werden muss: "Kliniken, die die Qualitätsanforderungen nicht erfüllen, sollen die entsprechenden Behandlungen nicht mehr anbieten dürfen." Es gehe darum, dass nur solche Kliniken im Markt blieben, die gute medizinische Behandlung böten.

Spezialisierung und Zentralisierung seien auch wichtige Mittel, um Kosten im Gesundheitssystem im Griff zu halten, ergänzte Gesundheitsökonom Wasem. Für eine Fachabteilung müsse eine Klinik technische Ausstattung und Fachpersonal vorhalten. Wenn jedes Krankenhaus für alles eine Fachabteilung unterhalte, werde es für das System umso teurer. Dagegen arbeiteten Spezialisten effizienter: "Die Logik der Fallpauschalen ist: Je höher die Zahl der Behandlungen, desto billiger wird der einzelne Fall." Die Konzentration der Versorgung würde also dafür sorgen, dass die Ausgaben für Krankenhäuser weniger schnell stiegen. Es sei allerdings illusorisch zu glauben, dass die Kosten dadurch sogar sänken, so Wasem.


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