Kassenärzte: Patientensteuerung über zusätzliche Tarife

ams-Stichwort: Freie Arztwahl

Foto: Arzt und Patientin

15.04.16 (ams). Geht es nach der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), könnte die freie Arztwahl gesetzlich Versicherte künftig teuer zu stehen kommen. "Im Durchschnitt geht in Deutschland jeder Patient 17 Mal zum Arzt, entweder zum selben oder zu mehreren", sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, kürzlich im Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa). Nicht alle Besuche seien notwendig. Aufgrund des demografischen Wandels stiegen sowohl die Nachfrage nach medizinischen und pflegerischen Leistungen als auch die Kosten. Wolle ein Patient selbst entscheiden, sollten die Mehrbelastungen über zusätzliche Beiträge aufgefangen werden.

Jeder Patient hat das Recht, den Arzt seines Vertrauens frei zu wählen. Zum Jahresende 2015 hatten mehr als 167.000 Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland eine Kassenzulassung. Ihre Zahl ist seit 2006 um fast 13 Prozent oder ziemlich genau 19.000 gestiegen. Dazu können bestimmte ärztlich geleitete Einrichtungen und Krankenhausärzte zur Teilnahme an der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung ermächtigt werden, zu Forschungszwecken oder, um bestimmte Patientengruppen zu versorgen. Andere Ärzte dürfen nur in Notfällen in Anspruch genommen werden. "Die freie Arztwahl gehört zu den Grundelementen im deutschen Gesundheitswesen. Alle Umfragen zeigen, dass die Versicherten auf dieses hohe Gut nicht verzichten wollen", sagt der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch.

Im Rahmen der Hausarztzentrierten oder der Integrierten Versorgung kann die freie Arztwahl des Versicherten eingeschränkt werden. Die Teilnahme an solchen besonderen Versorgungsformen ist jedoch freiwillig. Versicherte etwa, die sich bei ihrem Hausarzt für die Teilnahme an der hausarztzentrierten Versorgung eingeschrieben haben, sind an ihre Arztwahl prinzipiell ein Jahr lang gebunden. Außerdem verpflichten sich die Versicherten, in diesem Zeitraum ambulante fachärztliche Hilfe nur nach Überweisung durch ihren Hausarzt in Anspruch zu nehmen, mit Ausnahme von Augen- und Frauenärzten.

Gassens Forderung ist nicht wirklich neu. Die Krankenkassen müssen sogar aufgrund des GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes (GKV-WSG) ihren Versicherten bereits seit dem 1. April 2007 einen besonderen Wahltarif für Hausarztmodelle anbieten. Sie können Prämienzahlungen oder Zuzahlungsermäßigungen mit dem Tarif verbinden. Anders als jetzt jedoch vom KBV-Chef gefordert, dürfen die Krankenkassen ihre Versicherten nicht mit höheren Beiträgen belasten, wenn sie sich gegen ein Hausarztmodell entscheiden.

Im Bemühen um mehr Koordination und die Lotsenfunktion des Hausarztes sieht sich AOK-Verbandsvorstand Litsch auch an der Seite der KBV, plädiert aber für einen moderneren Weg: "Statt jetzt die Einschränkung der freien Arztwahl, Zuzahlungen oder Bezahltarife ins Spiel zu bringen, sollten die KBV-Funktionäre endlich den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts den Weg ebnen und ihre Blockadehaltung beim Ausbau der elektronischen Gesundheitskarte aufgeben. Den größten Schub in punkto Zusammenarbeit und Effizienz erreichen wir, indem wir endlich eGK als Patientenakte nutzen würden."
 

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