Versorgung auf die Bedürfnisse der Patienten ausrichten

Gutachten 2018 des Sachverständigenrates zur Entwicklung des Gesundheitswesens

Foto: ärztliche Untersuchung

20.07.18 (ams). Angesichts des Ärztemangels in ländlichen Regionen und voller Notaufnahmen in Krankenhäusern empfehlen die Gesundheitsweisen ein ganzes Bündel an Reformen. In seinem Gutachten kritisiert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) weiterhin Über-, Unter- und Fehlversorgung in Deutschland. Nötig sei eine gezieltere Steuerung der Patienten, so der SVR-Vorsitzende Ferdinand Gerlach bei der Präsentation des Gutachtens in Berlin. Der AOK-Bundesverband formulierte mit Blick auf die Reformvorschläge einen  klaren Gestaltungsanspruch.

"Die Krankenkassen verfügen auch über die notwendigen Kompetenzen, um die Standort- und Strukturentscheidungen für eine effektive und effiziente Versorgung der Bevölkerung auf regionaler Ebene zukunftsfest zu gewährleisten", so Vorstandschef Martin Litsch  Deswegen müssten zurecht die Krankenkassen bei der Planung beteiligt werden, insbesondere als Interessenvertreter der Patienten und Beitragszahler für eine qualitativ hochwertige Versorgung. "Das Wohl der Patientinnen und Patienten" gab auch der SVR-Vorsitzende Gerlach als "oberstes Ziel" aus. "Alle Versicherten müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen im Krankheitsfall wirksam geholfen wird." Die zur Verfügung stehenden Mittel müssten gezielt und nachhaltig eingesetzt werden. Leistungsausgaben von mehr als 215 Milliarden Euro verzeichnete die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 2017. Knapp 82,2 Milliarden, also fast 40 Prozent davon gingen zu Lasten der AOK. So weisen es die endgültigen Rechnungsergebnisse der GKV – die sogenannte KJ-1-Statistik – aus.

Qualitäts- und Finanzierungsstandards sichern

Der Appell der Gesundheitsweisen nach durchlässigeren Strukturen – sektorenübergreifende Versorgung lautet das gesundheitspolitische Stichwort – ist nicht neu, bleibt aber nach wie vor  aktuell: "Vor allem Kliniken und Praxen, zwischen denen eine unsichtbare, aber sehr folgenreiche Mauer verläuft, arbeiten in Deutschland eher nebeneinander als im Interesse des Patienten miteinander", heißt es in dem Gutachten. Hausärzte als erste Adresse, Zuschläge für Mediziner in dünn besiedelten Regionen, ein Info-Portal für alle Bürger: Die Gesundheitsweisen machen eine ganze Reihe konkreter Vorschläge. AOK-Verbands-Chef Martin Litsch spricht von "sinnvollen Ansätzen, um die Gesundheitsversorgung stärker auf die Bedürfnisse der Patienten auszurichten“ und plädiert "für eine sektorenübergreifende Versorgung, die auf gleichen Qualitäts- und Finanzierungsstandards basiert".

Die Planung, welche Arztpraxen wo gebraucht werden, sollte sich aus Sicht der SVR-Experten weniger an der Anzahl der Ärzte, sondern stärker am tatsächlichen Angebot und den Arbeitsstunden orientieren. Praxen in begehrten Lagen dürften nicht einfach zu teils weit überzogenen Preisen an Nachfolger verkauft werden. Wo sich ein Mangel abzeichnet, weil viele Ärzte aufhören, sollten Nachbesetzungen fünf Jahre vor der voraussichtlichen Praxisaufgabe geklärt werden. Als Anreiz für dünn besiedelte, eher ländlich geprägte Regionen mit eher wenig Patienten schlägt der SVR Vergütungszuschläge von bis zu 50 Prozent vor. Litsch warnt vor finanziellen Mehrbelastungen: "Diese neuen Strukturen sollten sich aus den vorhandenen Mitteln der ambulanten und stationären Versorgung finanzieren, ohne eine gesonderte Finanzierungssystematik zu schaffen. Welcher Wildwuchs ansonsten droht, sehen wir derzeit an den unzähligen Formen der ambulanten Versorgung am Krankenhaus."

Statt an der Bettenzahl sollte sich die Planung der knapp 2.000 Kliniken in Deutschland mehr an den vorgesehenen Leistungen orientieren, so der SVR Stärker einzubeziehen seien auch die Alterung der Gesellschaft und die Entwicklung von Patientenwünschen. Für den Umbau des Angebots mit stärkerer Zentralisierung und Spezialisierung von Kliniken sollte der Bund Steuergeld geben und Mitplanungsrechte bekommen. Vor Eingriffen, die für Kliniken sehr lukrativ sind, sollte immer erst die Zweitmeinung eines anderen Arztes eingeholt werden müssen. Bei der Entlassung sollten Patienten schließlich Medikamente für bis zu eine Woche mitbekommen können.

Überfüllte Notaufnahmen mit stundenlangem Warten und überlastetem Personal sind in Kliniken ebenfalls nicht selten ein großes Problem. Dorthin kommen zusehends auch Menschen mit eher harmlosen Beschwerden. Die Sachverständigen schlagen daher vor, dass alle Bürger künftig rund um die Uhr "Integrierte Leitstellen" anrufen können. Die legen dann den Versorgungspfad fest – vom Hausbesuch des Bereitschaftsarztes bis zum Notarzt mit Blaulicht. Können akut behandlungsbedürftige Patienten noch gehen, sollen sie kurzfristig einen Termin in einer Praxis oder einem "Integrierten Notfallzentrum" einer Klinik bekommen. Dort wird an einem zentralen Empfang entschieden, ob sie ein niedergelassener Arzt oder ein stärker spezialisierter Klinikarzt weiterbehandelt. Das Gutachten bestärke hier "die sinnvollen Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses vom April diesen Jahres", lobte Litsch. "In Zukunft muss es heißen, dass man nur darf, was man gut kann."

Gesundheitskompetenz stärken

Schon lange ist es ein vertracktes Problem, Patienten gezielter und auch der Schwere ihrer Beschwerden entsprechend zu den richtigen Anlaufstellen der Gesundheitsversorgung zu leiten. Dabei geht es dem SVR weder um Gängelung noch um Kontrolle. Die Selbstbestimmung des Patienten müsse geachtet und gefördert werden. "Es geht nicht notwendig um mehr, sondern um gezieltere Steuerung", so Gerlach. Die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Versicherten  ist deshalb eine wichtige Forderung des Rates. "Wir sehen die Notwendigkeit, die Patienten besser durch das sehr komplexe Gesundheitssystem zu lotsen."

Besser wäre es demnach, wenn Patienten grundsätzliche immer erst zum Hausarzt gehen, der dann weitere Überweisungen zu Fachärzten oder ins Krankenhaus koordinieren kann. Als Anreiz sollten alle Kassen ihren Versicherten vergünstigte Wahltarife für Hausarzt-Modelle anbieten, so die Empfehlung der Gesundheitsweisen. Die Experten schlagen erneut vor, eine "Kontaktgebühr" zu prüfen und zu erheben, wenn Patienten ohne Überweisung zum Facharzt gehen. Die Höhe müsste die Politik klären. Von dieser Gebühr ausgenommen sein sollten etwa Augenärzte, Frauenärzte und Psychiater.

Damit sich Patienten im komplizierten System besser zurechtfinden, fordert der SVR eine Stärkung der sprechenden, aufklärenden Medizin, also letztlich auch mehr Geld für das reine Arzt-Patienten-Gespräch jenseits reiner medizinischer Behandlung.  Weiterer Vorschläge sind ein "nationales Gesundheitsportal" und mehr Gesundheitsbildung in der Schule. Künftige digitale Angebote wie elektronische Patientenakten müssten nutzerfreundlich sein - gerade auch für ältere Menschen oder Migranten.


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