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Zu viel Zucker: Wenn süßes Gift abhängig macht

ams-Interview: Robert H. Lustig, University of California, San Francisco

Foto: Robert H. Lustig, University of California

Robert H. Lustig

23.10.18 (ams). In Deutschland liegt der individuelle Zuckerkonsum mit 32 Kilogramm pro Jahr weiterhin deutlich über der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Verantwortlich dafür sind unter anderem die hohen Mengen zugesetzten Zuckers. Die Lebensmittelindustrie soll "Verantwortung übernehmen und den Zuckergehalt in ihren Produkten auch in Deutschland deutlich senken", fordert der AOK-Bundesverband. Der US-amerikanische Arzt und Wissenschaftler Robert H. Lustig hat die Rolle von Fruktose bei der Entstehung von Krankheiten erforscht. Er war einer der Hauptredner auf dem 2. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel am 17. Oktober. Im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams) erklärt er, welche falschen Glücksversprechen Zucker macht.

Mr. Lustig, die Rate der Fettleibigen steigt weltweit dramatisch an, besonders rasch ist das bei Kindern der Fall. Woran liegt das?

Lustig: Eine wichtige Rolle spielen industriell gefertigte Lebensmittel. Entscheidend ist die Frage, warum die Fälle von Typ-2-Diabetes und Fettleber schneller steigen als die Zahl der Fettleibigen. Außerdem gab es 1980 noch keinen Typ-2-Diabetes bei Kindern. Heutzutage ist eine von drei Diabetesdiagnosen bei Kindern Diabetes Typ 2. Wenn jemand vor 1980 eine Fettleber hatte, lag das am Alkoholmissbrauch. Heutzutage haben 40 Prozent der Erwachsenen und 20 Prozent der Kinder eine nichtalkoholische Fettleber.

Was macht Zucker, wie Sie es ausdrücken, zum "Volksfeind Nummer eins"?

Lustig: Ursprünglich waren die Transfette der Volksfeind Nummer eins. Aber die US-Lebensmittelbehörde FDA hat Zucker an die oberste Stelle gesetzt. Haushaltszucker besteht aus etwa gleichen Anteilen aus Glukose und Fruktose. Obwohl beide Zuckerarten gleich viele Kalorien haben, unterscheiden sie sich völlig. Glukose ist unser Energielieferant. Jede Zelle verbrennt Glukose zur Energiegewinnung. Glukose ist so wichtig, dass unsere Leber sie produziert, wenn wir sie nicht zu uns nehmen. Fruktose ist zwar eine Energiequelle, hat aber sonst keine Funktion. Ist mehr Fruktose vorhanden, als die Leber verarbeiten kann, wird der Rest in Leberfett umgewandelt. Das führt zu einer Insulinresistenz und der Entstehung von chronischen Erkrankungen wie Diabetes Typ 2. Glukose und Fruktose sind für Vorgänge verantwortlich, die die Zellen schädigen – bei Fruktose gilt das jedoch siebenmal schneller als bei Glukose. Zudem regt Fruktose das Belohnungszentrum im Hirn an, fördert das Wohlbefinden und die Gefahr, abhängig zu werden.

Betrachten Sie Salz und Fett ähnlich kritisch?

Lustig: Obwohl wir dreimal mehr Salz konsumieren, als wir sollten, sind nur 20 Prozent der Menschen salzempfindlich. 80 Prozent können überschüssiges Salz über die Nieren ausscheiden, ohne dass sich ihr Blutdruck erhöht. Fett hat ebenfalls einen schlechten Ruf. Transfette sind Gift. Aber neuesten Studienergebnissen zufolge werden chronische Erkrankungen nicht durch Fett verursacht. Tatsächlich schützen viele Fette vor Diabetes und Herzkrankheiten. Und obwohl sowohl Salz als auch Fett den Geschmack verstärken, stimulieren sie nicht das Belohnungszentrum, machen also nicht süchtig.

In Ihrem Buch "Brainwashed" beschreiben Sie die Abhängigkeit vom Zucker und die Folgen für das Wohlbefinden als eine Art Hirnwäsche. Was genau werfen Sie der Nahrungsmittelindustrie vor?

Lustig: Glücksempfinden. Wohlbefinden bedeutet: Das fühlt sich gut an, ich will mehr davon. Glück heißt dagegen: Das fühlt sich gut an, ich brauche nicht mehr. Substanzen, die das Wohlbefinden fördern wie Kokain, Alkohol, Zucker oder auch Handlungen wie das Shoppen setzen den Neurotransmitter Dopamin im Belohnungszentrum des Gehirns frei und können im Extremfall zur Sucht fuhren. Viele Branchen bewerben lust-steigernde und abhängig machende Substanzen oder Handlungen, um uns davon zu überzeugen, dass wir damit glücklich werden. Tatsächlich machen sie uns unglücklich.

Marketingverbot, freiwilliger Verzicht, Steuern: Welches Rezept im Kampf gegen zu viel Zucker ist das Beste?

Lustig: Wenn wir natürliche Lebensmittel billiger und industriell gefertigte teurer machten, würde sich die Lebensmittelindustrie ganz schnell ändern. Der Staat kann alle an einen Tisch bringen. 2006 brachte die britische Regierung alle Interessenvertreter zusammen, um den Salzgehalt in industriell gefertigten Lebensmitteln langsam zu verringern. Fünf Jahre später waren Bluthochdruck und Schlaganfälle um 40 Prozent zurückgegangen. Deutschland hat ein Zuckerproblem, wenn auch nicht so gravierend wie in den USA. Ich habe Kollegen in der Kinderendokrinologie in Ulm, Essen, Berlin und Leipzig, die ihr Bestes geben, um ihre Patienten zu schulen. Auch die AOK hat das Problem erkannt und setzt sich aktiv für Maßnahmen zur Zuckerreduktion ein.


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