Kieferorthopädie überprüfen – Sachleistungsprinzip stärken

Mehrkostenregelung für Kieferorthopäden: Drei Fragen an Annett Neukampf, Abteilung ambulante Versorgung im AOK-Bundesverband

Foto: Mädchen beim Kieferorthopäden

Mädchen beim Kieferorthopäden

15.03.19 (ams). Auch Kieferorthopäden dürfen künftig die Mehrleistungen nach der Gebührenordnung für Zahnärzte privat mit dem Versicherten abrechnen. So sieht es ein Passus im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vor. Der AOK-Bundesverband hatte die ersatzlose Streichung gefordert. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) investiere schon jetzt über eine Milliarde Euro pro Jahr in die kieferorthopädische Behandlung, rechnet Annett Neukampf aus der Abteilung ambulante Versorgung im AOK-Bundesverband vor. Darüber hinaus fehle es an medizinischer Evidenz. „Das medizinisch Notwendige ist kaum mehr vom kosmetisch Wünschenswerten zu unterscheiden“, so Neukampf.

Frau Neukampf, was konkret kritisieren Sie?

Neukampf: Mit der Einführung der Mehrkostenregelung wird das Sachleistungsprinzip in der GKV weiter ausgehöhlt. Das lehnen wir ab, weil zum einen Eltern finanziell überlastet werden und zum anderen damit qualitätsgesicherte Versorgung der Kinder so nicht mehr gewährleistet werden kann. Wir fordern dagegen, dass der umfangreiche GKV-Leistungskatalog und damit das Sachleistungsprinzip auch zukünftig die Grundlage der zahnmedizinischen Versorgung und damit auch für die Kieferorthopädie bleiben.

Aber führt diese gesetzliche Anpassung nicht einfach nur dazu, dass endlich eine längst gängige Praxis rechtlich verbindlich geregelt wird?

Neukampf: Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr investiert die GKV in die kieferorthopädische Behandlung. Diese Summe ist sicherlich mehr als ausreichend, um eine gute Behandlung zu gewährleisten. Die Kieferorthopädie müsste allerdings – und da nehmen wir die Kritik des Bundesrechnungshofes ernst – überprüft werden. Der Bundesrechnungshof hat konkrete Fragen aufgeworfen: Weshalb dauert zum Beispiel eine kieferorthopädische Versorgung in Deutschland im europäischen Vergleich viel länger? Warum muss in Deutschland überhaupt mittlerweile jedes zweite Kind behandelt werden, also eine viel höhere Rate als in vergleichbaren anderen europäischen Ländern? Schaut man sich das neue Gesetz an, so wird zwar gesetzlich geregelt, was unter Mehr- und Zusatzleistungen zu verstehen ist und wie man diese gegenüber der Regelversorgung abgrenzen möchte. Die sogenannte Regelversorgung bleibt jedoch weiter undefiniert. Zuerst hätte daher in mehreren Schritten eine Überprüfung kiefernorthopädischer Leistungen im Rahmen der GKV erfolgen sollen. Das betrifft zunächst die Richtlinien im Gemeinsamen Bundesausschuss. So sollte die vertragszahnärztliche Versorgung entsprechend der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und aktuellen wissenschaftlichen Literatur überarbeitet werden.

Was schlagen Sie also alternativ im Sinne der Versicherten und Patienten vor?

Neukampf: Bevor einfach noch mehr Geld ausgegeben wird, wäre es wichtig, eine längst notwendige Nutzenbewertung vorzunehmen. Zweitens sollte damit im Gemeinsamen Bundesausschuss eine Überprüfung der Richtlinien einhergehen. Danach lässt sich einschätzen, ob und gegebenenfalls welcher gesetzlicher Anpassungsbedarf tatsächlich besteht. Aber nicht vorher! Dabei gibt es dringenden Nachholbedarf zur Umsetzung wissenschaftlicher Studien und Schaffung medizinischer Evidenz. Dies hat schon der HTA-Bericht im Jahr 2008 angemahnt. Und das Ende 2018 veröffentlichte IGES-Institut für das Bundesgesundheitsministerium kommt zum gleichen Schluss. Nur so kann die Versorgungsqualität im Sinne der Eltern und behandelten Kinder gesichert werden.


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