Positive Anknüpfungspunkte und ein ungelöstes Grundproblem

ams-Stichwort: Bedarfsplanung

Foto: Patientin beim Arzt

13.06.19 (ams). Zusammen mit den derzeit fast 3.500 unbesetzten Arztsitzen gibt es künftig 6.900 Niederlassungsmöglichkeiten für ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten. Die kürzlich beschlossene Bedarfsplanungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) sieht unter anderem rund 1.450 neue Hausarztsitze und über 700 zusätzliche Sitze für Psychotherapeuten vor. Die neue Richtlinie soll am 1. Juli in Kraft treten. GBA-Chef Professor Josef Hecken spricht von einer "zukunftsgerichteten Weiterentwicklung der Bedarfsplanungsinstrumente". Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, lobt zwar Verbesserungen vor allem der psychiatrischen und neurologischen sowie der haus- und kinderärztlichen Versorgung. Das Grundproblem ungleicher Verteilung bleibe trotz neuer Richtlinie bestehen.

Basis der Bedarfsplanungs-Richtlinie ist der gesetzliche Sicherstellungsauftrag. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) sind verpflichtet, die ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Versorgung zu gewährleisten. Der GBA erstellt im Auftrag des Gesetzgebers mit der Bedarfsplanungs-Richtlinie eine bundesweit einheitliche Planungssystematik. Darin wird unter anderem das empfohlene Verhältnis von Einwohnerzahl pro Arzt für die jeweilige Arztgruppe beschrieben. Auf dieser Grundlage werden auf Landesebene die Bedarfspläne aufgestellt und entsprechend der Versorgungssituation Niederlassungsmöglichkeiten ausgewiesen. Auf Landesebene wird auch entschieden, ob und inwieweit aufgrund regionaler Besonderheiten vom bundeseinheitlichen Rahmen abgewichen werden kann/muss. Grundlage etwaiger Abweichungen sind demografische Faktoren wie Alter der Bevölkerung sowie deren Gesundheitszustand, aber auch sozioökonomische und infrastrukturelle Faktoren. Der GBA ist verpflichtet, die jeweils aktuelle Bedarfsplanungs-Richtlinie kontinuierlich zu überprüfen und gegebenenfalls zu aktualisieren. 2018 hat der GBA etwa sechs allerdings mehr oder weniger kleine Korrekturen an der Bedarfsplanungs-Richtlinie vorgenommen.

Jenseits der Kritik bietet die neue Richtlinie aus Sicht der AOK viele positive Anknüpfungspunkte. Dazu gehört, dass künftig die Morbidität der Versicherten stärker berücksichtigt wird und alle zwei Jahre eine Anpassung der Verhältniszahlen an die demografische Entwicklung erfolgt. Die dadurch zusätzlich benötigten Ärzte werden unter anderem anhand der Krankheitslast auf die Planungsbereiche verteilt. Die AOK begrüßt auch die Mindestquote für Rheumatologen, die in gesperrten Planungsbereichen zusätzliche Ärzte ermöglicht. Maximalquoten für große internistische Arztgruppen sollen zu einer gleichmäßigen Zusammensetzung der internistischen Versorgung führen. „Damit wird die Fehlverteilung dieser Arztgruppe endlich aktiv angegangen“, unterstreicht Litsch, und der GBA nutze seine mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz hinzugewonnene Kompetenz.

Zahl der Ärzte auf Rekordniveau

Wie kompliziert insbesondere die Steuerung der Ärzte sein kann, zeigt ein Blick in die Ärztestatistik der Bundesärztekammer zum Stichtag 31. Dezember 2018. Nie gab es mehr berufstätige Ärztinnen und Ärzte in Deutschland: fast 393.000, davon etwas mehr als 157.000 im ambulanten Bereich. Ein Arzt versorgt aktuell statistisch im Schnitt 211 Einwohner. Zum Zeitpunkt der deutschen Einheit 1990 ging die Schere deutlich weiter auseinander. Damals gab es nur knapp 238.000 berufstätige Ärzte – 92.000 ambulant – und auf einen Arzt kamen im Schnitt 335,4 Einwohner. Trotz dieses satten Zuwachses von 65 beziehungsweise 70 Prozent in den vergangenen 30 Jahren beklagt die Ärzteschaft den Ärztemangel. Und auch so manchem Bürger, der in unterversorgten Regionen unter den Verteilungsdefiziten leidet, geht es nicht anders. Verbandschef Litsch sieht hier ein strukturelles Problem, das auch neue bundesweite Planungsvorgaben nicht lösen könnten. "Erstens entstehen viele zusätzliche Kapazitäten in Regionen, in denen es schon heute offene Vertragsarztsitze gibt. Zweitens orientiert sich die Bedarfsplanung weiterhin vorrangig am Modell des selbstständigen, niedergelassenen Arztes." Stattdessen brauche es mehr innovative und sektorenübergreifende Versorgungsformen, alternative ärztliche Organisationsformen und interprofessionelle Zusammenarbeit. "Sie sind der Schlüssel dazu, wie wir auch in punkto Gesundheit gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land schaffen können", betont Litsch. Auch hier hilft ein Blick in die Ärztestatistik. Die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Sektor steigt seit Mitte der 2000er-Jahre rapide an und hat sich seitdem nahezu verfünffacht, von 8.500 im Jahr 2005 auf aktuell fast 40.000.

Um innovative regionale Versorgungsangebote zu stärken, hat die AOK-Gemeinschaft Ende Februar 2019 die Initiative "Stadt. Land. Gesund." gestartet. Alle elf AOKs haben  über 100 Projekte in ganz Deutschland identifiziert, die dazu beitragen, dass notwendige medizinische Angebote vor Ort erhalten bleiben. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte bei der sektorenübergreifenden Versorgung, den Versorgungsassistenzen, der Digitalisierung und bei Arztnetzen. Die Projekte haben aus AOK-Sicht das Potenzial, Lücken in der ländlichen Gesundheitsversorgung zu schließen. Digitale Lösungen und Delegationsansätze sorgen dafür, dass bei der Behandlung räumliche Distanz überwunden wird und Patienten einen schnelleren Zugang zur Versorgung bekommen.

Dabei knüpft die AOK an die Ergebnisse einer forsa-Studie an. 2.005 Menschen hat die AOK im Vorfeld von "Stadt. Land. Gesund" befragen lassen. Die Ergebnisse bestätigen, dass die Menschen innovativen Versorgungsformen gegenüber offen sind. Angebote wie die mit Ärzten abgestimmte Betreuung durch speziell qualifizierte medizinische Fachkräfte oder mobile Arztpraxen erreichen Zustimmungswerte von 91 beziehungsweise 82 Prozent. Auch Videosprechstunden kann sich bereits jeder und jede Zweite vorstellen. Die Umfrage zeigt darüber hinaus, dass entsprechende Lösungen nicht nur akzeptiert werden, sondern dass die Menschen sie von ihrer Krankenkasse erwarten.


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