Pflege im Heim: Ab jetzt alles eine Frage der Qualität

Pflege-TÜV abgelöst: ams-Interview mit Yvonne Ehmen, AOK-Bundesverband

Foto: Pflegerin reicht Trinken

18.10.19 (ams). Ein neues Qualitätssicherungsverfahren für stationäre Pflegeeinrichtungen ist an den Start gegangen. Damit ist der Pflege-TÜV-Geschichte. Noten wie in der Schule, bei der fast alle Einrichtungen ein „Sehr gut“ erhielten, sind passé. Grundlegend neu gegenüber der alten Regelung ist die stärkere Orientierung an der tatsächlichen Ergebnisqualität. "Das neue Verfahren nimmt die Kernprozesse der Versorgung ins Visier", erläutert Yvonne Ehmen, Expertin im AOK-Bundesverband für Pflegequalität , im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams). "An erster Stelle stellt sich nicht die abstrakte Frage, ob sich Konzepte und Methoden oder organisatorische Festlegungen eignen, sondern ob der einzelne Bewohner so unterstützt wird, wie es nötig ist." Davor sei es vor allem um Prozesse und Strukturen gegangen.

Frau Ehmen, das neue Verfahren verknüpft nun das interne Qualitätsmanagement mit den externen Qualitätsprüfungen. Was kommt auf die Pflegeeinrichtungen zu?

Ehmen: Im internen Qualitätsmanagement erheben die Pflegeeinrichtungen Daten darüber, wie ihre Bewohner versorgt werden – zum Beispiel wie mobil sie sind und ob Sturzverletzungen vorliegen. Diese Daten übermitteln sie zweimal pro Jahr an eine Datenauswertungsstelle. Die Ergebnisse jeder einzelnen Einrichtung werden in Relation zu den Ergebnissen aller Einrichtungen gesetzt. Somit ist ein Vergleich möglich. Aber aus den Daten des internen Qualitätsmanagements können die Einrichtungen auch eigene Rückschlüsse über Schwachstellen ziehen und daraus Maßnahmen ableiten, was sich in der Versorgung verbessern lässt.

Was ändert sich bei den Prüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung?

Ehmen: Die Qualitätsprüfung ist nicht mehr auf formale Nachweise mit festgelegten Kriterien ausgerichtet. Es geht künftig vielmehr darum, alle Aspekte der Qualität umfassend zu bewerten. Weil die Prüfungen mit den Informationen aus dem internen Qualitätsmanagement verknüpft werden, ist das Verfahren beratungsorientierter als bislang. In einem Fachgespräch mit den Mitarbeitern sollen die Experten über Auffälligkeiten informieren. Und bei Qualitätsdefiziten können sie Impulse geben, was sich vor Ort verbessern lässt. Generell lässt sich über das neue Konzept sagen, dass es die Pflegesituation des einzelnen Bewohners deutlich vielfältiger abbildet als dies bislang der Fall war.

Wie werden die Ergebnisse aufbereitet?

Ehmen: Zunächst einmal stehen jetzt sehr viel mehr Qualitätsinformationen zur Verfügung als bislang, sodass sich jeder Interessierte wesentlich umfassender zu einzelnen Aspekten informieren kann. Die Ergebnisse werden im Internet veröffentlicht. Ein Punktesystem gibt eine Übersicht über jeden einzelnen Bereich einer Einrichtung. So können die Verbraucher je nach ihren individuellen Bedürfnissen und Wünschen verschiedene Heime miteinander vergleichen. Die Informationen über die Qualität speisen sich aus drei unterschiedlichen Quellen: erstens aus der Beurteilung der Indikatoren für Ergebnisqualität; zweitens aus den Bewertungen der externen Qualitätsprüfungen und drittens aus Informationen wie etwa zur Personalausstattung oder zu konkreten Angeboten der Einrichtungen. Die AOK stellt Interessierten alle Informationen im Pflegenavigator zur Verfügung.

Wie sieht der weitere Zeitplan aus?

Ehmen: Erste Qualitätsprüfungsergebnisse werden voraussichtlich ab Januar 2020 veröffentlicht. Die Ergebnisse aus den Indikatorenerhebungen stehen ab dem dritten Quartal 2020 im Netz zur Verfügung. Die Einrichtungsinformationen gibt es ab kommendem Jahr.

Wie bewerten Sie das neue Verfahren?

Ehmen: Erstmals haben Wissenschaftler ein Qualitätssicherungsverfahren für die Pflege erarbeitet. Basis sind der Pflegebedürftigkeitsbegriff sowie die bereits im Jahr 2011 entwickelten Ergebnisindikatoren. Es schließzt sich so gewissermaßen der Kreis zwischen Pflegebedürftigkeitsbegriff auf der einen sowie Qualitätsentwicklung und -sicherung auf der anderen Seite. Indem Qualitätsindikatoren und pflegerische Aufgaben miteinander verknüpft werden, lässt sich prüfen, ob die pflegerischen Ziele in der Versorgung erreicht werden. Wir als AOK-Gemeinschaft haben diese Entwicklungen begleitet und mitgestaltet.


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