Arzneimittel-Engpässe: Mehr Transparenz dringend geboten

Fakten gegen Desinformationen

Foto: Tabletten-Dosierung

13.12.19 (ams). Die AOK begrüßt Pläne des Bundesgesundheitsministeriums, Arzneimittelhersteller zu verpflichten, Lieferengpässe zu melden. Forderungen von Pharmaindustrie und Apotheken nach neuen Regeln für Rabattverträge bezeichnete der Vorstandsvorsitzende AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, hingegen als "Inszenierung". Ursachen für Lieferengpässe seien nicht Rabattverträge, sondern technische Probleme, Rohstoffengpässe und intransparente Lieferketten. Die Lieferquote bei Präparaten, für die es einen AOK-Rabattvertrag gibt, lag laut Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) zuletzt bei 99,7 Prozent.

Litsch plädiert für verpflichtende Meldungen über Lieferengpässe auf allen Ebenen: vom Hersteller über den Großhandel bis zur Apotheke. "Es ist gut, dass das Bundesgesundheitsministerium diese Lösung anpackt." Außerdem müssten die Aufsichtsbehörden die Vorratshaltung von Arzneimitteln auf allen Distributionsstufen regelmäßig prüfen und hierzu mehr Kompetenzen erhalten.

Pharmaverbände und Apothekerschaft werden nicht müde zu behaupten, Arzneimittel-Rabattverträge seien eine wesentliche Ursache für Lieferengpässe bei Medikamenten. Die Zahlen, die Martin Litsch und der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in einem Pressegespräch vorlegten, sprechen hingegen eine deutlich andere Sprache. Hermann führt seit über einem Jahrzehnt für die gesamte AOK-Gemeinschaft die Verhandlungen für die bundesweiten Rabattverträge.

Hohe Versorgungssicherheit bei patentfreien Arzneimitteln

Die WIdO-Analysen belegen, wie sehr Rabattverträge die Versorgungssicherheit der Patientinnen und Patienten stärken. Anfang September 2019 waren 99,3 Prozent der Arzneimittel, die zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet wurden, lieferbar. Nur 461 Arzneimittel waren laut offiziellen Meldungen, die auf freiwilligen Meldungen der Pharmaindustrie basieren, vorübergehend nicht verfügbar. Unter den 9.000 Arzneimitteln, für die es einen AOK-Rabattvertrag gibt, lag der Anteil der lieferbaren Präparate demnach sogar bei 99,7 Prozent. Der stellvertretende WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder unterstützt daher die Forderung, dass Hersteller Lieferschwierigkeiten verpflichtend melden müssen, wenn keine ausreichende Versorgungssicherheit im Folgemonat gewährleistet werden kann. "Es ist nicht einzusehen, dass wir heute den Weg unserer Paketsendungen online mitverfolgen können, dies aber bei der ungleich wichtigeren Arzneimittelversorgung in Deutschland nicht gelingen soll."

Vor diesem Hintergrund fordert die AOK die Politik auf, den Kampagnen von Pharmaverbänden und Apothekern nicht einfach hinterherzulaufen und erfolgreiche Wettbewerbsinstrumente nicht zu streichen. Der Handlungsspielraum der Krankenkassen sei schon an anderen Stellen deutlich beschnitten worden. In Zukunft müsse es wieder mehr Wettbewerb um die beste Versorgung geben dürfen, so die Vertreter der AOK. "Der wahre Grund für die Desinformationskampagnen von Pharmalobby und Apotheken liegt im Erfolg unserer Rabattverträge. Sowohl wirtschaftlich als auch für die Versorgung der Patienten", sagt der Verbandschef. "Leider gehen Teile der Politik der Pharma-Inszenierung auf den Leim." So gingen Lösungsansätze meistens an den wahren Ursachen von Lieferengpässen komplett vorbei. Schlimmer noch, sie packten die wirklich drängenden Lieferengpässe im Krankenhaus nicht mal an, wo es gar keine Rabattverträge gebe.

Pharmafirmen wollen Profite maximieren

Völlig fehl gehen aus Sicht der AOK Pläne, verpflichtende Mehrfachvergaben bei den Rabattverträgen einzuführen. So sollen Kassen künftig jeden Rabattvertrag mit mindestens drei Herstellern schließen. Exklusivverträge soll es nicht mehr geben. "Nicht Liefersicherheit, sondern Profitstreben ist der Anlass für Pharmafirmen, wenn sie exklusive Rabattverträge abschaffen wollen", hält Dr. Christopher Hermann fest. "Was soll sich verbessern, wenn drei Unternehmen den Zuschlag erhalten, deren Produkte alle aus derselben Fabrik kommen?"

Hintergrund: Die sogenannte Lohnherstellung, also die Herstellung im Auftrag eines anderen Unternehmens, ist bei europäischen Generikaanbietern die Regel. Die AOK Baden-Württemberg hat die Ausschreibungsunterlagen dahingehend ausgewertet. Unter 193 in Europa tätigen Herstellern finden sich nur elf meist kleinere, die tatsächlich für sich selbst produzieren. Von den Arzneimitteln zu 230 generischen Wirkstoffen werden 93 Prozent in der EU ausschließlich über Lohnhersteller produziert. Die meisten pharmazeutischen Unternehmer in Deutschland haben also noch nie ein Arzneimittel selbst hergestellt.

Die Analysen zeigen auch, dass der überwiegende Teil der Generikaproduktion noch immer in Deutschland stattfindet. 59 Hersteller und Lohnhersteller, die Vertragspartner der AOK sind, haben ihren Sitz in Deutschland. Das sei mehr als in jedem anderen Land, so Hermann. Forderungen nach einer verstärkten Arzneimittelproduktion "Made in Europe" bezeichnete Hermann als Nebelkerzen, die kaum mit dem Europarecht vereinbar seien, „weil es Länder diskriminiert, mit denen Freihandelsabkommen bestehen“.

Exklusive Rabattverträge - Gut für Patienten und Hersteller

Wer exklusive Rabattverträge abschaffen möchte, würde darüber hinaus auf klare Vorteile für Patienten und Pharmahersteller gleichermaßen verzichten. Auch dafür bieten die Analyseergebnisse des WIdO zahlreiche Belege. 2018 haben 82,7 Prozent der Patienten, die ihren rabattierten Wirkstoff von einem exklusiven Rabattpartner über einen längeren Zeitraum einnehmen, ihr Medikament dauerhaft von demselben Hersteller erhalten. Bei den Wirkstoffen beziehungsweise Wirkstoffkombinationen, bei denen sich mehrere Partner die Versorgung teilen, erhielten nur 69,1 Prozent der Arzneimittelpatienten das Arzneimittel immer vom selben Hersteller. "Rabattverträge mit Exklusivpartnern vermeiden unnötige Medikamentenwechsel", schlussfolgert WIdO-Vize Helmut Schröder. "Das fördert die Therapietreue der Patienten und den Erfolg der Therapie."

Die Pharmafirmen wiederum können mit Exklusivverträgen ihre Absatzmengen und damit ihre wirtschaftlichen Grundlagen besser planen. Denn bei Mehrfachvergaben verteilt sich der Markt nicht einfach gleichmäßig auf die zwei oder drei Vertragspartner. Nach den Analysen des WIdO entfallen bei den Wirkstoffen und Wirkstoffkombinationen, die von drei Rabattpartnern beliefert werden, im Schnitt fast Zweidrittel der Verordnungen auf den verordnungsstärksten Partner, gerade einmal ein gutes Viertel auf den zweiten und nur etwas mehr als zwölf Prozent auf den verordnungsschwächsten Partner. Bei einzelnen Wirkstoffen übernimmt der verordnungsstärkste Rabattpartner sogar 93,0 Prozent, während für andere Rabattpartner nur 0,2 Prozent der Versorgung übrigbleiben.

"Die Ausschreibung im Mehrpartnermodus erschwert die Kalkulation der Anbieter deutlich", bilanziert Schröder. Diese Unsicherheit schlage sich in höheren Preisen nieder. Schließlich könnten Mehrfachvergaben sogar Lieferengpässen Vorschub leisten, wenn in den Apotheken einzelne der möglichen Rabattpartner bevorzugt würden und diese die Verordnungsmengen nicht eingeplant haben, gibt der Arzneimittelexperte zu bedenken. Und Christopher Hermann ergänzt: "Auch höhere Preise würden die Versorgungssicherheit nicht verbessern. Andernfalls müsste die Arzneimittelversorgung in den USA am besten sein, denn dort sind Medikamente weltweit am teuersten. Erstaunlicherweise haben die USA doppelt so viele Lieferengpässe wie Deutschland."


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