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Neues aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss

ams-Politik 01/22

GBA attestiert fünfmal "erheblichen Zusatznutzen"

Insgesamt für fünf Arzneimittel hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) im vergangenen Jahr in der frühen Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln das höchste Gütesiegel – einen "erheblichen Zusatznutzen" – vergeben. Dazu zählen Wirkstoffkombinationen zur Behandlung von Mukoviszidose bei Patienten ab 12 Jahren für zwei unterschiedliche genetische Ausprägungen sowie der Wirkstoff Nusinersen bei einer bestimmten Patientengruppe, die an der seltenen Erbkrankheit spinale Muskelatrophie leidet. Diese führt bereits bei Kleinkindern zu Muskelschwund und Lähmungen. 2021 hat der GBA insgesamt 146 Beschlüsse zum Zusatznutzen gefasst, so viele wie noch nie zuvor. "Die Forschungsleistung der Hersteller ist ungebrochen hoch. Aber es bedarf eben auch einer qualitativen Einordnung dahingehend, wie groß die Therapiefortschritte tatsächlich sind", sagte Prof. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des GBA und Vorsitzender des Unterausschusses Arzneimittel. Dies seien wichtige Informationen für die Behandlung der Patienten, aber eben auch für die Preisgestaltung. Das im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung festgehaltene Vorhaben, die Zeitspanne der freien Preisbildung durch den Hersteller von derzeit zwölf auf künftig sechs Monate zu verkürzen, bewertete er als richtig. "Denn mit dem GBA-Beschluss wissen wir zu diesem Zeitpunkt ja bereits, ob das neue Arzneimittel tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen hat und wenn ja, wie groß dieser ist", erläuterte Hecken.

GBA erweitert Angebote der ASV

Auch Patienten mit Tumoren im Gehirn und an peripheren Nerven sowie solche mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen können künftig von einer ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) profitieren. In seiner Beschlussfassung spezifiziert der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) in diesem Zusammenhang, wie die betreffenden interdisziplinären ASV-Teams zusammengesetzt sein müssen, welche qualitätssichernden Maßnahmen gelten und welche Leistungen zu diesen besonderen, sektorenübergreifenden Behandlungsangeboten gehören. Als nächste Indikationen wird der GBA im Jahr 2022 die Aufnahme der Erkrankungen Multiple Sklerose sowie für Knochen- und Weichteiltumore in die ASV beraten. "In Deutschland erkranken pro Jahr circa 7.700 Menschen an einem Tumor des Gehirns, gleichzeitig haben wir gerade in der Tumortherapie einen rasanten medizinischen Fortschritt", sagte Karin Maag, unparteiisches Mitglied des GBA und Vorsitzende des Unterausschusses ASV. Oftmals müssten mehrere Therapieansätze, also operative, medikamentöse und strahlentherapeutische, aufeinander abgestimmt werden. In der ASV sei sichergestellt, dass die verschiedenen fachärztlichen Disziplinen sektorenübergreifend Hand in Hand zusammenarbeiteten, um im Therapieverlauf ein möglichst optimales Ergebnis zu erreichen, fügte sie hinzu.

Neue Mindestmengen bei Brust- und Lungenkrebs

Für Brustkrebs-Operationen gilt künftig eine Mindestmenge von 100, für Lungenkrebs-Operationen von 75 pro Jahr und Krankenhausstandort. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) festgelegt. Außerdem setzte der GBA die bestehende Mindestmenge für komplexe Operationen an der Bauchspeicheldrüse von 10 auf 20 herauf und aktualisierte auch die Liste der Operationen, die unter die Mindestmenge fallen. Im Jahr 2019 wurden in 732 der insgesamt 1.914 Krankenhausstandorte in Deutschland chirurgische Brustkrebs-Behandlungen durchgeführt. Bei der beschlossenen Mindestmenge von 100 Leistungen pro Jahr konzentriert sich das Angebot voraussichtlich auf circa 355 Standorte. Eine chirurgische Behandlung von Lungenkrebs wurde 2019 in 328 Krankenhäusern durchgeführt. Der GBA geht davon aus, dass mit der neuen Mindestmengenregelung künftig noch 90 Standorte die Eingriffe durchführen können. Die durchschnittliche Fahrtzeit erhöht sich dabei voraussichtlich bei mindestmengenrelevanten Brustkrebsoperationen um drei Minuten und bei Lungenkrebs um elf Minuten.

GBA vereinfacht Reha-Verordnungen

Mit dem Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz (GKV IPReG) hatte der GBA den Auftrag erhalten, bis Ende 2021 die geriatrische Rehabilitation zu stärken sowie einen schnelleren Zugang zu einer Anschlussrehabilitation zu ermöglichen. Mit den Anpassungen der Reha-Richtlinie ist er GBA damit dem Willen des Gesetzgebers gefolgt, einen vereinfachten Zugang zur Rehabilitation zu schaffen. Für Patienten, die nach einem Krankenhausaufenthalt eine Rehabilitation benötigen, vereinfacht sich das Verfahren. Bei dieser sogenannten Anschlussrehabilitation entfällt bei bestimmten Krankheitsbildern ebenfalls eine Prüfung der medizinischen Erforderlichkeit durch die gesetzlichen Krankenkassen. Weiterhin muss der Versicherte die Voraussetzungen für eine Rehabilitation (Rehabilitationsbedürftigkeit, -fähigkeit, -ziele und positive Rehabilitationsprognose) erfüllen sowie der Krankenkasse einen Antrag auf Anschlussrehabilitation zukommen lassen. Zu den dafür in Frage kommenden Fallkonstellationen gehören zum Beispiel Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufsystems, Krebserkrankungen sowie die Behandlungen des Bewegungsapparats und der Atmungsorgane. Versicherte ab 70 Jahren haben in Zukunft einen einfacheren Zugang zu geriatrischen Rehabilitationsleistungen. Die gesetzlichen Krankenkassen überprüfen bei einer vorliegenden Verordnung nicht mehr, ob die Reha-Maßnahme medizinisch erforderlich ist. Allerdings analysieren die Vertragsärzte anhand festgelegter Kriterien sowie Funktionstests den medizinischen Bedarf der geriatrischen Rehabilitation und machen auf der Verordnung rehabilitationsbegründende Angaben.


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