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Malzahn: "Einfach nur mehr Geld ist nicht die Lösung"

ams-Interview: Reform der Klinikversorgung von Kindern und Jugendlichen

Foto: Jürgen Malzahn, Herr mittleren Alters mit aschblonden Haaren, einem beigen Sakko, weißem Hemd und einer rot-weiß-orange-gestreiften Krawatte

Dr. Jürgen Malzahn

15.06.22 (ams). Die Regierungskommission zur Krankenhausreform befasst sich im ersten Schritt unter anderem mit den Defiziten in der stationären Versorgung von Kindern und Jugendlichen. "Auch bei diesem Thema kann die Lösung der Probleme nur gelingen, wenn man über die Sektorengrenzen hinweg denkt", unterstreicht der Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung im AOK-Bundesverband, Dr. Jürgen Malzahn. Im Gespräch mit dem AOK-Medienservice (ams) erläutert der Krankenhausexperte, wie der Umbau der Versorgungsstrukturen gelingen kann.

Herr Malzahn, woran hakt es aktuell in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen?

Malzahn: Ein Teil des Problems ist, dass die Länder ihrem Auftrag zur Daseinsvorsorge nicht nachkommen. Sie investieren zu wenig in die stationäre Pädiatrie und in die Krankenhausstrukturen insgesamt. Aus unserer Sicht ist es aber zu kurz gesprungen, einfach nur über mehr Geld für die Kinderkliniken zu sprechen. Denn viele pädiatrische Abteilungen sind seit Jahren nicht ausreichend ausgelastet. Die Auslastung liegt im Durchschnitt unter 70 Prozent, in der Kinderchirurgie sogar nur um die 50 Prozent. Das ist ziemlich widersinnig, denn qualifiziertes Personal ist knapp. Es wird offensichtlich auf viel zu viele Standorte verteilt, die nicht vernünftig ausgelastet sind. Sie erreichen dann auch nicht die notwendigen Mindestfallzahlen, um gerade bei komplexeren Behandlungen oder seltenen Erkrankungen eine qualitativ hochwertige Versorgung anbieten zu können. Eigentlich sind für eine Kinderklinik sieben volle ärztliche Stellen notwendig, um den Facharzt-Standard zu erreichen. Das schaffen viele Kliniken nicht. Auf der anderen Seite brauchen erkrankte Kinder und ihre Eltern im Falles des Falles natürlich einen schnellen und wohnortnahen Zugang zur Versorgung.

Wie sollte aus Sicht der AOK die Lösung der beschriebenen Probleme aussehen?

Malzahn: Auch bei diesem Thema kann die Lösung der Probleme nur gelingen, wenn man über die Sektorengrenzen hinweg denkt. In den Regionen, in denen aufgrund mangelnder Auslastung kein sinnvoller Betrieb einer vollstationären Pädiatrie möglich ist, sollte stattdessen die ambulante kinderärztliche Versorgung ausgebaut werden. Wichtig ist, dass man gerade in ländlichen Regionen auch die Möglichkeit schafft, dass Kinder und Jugendliche über Nacht auf einer Beobachtungsstation bleiben. So gibt es an Krankenhäusern vor Ort wohnortnahe Anlaufstellen für die medizinische Versorgung, in die auch örtlichen Vertragsärzte einbezogen werden. Bei Bedarf, zum Beispiel bei einer Verschlechterung der Erkrankung, können die jungen Patientinnen und Patienten dann zügig in eine Kinderklinik mit guter Ausstattung und einem qualifizierten Team verlegt werden. Hier sollte es natürlich definierte Strukturen für die Verlegungen und feste Kooperationen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung geben. Im brandenburgischen Templin wurde dies im Rahmen des Innovationsfonds-Projektes bereits realisiert, sodass wir auf praktische Erfahrungen zurückgreifen können. Wie das Zusammenspiel genau geregelt wird und wer für was zuständig ist, sollten auf Landesebene die von uns vorgeschlagenen 3+1-Gremien mit Beteiligung von niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen unter Landesaufsicht entscheiden.

Der Bundesgesundheitsminister hat angekündigt, die Pädiatrie aus dem diagnosebezogenen Fallpauschalensystem herauszunehmen, um die Versorgung der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Was halten Sie davon?

Malzahn: Damit werden wir die Probleme nicht lösen. Denn aufgrund der schon angesprochenen mangelhaften Auslastung der vollstationären Pädiatrien und des Fachkräftemangels brauchen wir einen Umbau der Versorgungsstrukturen. Zur Begleitung dieses Prozesses haben wir bei der Finanzierung einen anderen Weg vorgeschlagen, mit dem die qualitativ hochwertige Versorgung der Kinder und Jugendlichen gezielt gefördert werden kann: Aus unserer Sicht sollte der Gemeinsame Bundesausschuss zunächst bundeseinheitliche Maßstäbe zu Strukturen, Leistungen und zur Messung des Bedarfs in den Regionen entwickeln. Auf dieser Basis kann im nächsten Schritt der regionale Versorgungsbedarf sektorenübergreifend ermittelt werden. Die Finanzierung der pädiatrischen Leistungen sollte dann nicht mehr ausschließlich auf Basis der DRG-Fallpauschalen erfolgen. Der Gesetzgeber sollte festlegen, dass ein relevanter Teil von mehr als zehn Prozent der bisherigen DRG-Erlöse als Vorhaltepauschalen gezahlt werden – je nach regionalem Bedarf. Dieses Geld fließt dann nur an Kliniken mit einem pädiatrischen Versorgungsauftrag, die die notwendigen Strukturvoraussetzungen erfüllen und eine qualitativ hochwertige Versorgung der jungen Patientinnen und Patienten anbieten können. Um die notwendige Konzentration der Versorgung in pädiatrischen Fachabteilungen zu fördern, sollte Krankenhausbehandlungen von Kindern außerhalb pädiatrischer Abteilungen nur noch für Notfälle vergütet werden. Dann ist eine Behandlung durch entsprechend qualifizierte und routinierte Teams gewährleistet – und die pädiatrischen Abteilungen sind auch besser ausgelastet als bisher.


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