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„Die Polypharmarzie wird nicht weniger, sondern eher mehr werden“

ams-Interview mit Prof. Dr. Petra Thürmann von der Universität Witten/Herdecke und Mitherausgeberin des Arzneimittel-Kompass 2022

Prof. Dr. Petra Thürmann, Universität Witten/Herdecke - pr

Prof. Dr. Petra Thürmann

16.01.23 (ams). Die Einnahme mehrerer Medikamente gleichzeitig auch über einen längeren Zeitraum betrifft viele ältere Menschen. Welche Probleme die sogenannte Polypharmazie mit sich bringen kann, ob es dabei Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, wie die elektronische Patientenakte helfen kann und welche Herausforderungen der demografische Wandel künftig mit sich bringt, erläutert Prof. Dr. Petra Thürmann im Interview.

Frau Professor Thürmann, mehr als die Hälfte der 65-Jährigen nimmt fünf und mehr unterschiedliche Medikamente ein. Worin liegen die Risiken der Polypharmazie?

Thürmann: Jedes einzelne Medikament birgt immer das Risiko für eine Nebenwirkung in sich. Bei der Einnahme von vielen Medikamenten ist die Gefahr, tatsächliche eine Nebenwirkung zu erleiden dementsprechend höher. Außerdem steigt das Risiko für eine Wechselwirkung mit jedem Medikament. Und dadurch kann es entweder zu einer Wirkungsabschwächung oder zu Nebenwirkungen kommen. Darüber hinaus können sich bestimmte, sehr schwache Nebenwirkungen summieren und dann zu einer spürbaren Nebenwirkung zu führen. Hierzu misst man z.B. den sogenannten „Drug Burden Index“, der das Ausmaß bestimmter Effekte beschreibt, die sowohl sedierende als auch „anticholinerge“ Wirkung haben. Letzteres ist ein Sammelsurium von Effekten, die nicht nur müde machen, sondern das Denkvermögen – die Kognition - beeinträchtigen, Blasen- und Darmfunktion behindern, die Anpassung der Sehstärke beeinträchtigen, den Speichelfluss mindern und einiges andere mehr. In der Summe kann sich das einerseits tatsächlich wie eine Demenz äußern oder insgesamt das im Alter so wichtige Risiko für Stürze massiv erhöhen.   

Es gibt Erkenntnisse, welche Arzneimittel bei Älteren potenziell unangemessen sind. Warum bereitet die Umsetzung Probleme?

Thürmann: Arzneimittel sind für alte Menschen „potenziell“ unangemessen, das heißt sie sind nicht immer und bei jedem unangemessen. Diese Wirkstoffe, sogenannte PIMs, weisen ein im Alter ungünstigeres Nutzen/Risiko-Verhältnis auf als bei jüngeren Menschen. Weil sie zum Beispiel das bereits erwähnte Sturzrisiko begünstigen. Wenn das Medikament jedoch zur Behandlung einer Erkrankung essenziell ist und die vorgeschlagenen Alternativen nicht wirksam sind oder auch Nebenwirkungen verursachen, dann kann man auch PIMs nicht absetzen. Die Umsetzung bereitet also aus mehreren Gründen Probleme: Manchmal wird der Tatbestand, dass ein Medikament PIM ist, übersehen, manchmal funktionieren die Alternativen nicht. Wir werden also nie auf Null Prozent PIMs kommen. Entscheidend ist, dass die Risiken und gegebenenfalls Nebenwirkungen der PIMs erkannt werden und bei Kognitionsverlust nicht ein Medikament gegen Demenz verordnet wird, bevor nicht überprüft wurde, welches der vorhandenen Medikamente vielleicht die Kognition so beeinträchtigt hat und dieses möglichst abgesetzt wird. 

Wie ließen sich diese Umsetzungsprobleme lösen?

Thürmann: Zum einen durch eine elektronische Verordnungsüberprüfung, die zumindest einmal eine Warnung absetzt. Zum anderen mindestens einmal jährliche Überprüfung der Medikamente, ob sie wirklich gut vertragen werden und Dosisreduktion oder Absetzen bei Verdacht auf Nebenwirkungen. Medikationsüberprüfungen können auch von geschulten Apothekern vorgenommen werden, wichtig ist hier eine strukturierte Kommunikation zwischen den Berufsgruppen.

Besonders Frauen sind von den Gefahren der Polypharmazie betroffen. Warum?

Thürmann: In manchen Altersgruppen erhalten Frauen mehr Medikamente als Männer und sie neigen auch dazu, sich mehr rezeptfreie Arzneimittel (OTC) in der Apotheke zu besorgen. Hinzu kommt, dass Frauen in ihrem Medikationsspektrum mehr Psychopharmaka und Analgetika anwenden als Männer. Und in diesen Medikationsgruppen sind mehr PIMs als in vielen anderen Medikamentengruppen, wie zum Beispiel die häufig verordneten Blutdrucksenker, Cholesterinsenker oder Blutverdünner.

Inwieweit gibt es auch hier mit Blick auf gendersensible Medizin Nachholbedarf?

Thürmann: Wichtig ist, dass man bei Frauen und Männern auf PIMs und potenzielle Nebenwirkungen achtet. Aber es ist auch unbekannt, ob beispielsweise bestimmte sturzbegünstigende Medikamente bei Frauen häufiger als bei Männern Stürze auslösen. Bekannt ist jedoch wiederum, dass mehr Frauen als Männer Osteoporose haben und demzufolge bei Stürzen meist häufiger Frakturen erleiden. 

Eine mangelnde Dokumentation und fehlender Überblick über bereits verschriebene Medikamente gelten unter anderem auch als Grund für riskante Polypharmazie. Wie könnte die elektronische Patientenakte (ePA) hier Abhilfe schaffen?

Thürmann: Die Hoffnung besteht, dass jede Ärztin und jeder Arzt bei der Verordnung sieht, was andere schon gegeben haben und somit die Medikamente besser aufeinander abstimmen können. So könnte der Hausarzt, wenn er sieht, welches Mittel ein Patient vom Urologen bekommt, schneller „schalten“ und merken, dass die Gedächtnisstörung eben nicht eine beginnende Demenz ist, sondern eine Nebenwirkung des Blasenfunktionsmittels, das der Urologe verordnet hat. Und wenn eine andere Patientin notfallmäßig ins Krankenhaus kommt, dann wüssten mit einer ePA die Krankenhausärzte sofort, dass die Patientin nicht dement ist, sondern aufgrund einer Einnahme entwässernder Medikamente bei großer Hitze so ausgetrocknet ist, dass sie nicht mehr klar denken kann. Mit dem Wissen um Diagnosen und Medikamente könnten viele Schnittstellenprobleme gelöst werden, die wir heute mühsam mit Arztbriefen, Faxen und Telefonaten überbrücken – und das leider meist mit viel Zeitverzug und unter dem Einsatz von Personalressourcen von Pflegekräften und Ärzten, die wir dringend an anderer Stelle benötigen. 

Welche Herausforderungen bringt der stetig zunehmende demografische Wandel hinsichtlich Polypharmazie in Zukunft mit sich? 

Thürmann: Die Polypharmazie wird nicht weniger, sondern eher mehr werden. Man denke nur zum Beispiel an die vielen oralen Tumor-Medikamente, die sich auch noch hinzugesellen, und oftmals über lange Zeit genommen werden müssen. Diese Polypharmazie nützlich zu gestalten, ohne den Überblick zu verlieren, wird eine Herausforderung sein. Und wir werden uns auch der Frage stellen müssen, wann für bestimmte Medikamente das Nutzen/Risiko-Verhältnis so verändert ist, dass wir diese bei einem bestimmten Patienten oder einer bestimmten Patientin nicht mehr einsetzen.


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