Erkrankung mit vielen Facetten: Epilepsie erkennen und behandeln

Anfallsleiden

25.01.16 (ams). Epilepsie, auch Anfallskrankheit genannt, ist eine recht häufige neurologische Erkrankung: Schätzungsweise fünf bis zehn von 1.000 Einwohnern sind laut Deutscher Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) davon betroffen. Pro Jahr suchen in Deutschland etwa 400.000 Menschen wegen ihrer Epilepsie einen Arzt auf. Aus Scham, Unkenntnis oder Angst vor Stigmatisierung verzichten jedoch einige Betroffene auf mögliche Hilfen. Dabei stehen die Chancen gut, die Epilepsie in den Griff zu bekommen, wenn sie erkannt und entsprechend therapiert wird.

Ein Mensch stürzt plötzlich zu Boden und seine Glieder zucken - nicht immer sieht ein Anfall so aus. Denn Epilepsie hat viele Facetten: Je nach Region der elektrischen Entladungen fallen die Symptome unterschiedlich aus. So können die Betroffenen nur kurz in einen Dämmerzustand gleiten - ohne Sturz und Krämpfe. Oder sie machen auf einmal seltsame Bewegungen und Geräusche, schmatzen oder brummen vor sich hin. Es können aber auch sensible Störungen, wie Kribbel- oder Taubheitsgefühle auftreten, oder sensorische Veränderungen, wie Sehstörungen, oder vegetative Symptome, wie Schweißausbrüche. Nach wenigen Sekunden oder Minuten ist es zumeist vorüber. "Gemeinsam ist all diesen unterschiedlichen Anfallsformen, dass Nervenzellen im Gehirn sich plötzlich gleichzeitig entladen", erklärt Dr. Christiane Roick, stellvertretende Leiterin des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband. 


Sendefertige Radio-O-Töne mit Dr. Christiane Roick, stellvertretende Leiterin des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband

Mögliche Ursachen der Erkrankung

Mögliche Ursachen der Erkrankung

Was Betroffene tun können

Was Betroffene tun können


Die Ursachen, warum die Nervenzellen plötzlich synchrone Impulse abfeuern, sind vielfältig. Die Neigung zu epileptischen Anfällen kann genetisch bedingt sein. In manchen Familien tritt Epilepsie über mehrere Generationen hinweg auf. "Auch Hirnschädigungen durch Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen, Fehlbildungen oder Entwicklungsstörungen, Verletzungen, Schlaganfälle, Gehirntumoren oder Gehirn- oder Hirnhautentzündungen können eine Epilepsie verursachen", sagt AOK-Medizinerin Dr. Roick. Häufig lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache feststellen. Wichtig ist, bei einem Neurologen abzuklären, ob es sich bei einem Anfall um eine Epilepsie handelt oder nicht. Denn wenn bestimmte äußere oder innere Faktoren auf das Gehirn einwirken, kann jeder Mensch einen epileptischen Anfall bekommen, ohne dass eine Epilepsie besteht. Zu solchen Gelegenheitsanfällen kann es zum Beispiel bei zu niedrigem Blutzuckerspiegel oder anderen schweren Stoffwechselentgleisungen kommen, aber auch bei massivem Schlafentzug oder bei Entzugserscheinungen im Rahmen einer Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit. Man schätzt, so die DGfE, dass fünf Prozent aller Menschen im Lauf ihres Lebens mindestens einen epileptischen Anfall bekommen. Von einer Epilepsie spricht man jedoch erst, wenn bereits mindestens ein epileptischer Anfall aufgetreten ist und eine dauerhafte Neigung für weitere epileptische Anfälle besteht. Dies ist entweder der Fall, wenn epileptische Anfälle wiederholt spontan aufgetreten sind oder wenn bei einer Elektroenzephalografie (EEG, Messung der Hirnströme) beziehungsweise einer Magnetresonanztomografie (MRT, vom Körperinneren werden Schnittbilder mittels Magnetfeldern erzeugt) eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle nachweisbar ist. Eine Epilepsie kann in jedem Alter erstmalig auftreten. Häufig beginnt sie bereits im ersten Lebensjahr oder jenseits des 60. Lebensjahres.

Mögliche Ursachen genau abklären

Für die Diagnose greift der Arzt gerne auf Augenzeugen zurück, die den Anfall beobachtet haben. Die Betroffenen selbst können sich oft nicht gut daran erinnern. "Anhand der unterschiedlichen Symptome lässt sich bestimmen, ob es sich um einen fokalen Anfall handelte, bei dem eine umschriebene Region des Gehirns betroffen ist, oder um einen generalisierten Anfall, der beide Großhirnhälften erfasst", so Dr. Roick. Zudem muss erfragt werden, unter welchen Umständen der Anfall aufgetreten ist und ob Geburtskomplikationen, Entwicklungsstörungen oder frühere Erkrankungen aufgetreten sind, die eine Anfallsursache sein könnten. Außerdem werden Labortests, ein Elektorenzephalogramm und bildgebende Untersuchungen durchgeführt, um mögliche Anfallsursachen abzuklären. Der Arzt muss den Anfall genau einordnen können, um das passende Medikament zu finden. Hauptsächlich werden folgende Anfallsformen unterschieden:

  • Zu den generalisierten Anfällen gehört der klassische Grand-Mal-Anfall, der aus zwei Phasen besteht: Der Betroffene wird plötzlich bewusstlos, stürzt zu Boden, Gliedmaßen, Gesicht und Körper spannen sich an. Dann treten rhythmische Zuckungen der gesamten Skelettmuskulatur auf, die zunehmend heftiger werden. Nach dem Anfall folgt meist eine Schlaf- oder Dämmerphase.
  • Auch die sogenannten Absencen (Petit-Mal-Anfall) sind generalisierte Anfälle, haben aber einen milderen Verlauf.  Ihr Hauptkennzeichen ist eine abrupt beginnende, kurze Bewusstseinsstörung. Da die Augen dabei geöffnet sind und Tätigkeiten, wie Sprechen oder Schreiben, unterbrochen werden, können diese Anfälle auch als Unkonzentriertheit oder Tagträumerei fehlgedeutet werden. 
  • Bei einem fokalen Anfall unterscheiden sich die Symptome in Abhängigkeit von der betroffenen Hirnregion. So sind motorische oder sensible Symptome, wie halbseitige Muskelzuckungen oder Taubheitsgefühle möglich, aber auch veränderte Sinneswahrnehmungen, wie Lichtblitze oder bestimmte Geruchs- oder Geschmacksempfindungen, und vegetative Symptome, wie Schweißausbrüche oder Einnässen. 

Bei einem komplex fokalen Anfall ist zusätzlich das Bewusstsein getrübt. Häufig treten Bewegungsautomatismen auf, wie Kauen, Schmatzen oder Herumnesteln an der Kleidung. 

Medikamente zur Anfallskontrolle

Es steht eine Reihe von Medikamenten zur Anfallskontrolle zur Verfügung,  Antiepileptika oder Antikonvulsiva genannt. Die Auswahl richtet sich insbesondere nach dem Anfallstyp, der individuellen Verträglichkeit und möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Ein Großteil der Patienten kann damit ein anfallsfreies Leben führen. Wird keine Anfallsfreiheit erreicht, kann ein Medikamentenwechsel oder eine Kombinationstherapie erforderlich sein. Bei medikamentös nicht befriedigend behandelbaren fokalen Epilepsien kann in einem epilepsiechirurgischen Zentrum geprüft werden, ob das betroffene Hirnareal in einer Operation entfernt werden kann. Wenn mit Medikamenten keine Anfallsfreiheit erreichbar ist, kann auch eine Neurostimulation erwogen werden, bei der Strukturen im Gehirn oder dorthin führende Strukturen, wie der Vagusnerv, mit niedriger Stromstärke wiederholt stimuliert werden, um die Übererregbarkeit der Nervenzellen herabzusetzen und so die Häufigkeit und Schwere der epileptischen Anfälle zu mindern. Bei manchen Patienten mit klinisch geringfügigen oder sehr seltenen Anfällen und einer langfristig stabilen Gesamtsituation kann auch ein Therapieverzicht erwogen werden, wenn die Risiken der Behandlung höher sind als ihr zu erwartender Nutzen.

Was Betroffene tun können

  • Anfälle lassen sich vermeiden, indem die Betroffenen zunächst genau beobachten, in welchen Situationen Anfälle bei ihnen auftreten (zum Beispiel überwiegend zu einer bestimmten Tageszeit oder bei bestimmten Tätigkeiten).
  • Daneben sollte beobachtet werden, welche Faktoren die Wahrschein-lichkeit erhöhen, dass in diesen Situationen ein Anfall auftritt (zum Beispiel Schlafmangel, Alkoholgenuss, Stress oder äußere Reize wie Flackerlicht von Monitoren oder bestimmte optische Muster).
  • Aus diesen Beobachtungen kann individuell abgeleitet werden, wie man sich angstfrei und ohne zu starke Alltagseinschränkungen so verhalten kann, dass Anfälle möglichst vermieden werden.
  • Manche Betroffene erleben auch Vorboten eines Anfalls, sogenannte Auren, etwa ein Kribbeln im Arm oder Wahrnehmungsstörungen. Sie können lernen, den beginnenden Anfall durch speziell auf ihre Symp-tomatik abgestimmte Gegenmaßnahmen frühzeitig zu unterbrechen. 
  • Das Führen eines Anfallskalenders kann helfen, um möglichen Auslösern auf die Spur zu kommen.

Was Augenzeugen tun können

  • Entfernen Sie Gefahrenquellen, wie scharfkantige Gegenstände oder Möbel, an denen sich der Betroffene verletzen könnte, aus dem Umfeld des Betroffenen. 
  • Versuchen Sie nicht, den Krampfenden festzuhalten, da sonst Knochenbrüche drohen. Versuchen Sie auch nicht, dem Betroffenen gewaltsam Gegenstände zwischen die Kiefer zu schieben.
  • Bringen Sie den Betroffenen nach dem Anfall in stabile Seitenlage, kontrollieren Sie, dass er normal atmet, und lassen sie ihn nicht allein, solange er nicht wieder bei Bewusstsein und voll orientiert ist.
  • In der Regel enden epileptische Anfälle nach einigen Minuten von allein wieder. Ein Notarzt muss jedoch gerufen werden, wenn der Patient länger als fünf Minuten krampft, wenn sich der Anfall in weniger als einer Stunde wiederholt oder der Patient das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Zudem muss sofort ein Notarzt gerufen werden, wenn es durch den Anfall zu einer Verlegung der Atemwege gekommen ist sowie wenn unklar ist, ob es sich bei dem Anfall um eine Epilepsie oder um eine andere Ursache, zum Beispiel eine schwere Unterzuckerung, handelt.

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