Mit Faktenboxen können Patienten Nutzen und Risiken besser abwägen

Untersuchungen, Arzneimittel & Co.

26.05.15 (ams). Kann mir zusätzliches Selen helfen, Krebs zu vermeiden? Nützt es oder schadet es womöglich, wenn ich Vitamin D gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen einnehme? Jeder muss täglich Entscheidungen rund um die eigene Gesundheit oder die seiner Familie treffen. "Versicherte brauchen dafür zuverlässige Informationen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, die man ohne Medizinstudium versteht. Deshalb haben wir gemeinsam mit unabhängigen Experten die AOK-Faktenboxen entwickelt", sagte Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, anlässlich der Vorstellung am 26. Mai 2015.

Für die Faktenboxen arbeitet der AOK-Bundesverband mit ausgewiesenen Experten in Sachen Patientenorientierung zusammen: Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Das Zentrum entwickelt die Faktenboxen. Prof. Dr. Attila Altiner ist als Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Rostock für das Auswerten der wissenschaftlichen Studien zuständig.

Die Boxen sind jeweils dreigeteilt: Auf Fragen rund um Nutzen und Risiken von Behandlungen, Untersuchungen, Früherkennungstests und Arzneimitteln folgt die Bewertung des Nutzens und des Schadens beziehungsweise der möglichen Nebenwirkungen. Die Ergebnisse sind mit Grafiken und leicht verständlichen Texten aufbereitet. Wer tiefer einsteigen will, findet dazu weitere Erläuterungen genauso wie Links zu den Quellen. Manche Boxen liefern Patienten zusätzlich praktische Tipps für den Umgang mit Arzt und Apotheker oder erklären den Versicherten, wie sie die Leistungen ihrer Krankenkasse in Anspruch nehmen können.

In der ersten Runde entstanden so zunächst elf Faktenboxen:

  • vier Faktenboxen zu den Nahrungsergänzungsmitteln Vitamin D und Selen: Dabei geht es um Nutzen und Risiken im Hinblick auf Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Vitamin D zusätzlich im Hinblick auf Knochenbrüche.
  • Zwei zum Thema Impfen: eine zur Influenza-, eine zur Masern-Mumps-Röteln-Impfung.
  • Jeweils eine Faktenbox gibt es zum jährlichen Ultraschall zur Früherkennung von Eierstockkrebs, zum Röntgen bei allgemeinen Schmerzen im unteren Rücken, zur Behandlung eines Tennisarms mit Stoßwellen.
  • Schließlich gibt es noch zwei Boxen zu Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen mit den Themen Kinderkrankengeld und kieferorthopädische Behandlungen.

Auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand

Wer die Faktenboxen im Alltag nutzt, kann sicher sein, auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand zu sein: Was ist nachweislich wirksam, was nicht? Von dieser Frage geleitet, listen die Boxen Nutzen, Risiken sowie mögliche Schäden und Nebenwirkungen auf.

Dazu einige Beispiele rund um die frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmittel: In einer der beiden Vitamin-D-Boxen erfährt der Leser innerhalb weniger Augenblicke, dass zusätzlich eingenommenes Vitamin D weder Krebs noch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern – aber in Kombination mit Kalzium zu mehr Magen-Darm-Erkrankungen führen kann. Die Antwort auf die häufig gestellte Frage, ob Vitamin D vor Knochenbrüchen schützen kann, lautet: Nur in Kombination mit Kalzium hilft es geringfügig. Im Gegenzug ist aber mit mehr Magen-Darm-Erkrankungen zu rechnen.

Beim Thema Selen und Krebs zeigen die wissenschaftlichen Daten genauso wie bei Selen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Es verhindert beides nicht. Bei Männern über 50 Jahren zeigte sich, dass sie sowohl mit als auch ohne Selen gleichermaßen von Prostatakrebs, Herz-Kreislauf-Vorfällen und Tod betroffen waren.

Grundlage für persönliche Entscheidung

Ganz bewusst sprechen die Wissenschaftler in den Boxen allerdings keine Empfehlungen aus. Der Leser soll Nutzen und Risiken selbst abwägen und auf dieser Grundlage für sich persönlich eine Entscheidung treffen - oder gut informiert ins Gespräch mit dem Arzt gehen.

Wie wichtig in Deutschland diese Form der Wissensaufbereitung ist, zeigte erst kürzlich wieder eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK: In einer bundesweiten repräsentativen Befragung zur Gesundheitskompetenz zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der GKV-Versicherten Schwierigkeiten hat, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und umzusetzen. Zudem schneiden die Deutschen im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn unterdurchschnittlich ab. Nur etwas mehr als vier von zehn Versicherten haben eine ausreichende oder ausgezeichnete Gesundheitskompetenz, während es im EU-Durchschnitt mehr als fünf sind. Dabei ist der Gewinn durch Gesundheitskompetenz groß: Wer gut über gesundheitliche Zusammenhänge Bescheid weiß, kommt beispielsweise seltener ins Krankenhaus, lebt gesundheitsbewusster, hält sich eher an die Behandlungsempfehlungen des Arztes - und hat ein geringeres Risiko, früh zu sterben. Der AOK-Bundesverband arbeitet bereits an weiteren Faktenboxen.

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