Multiple Sklerose: Behinderung entgehen durch frühzeitige Therapie

Unberechenbare Erkrankung

Foto: Rollstuhlfahrer bei Krankengymnastik

22.02.16 (ams). Multiple Sklerose (MS) ist mit mehr als 120.000 Betroffenen in Deutschland die häufigste chronische Erkrankung des Zentralen Nervensystems bei jungen Menschen, so die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). "Eine MS ist zwar bisher nicht heilbar, doch die Krankheit verläuft sehr unterschiedlich“, sagt Dr. Astrid Maroß, Ärztin im AOK-Bundesverband. Die Therapiemöglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren erweitert. Sehstörungen, extreme Müdigkeit, Muskelschwäche oder Lähmungen, Sprechstörungen, Schwindel oder Blasenschwäche: Kaum eine Erkrankung geht mit so vielfältigen Symptomen einher wie Multiple Sklerose. Wann welche Beschwerden auftreten, ob sie bleiben oder gehen, ob und wann neue hinzutreten, kann niemand vorhersehen. "Diese Unberechenbarkeit ist für die Betroffenen besonders belastend", so Dr. Maroß. Bei den meisten Erkrankten (85 von 100) verläuft MS in Schüben, zwischen denen sich die Symptome anfangs gut, im späteren Verlauf weniger gut zurückbilden. Die Schübe treten völlig unregelmäßig auf, die einen erleben sie häufig, die anderen haben Jahre oder gar ein Jahrzehnt Ruhe. Bei einem kleinen Teil (etwa 15 von 100 Betroffenen) verschlimmert sich die Krankheit kontinuierlich, ohne dass es zwischendurch Schübe oder Zeiten der Erholung gibt. Von dieser primär progredienten (fortschreitenden) Verlaufsform sind Männer und Frauen gleich häufig betroffen, an der schubförmigen MS erkranken Frauen dreimal häufiger.

Die ersten MS-Symptome treten meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Wichtig zu wissen: Die Erkrankung muss nicht zwangsläufig zu schwerer Behinderung führen. Etwa ein Drittel der Betroffenen haben einen günstigen Verlauf ohne größere Beeinträchtigungen. Ein weiteres Drittel leidet unter neurologischen Defiziten, die Patienten können aber selbstständig zu Hause leben, eine Familie gründen und einem Beruf nachgehen. Lediglich für ein Drittel der Patienten bringt die MS tatsächlich so starke Behinderungen mit sich, dass sie früher oder später ihre Berufstätigkeit aufgeben müssen oder pflegebedürftig werden. Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung des Zentralen Nervensystems und gehört zu den Autoimmunkrankheiten: Das Abwehrsystem richtet sich gegen körpereigenes Gewebe. In diesem Fall zerstört das Immunsystem die Schutzschicht, die die Nervenfasern umgibt. Ist diese Schutzschicht, die Myelinscheide, beschädigt, können Signale nicht mehr so effektiv zwischen den Nervenzellen übertragen werden. So ist jedes neurologische Symptom möglich, abhängig davon, welche Stellen im Gehirn oder Rückenmark befallen sind. Wie es zu dieser Fehlsteuerung des Immunsystems kommt, ist nicht genau geklärt. Sowohl genetische Komponenten als auch äußere Faktoren wie Viren oder Rauchen spielen wahrscheinlich eine Rolle. Forscher vermuten zudem einen Zusammenhang mit Vitamin D, das über die Sonneneinstrahlung auf die Haut gebildet wird. Denn in Ländern, die näher am Äquator liegen, wie Afrika oder weite Teile Asiens, tritt MS seltener auf.


Therapie beruht auf drei Säulen

Nachdem die Neurologin oder der Neurologe eine sichere Diagnose gestellt hat - unter anderem durch eine Magnetresonanztomografie und eine Untersuchung des Nervenwassers - sollte die Behandlung sofort beginnen. "Besprechen Sie ausführlich und in Ruhe mit Ihrem Arzt, welche Behandlungsstrategie in Ihrem Fall infrage kommt", so Dr. Maroß weiter. Dabei beruht die Therapie auf drei Säulen: 

  1. Im akuten Schub bekommen die Erkrankten hochdosierte Kortison-Infusionen, was die Entzündung eindämmen soll. 
  2. Um Schüben vorzubeugen, erfolgt häufig eine Basistherapie mit Medikamenten, die die Aktivität des Immunsystems beeinflussen. Hauptsächlich sind das Beta-Interferone oder Glatirameracetat, diese Medikamente können die Zahl der Schübe verringern. Es stehen aber mittlerweile auch eine ganze Reihe weiterer Medikamente zur Verfügung, auch für schwerere Verläufe. 
  3. Belastende Symptome wie Schmerzen, erhöhter Muskeltonus (Spastik), Blasenfunktionsstörung, Sprech- und Schluckstörungen, ausgeprägte Ermüdbarkeit (Fatigue-Syndrom) oder Depressionen können mit Medikamenten oder anderen Maßnahmen behandelt werden. 

Dr. Maroß rät Betroffenen: "Sprechen Sie mit dem Arzt und Ihrem Umfeld offen über Ihre Beschwerden, damit die anderen die Chance haben, zu verstehen und zu helfen."

MS: Lebensqualität erhalten

  • Regelmäßige, an die Leistungsfähigkeit angepasste sportliche Betätigung, vor allem moderates Ausdauertraining, wenn möglich im Freien, kann positive Effekte beim Fatigue-Syndrom bringen. Außerdem verbessert ein solches Training das Körpergefühl und hebt die Stimmung.
  • Eine depressive Störung kann behandelt werden.
  • Physiotherapie und Ergotherapie kann bei Einschränkungen von Bewegung, Feinmotorik und Koordination eingesetzt werden. Beckenbodengymnastik kann die Behandlung von Blasenfunktionsstörungen unterstützen.
  • Alternative Verfahren: Progressive Muskelentspannung kann dazu beitragen, Schmerzen und Schlafprobleme in den Griff zu kriegen. Feldenkrais, Tai Chi, Qi-Gong oder Yoga können als unterstützende Maßnahme bei Spastik, Fatigue und Störungen der Bewegungskoordination geeignet sein. 
  • Eine Rehabilitation vereint ein ganzes Paket von Maßnahmen: Physio- und Ergotherapie, Bewegungstherapie, Logopädie (bei Sprech- und Schluckstörungen) sowie psychologische Therapien. 
  • Außerdem kann es gut tun, sich in einer Selbsthilfegruppe auszutauschen.

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