Wenn die menschlichen Stoßdämpfer verschleißen

Bandscheibenvorfall

22.06.16 (ams). Was es heißt, wenn das Kreuz schmerzt, wissen wohl die meisten Menschen: Laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes hatten bis zu 85 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben Rückenschmerzen. Meist sind die Schmerzen harmlos, treten plötzlich auf und verschwinden bei 90 Prozent der Betroffenen innerhalb einiger Tage oder Wochen wieder. "Strahlen die Schmerzen aber über das Gesäß bis in das Bein aus, kann das zum Beispiel auf einen Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule hinweisen", sagt Dr. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband und Facharzt für Neurochirurgie.

23 knorpelige Bandscheiben liegen wie elastische Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern der Rückenwirbel. Sie bestehen aus einer faserigen Hülle und einem gelartigen, elastischen Kern (Gallertkern). Bei einem Bandscheibenvorfall verlagert sich Bandscheibengewebe über die Grenzen des Wirbelkörpers hinaus in den Wirbelkanal, in dem die empfindlichen Spinalnerven verlaufen, die immer paarweise zwischen zwei Wirbelkörpern den Wirbelkanal verlassen und in die Beine ziehen. "Vorgefallenes" Gewebe kann auf diese Nerven drücken und sie reizen. Zumeist sind Bandscheibenvorfälle eine Folge von Verschleiß: Die Elastizität der Bandscheiben nimmt im Laufe des Lebens ab; sie verlieren an Flüssigkeit, werden spröde und rissig. Eine hohe Belastung zum Beispiel durch häufiges Heben großer Lasten oder einseitige Belastungen können einen Bandscheibenvorfall begünstigen. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent aller Menschen bekommen in ihrem Leben irgendwann einmal Rückenschmerzen, die von einem Bandscheibenvorfall herrühren. In der Altersgruppe über 30 Jahre treten Bandscheibenprobleme häufiger auf, bei Männern doppelt so häufig wie bei Frauen.


Sendefähige Radio-O-Töne mit Dr. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband und Facharzt für Neurochirurgie

Ursachen für einen Bandscheibenvorfall

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Mögliche Symptome

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Die konservative Therapie

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Ein Bandscheibenvorfall kann sehr unangenehm sein. Die Beschwerden lassen aber bei den meisten Menschen innerhalb von sechs Wochen auch ohne Operation wieder nach. Zudem führt nicht jeder Bandscheibenvorfall zu Beschwerden, so Dr. Schillinger: "In Studien fanden sich in der Kernspinntomografie absolut schmerzfreier Patienten bei etwa 24 Prozent Bandscheibenvorfälle." Eine Computertomografie oder eine Kernspinuntersuchung machen daher nur Sinn, wenn die Schmerzen und der ärztliche Befund auf einen Bandscheibenvorfall hinweisen, der operiert werden soll.

Die typischen, oft unerträglichen Schmerzen können - je nach Ort des Bandscheibenvorfalls - in unterschiedlichen Bahnen ins Bein und auch in den Fuß ausstrahlen. Sie verstärken sich beim Husten, Niesen, Pressen. Werden die Nerven stärker eingeengt, können außerdem Empfindungsstörungen und Lähmungserscheinungen auftreten. "Bei höhergradigen Lähmungen, Taubheitsgefühl im Intimbereich und sogenannten Reithosengebiet, also dort wo die Reithose oder Radhose zwischen den Beinen die Verstärkung hat, sowie bei Problemen, die Blase zu entleeren, besteht ein akuter Notfall, bei dem sofort operiert werden muss", erläutert Neurochirurg Schillinger. Doch solche Notfälle sind zum Glück selten. "Acht von zehn Patienten mit Bandscheibenvorfall, aber ohne Alarmzeichen, werden die Schmerzen auch ohne Operation wieder los", so der AOK-Mediziner. Bevor also operiert wird, sollten alle Möglichkeiten einer konservativen Therapie ausgeschöpft werden.

Zu den nicht operativen Methoden gehören vor allem vorsichtige Bewegung, Entspannung und Entlastung, schmerzstillende Medikamente sowie Krankengymnastik und Rückenschule. Zudem garantiert die operative Entfernung des Bandscheibengewebes keine dauerhafte Beschwerdefreiheit. Die Schmerzen können zum Beispiel durch die Narbenbildung oder einen erneuten Bandscheibenvorfall nach einer Operation wiederkehren. Daher rät Schillinger Patienten mit der Diagnose Bandscheibenvorfall: "Holen Sie, sofern kein Notfall vorliegt, vor einer möglichen Operation eine zweite ärztliche Meinung ein, vor allen Dingen, wenn kein ausreichender konservativer Behandlungsversuch über mindestens sechs Wochen unternommen wurde oder Sie verunsichert sind. Eine vermeidbare Operation bedeutet immer auch vermeidbares Risiko."


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