"Pflegebedürftige erhalten passgenauere Leistungen"

ams-Interview mit Simone Burmann, Referatsleiterin Vergütung in der Pflegeabteilung des AOK-Bundesverbandes

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Simone Burmann

24.08.16 (ams). Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) hat die Bundesregierung einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff und damit verbunden ein neues Begutachtungsinstrument in der gesetzlichen Pflegeversicherung eingeführt. Was sich ab 1. Januar 2017 durch die Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade ändert und was dies für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige bedeutet, erläutert Simone Burmann im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams). Sie ist Referatsleiterin Vergütung in der Pflegeabteilung des AOK-Bundesverbandes.

Auf welche grundlegenden Veränderungen müssen sich Pflegebedürftige und deren Angehörige mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff ab 2017 einstellen?

Burmann: Die soziale Pflegeversicherung steht vor dem größten Umbau ihrer Geschichte. In gut vier Monaten treten der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und mit ihm ein neues Instrument zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit in Kraft. Dieser grundlegende Systemwechsel bringt Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen viele Vorteile. Beispielsweise stehen nicht mehr nur die körperlichen Beeinträchtigungen im Fokus, sondern alle Aspekte der Pflegebedürftigkeit werden berücksichtigt. Und Menschen, die zum Beispiel eine demenzielle Erkrankung haben, werden den körperlich eingeschränkten Pflegebedürftigen gleichgestellt.

Was verbirgt sich hinter der neuen Definition von Pflegebedürftigkeit?

Burmann: Ab 1. Januar 2017 orientiert sich die Pflegebedürftigkeit nicht mehr an einem in Minuten gemessenen Hilfebedarf, sondern ausschließlich daran, wie stark die Selbstständigkeit beziehungsweise die Fähigkeiten des Menschen bei der Bewältigung seines Alltags beeinträchtigt sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Selbstständigkeit durch körperliche, geistige oder psychische Einschränkungen beeinträchtigt ist. Bewertet wird allein, ob ein Mensch in der Lage ist, die jeweilige Aktivität praktisch durchzuführen.

Was ändert sich bei der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK)?

Burmann: Statt der bisherigen drei Pflegestufen gelten ab dem kommenden Jahr fünf Pflegegrade. Den jeweiligen Pflegegrad ermitteln Gutachter des MDK künftig auf Grundlage eines neuen Begutachtungssystems, das den Blick auf den Menschen erweitert und Aspekte wie beispielsweise die Fähigkeit, Gespräche zu führen und Bedürfnisse mitzuteilen, sowie die Unterstützung beim Umgang mit der Krankheit mit einbezieht. Dies macht es möglich, Art und Umfang der Leistung genauer auf den jeweiligen Bedarf abzustimmen. Generell gilt: Je höher der Pflegegrad, desto mehr ist der Mensch in seiner Selbstständigkeit eingeschränkt und auf personelle Hilfe angewiesen.

Ändert sich etwas bei den Leistungen für bereits Pflegebedürftige? Müssen sie jetzt etwas tun?

Burmann: Wer bereits Pflegeleistungen bezieht, muss sich um nichts kümmern. Das heißt, Versicherte, die bereits Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen, werden ohne neue Antragstellung und ohne erneute Begutachtung automatisch nach gesetzlich vorgegebenen Regeln in den entsprechenden Pflegegrad übergeleitet. Pflegebedürftige mit ausschließlich körperlichen Beeinträchtigungen erhalten anstelle der bisherigen Pflegestufe den nächsthöheren Pflegegrad. Aus der Pflegestufe 1 wird dann der Pflegegrad 2. Pflegebedürftige, bei denen zusätzlich eine eingeschränkte Alltagskompetenz festgestellt wurde, bekommen den übernächsten Pflegegrad, beispielsweise statt Pflegestufe 1 den Pflegegrad 3. Bestandsschutzregelungen stellen sicher, dass niemand durch die Umstellung schlechtergestellt wird. Zum Jahresende informiert die AOK alle Empfänger von Pflegeleistungen in einem persönlichen Brief über ihren Pflegegrad.

Wie unterstützt die AOK ihre Versicherten darüber hinaus?

Burmann: Bundesweit stehen schon jetzt über 700 Pflegeberaterinnen und Pflegeberater der Gesundheitskasse Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen zur Seite. Sie beraten individuell und helfen, eine passgenaue Versorgung zu organisieren. Auf Wunsch kommen sie auch zu Versicherten nach Hause. Allein im Jahr 2015 haben sie rund 58.000 Beratungsgespräche geführt. Wer Fragen zur Pflege hat, kann sich an die nächste AOK-Geschäftsstelle, einen der zahlreichen Pflegestützpunkte oder direkt an den zuständigen AOK-Pflegeberater wenden.


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