Warum ein stärkeres Miteinander der Kulturen allen nützt

Selbsthilfe-Fachtagung

29.11.16 (ams). Unter chronischen Erkrankungen leiden Betroffene aller Kulturkreise gleichermaßen. Dennoch nutzen Menschen mit Migrationshintergrund bislang deutlich seltener Angebote der Selbsthilfe als Einheimische. Die AOK geht deshalb neue Wege: Sie setzt sich einerseits dafür ein, dass sich Betroffenengruppen stärker für Migranten öffnen, andererseits will sie Zuwanderer für Selbsthilfeangebote gewinnen und damit deren Gesundheitskompetenz stärken. Über die Frage "Multikulti in der Selbsthilfe - nur ein Traum?" diskutierten am 25. November 2016 etwa 130 Experten und Vertreter von Selbsthilfeorganisationen auf der 12. Fachtagung im AOK-Bundesverband in Berlin.

In Deutschland leben mehr als 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund - das ist etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Untersuchungen zeigen, dass sie nicht in gleichem Maße vom Gesundheitswesen profitieren wie die einheimische Bevölkerung. Die AOK setzt sich dafür ein, dass sich dies ändert: "Wir wollen Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zum Gesundheitswesen und zu Angeboten der Prävention, Selbsthilfe und Pflege erleichtern", kündigte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, auf der Selbsthilfe-Fachtagung an. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der AOK-Bundesverband gemeinsam mit der Ärztekammer Berlin und der AOK Nordost den Berliner Gesundheitspreis zum Thema "Migration und Gesundheit" ausgelobt habe.

Selbsthilfe verbessert die Gesundheitskompetenz

"Die Selbsthilfe hat einen großen Anteil daran, dass sich die Gesundheitskompetenz von chronisch kranken und behinderten Menschen verbessert hat", lobte Claudia Schick, Referentin für Selbsthilfe im AOK-Bundesverband, das Engagement der Aktiven. Die Gründe, warum chronisch kranke und behinderte Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlinge bislang deutlich seltener Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe suchen als Einheimische, seien vielfältig: Viele Zuwanderer würden solche Angebote aus ihrer Heimat nicht kennen, könnten mit dem Begriff "Selbsthilfe" nichts anfangen oder sich nicht vorstellen, in einer Selbsthilfegruppe über ihre Krankheit oder die eines Familienmitglieds zu sprechen. Eine Rolle spiele auch, dass das Verhältnis zum eigenen Körper, zur Gesundheit und der Umgang mit Krankheit kulturell geprägt sei. So sähen manche Zuwanderer Krankheit als Schicksal an oder seien der Meinung, dass nur ein Arzt ihnen helfen könne, aber kein Laie.

Umdenken bewirken

"Wir wollen ein Umdenken bewirken", erklärte Schick. Zum einen ruft die AOK Migrantenorganisationen auf, Gruppen zu gründen, zum anderen unterstützt sie Selbsthilfeorganisationen dabei, Infomaterial und Beratungsangebote auch in anderen Sprachen anzubieten und Mitstreiter aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu gewinnen. Außerdem lädt die Gesundheitskasse Betroffene mit Migrationshintergrund ein, sich bestehenden Gruppen anzuschließen. Die AOK bietet bereits spezielle Informationen an - etwa das Zuwandererportal, die AOK-Vorsorge-App und Faktenboxen zu Themen wie Impfen oder Krebsvorsorge in mehreren Sprachen. "Wir sind auf einem guten Weg, uns Zuwanderern zu öffnen", resümierte Schick.

Laut Professor Dr. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluationen am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen, ist die gesundheitliche Lage bei Migranten zum Teil schlechter, manchmal aber auch besser als bei der einheimischen Bevölkerung. Die Unterschiede würden zudem mit der Zeit geringer. Die Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund sei niedriger als im bundesweiten Durchschnitt; das bestätige der deutschlandweite Survey. Danach haben 71 Prozent der Zuwanderer Schwierigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen und zu verarbeiten. In der Gesamtbevölkerung trifft dies auf 55 Prozent zu. Um die Gesundheitskompetenz von Migranten zu stärken, forderte Zeeb, bereits in Kindergärten mit Gesundheitsbildung anzufangen.

Die Gründung interkultureller Gruppen fördern

Wie vielfältig Selbsthilfe bereits ist und wie stark sich die Aktiven engagieren, zeigte sich bei der Vorstellung verschiedener Projekte und Initiativen. Azra Tatarevic stellte das Projekt "Selbsthilfe und Migration" des Selbsthilfezentrums in Berlin-Neukölln vor, das interkulturelle Gruppen bei der Gründung berät und unterstützt. Teil des Konzepts sind Fortbildungen von Multiplikatoren, die ihre Landsleute motivieren sollen, sich an der Selbsthilfearbeit zu beteiligen. Tatarevic, die 1994 vor dem Krieg in Bosnien nach Deutschland geflohen ist, gründete 2009 ihre erste Selbsthilfegruppe für traumatisierte bosnische Frauen, die von einer Psychologin begleitet wird. Mittlerweile moderiert sie insgesamt sechs Selbsthilfegruppen, darunter zwei interkulturelle Gruppen mit Teilnehmern aller Nationalitäten, in denen deutsch gesprochen wird.

"InterAktiv" - der Name ist Programm

Projektleiterin Nurten Ataman, Zühal Karatas und Detlev Fronhöfer, Referent für Selbsthilfe bei der AOK Nordost, berichteten über den Verein „InterAktiv“. Ende 2011 von Sevgi Bozdag gegründet, unterstützt der Verein Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sowie deren Familien. Ein Großteil der Betreuten ist türkischstämmig. Der Verein, in dem sich mittlerweile sieben hauptamtliche und etwa 30 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren, hat bereits mehrere Selbsthilfegruppen und Projekte initiiert - von der türkischsprachigen Mütter- und Vätergruppe bis hin zu den Selbsthilfegruppen Epilepsie, Autismus Spektrum, Down-Syndrom und Multiple Sklerose.

Menschen aller Nationalitäten engagieren sich

"Weg der Hoffnung" - so heißt der gemeinnützige Verein für krebskranke Kinder und deren Familien, den Aynur Celikdöven 2001 in Oberhausen gegründet hat. Selbst betroffen, wollten sie und ihr Mann krebskranke Kinder und ihre Familien seelisch und finanziell unterstützen. "Wir haben mit fünf Leuten angefangen, jetzt sind wir 160, darunter viele Deutsche, Türken und Menschen anderer Nationalitäten", sagt Celikdöven. Die Ehrenamtlichen besuchen regelmäßig die Kinderkrebsstation der Essener Uniklinik, hören sich dort die Sorgen der Patienten und ihrer Angehörigen an. Sie organisieren Typisierungsaktionen, versuchen, letzte Wünsche der Kinder zu erfüllen und unternehmen Ausflüge und Reisen. "Die Arbeit ist sehr schwer", sagt Celikdöven, "aber wir sind glücklich, wenn wir Eltern und Kinder einmal lächeln sehen."

Aber klappt "Multikulti in der Selbsthilfe" nun - oder ist es nur ein Traum? "Man sollte von Anfang an zusammenarbeiten und nicht ausgrenzen", plädierte Derya Karatas, die in Berlin-Kreuzberg eine Gruppe für pflegende Angehörige initiiert hat. Die Mitglieder stammen aus türkischen Familien, treffen sich regelmäßig und tauschen sich aus. "In der Selbsthilfe lernt man Leute kennen, die das gleiche Problem haben; das schweißt zusammen", sagte Karatas.


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