Warum die Intuition bei Entscheidungen hilft

Bauch oder Kopf?

29.11.16 (ams). "Hör auf dein Bauchgefühl", "Schlaf mal drüber", rät der Volksmund, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Doch wovon sollte man sich eher leiten lassen – von der Intuition oder vom Verstand? "Die besten Ergebnisse bringt eine Kombination aus Bauchgefühl und Reflexion", sagt Dr. Dieter Bonitz, Diplom-Psychologe im AOK-Bundesverband.

Was ziehe ich heute an? Wohin fahre ich in den Urlaub? Welchen Beruf ergreife ich? Soll ich ein Jobangebot annehmen oder nicht? Ständig müssen wir Entscheidungen treffen, sowohl bei einfachen als auch bei schwerwiegenden Fragen. Je wichtiger eine Entscheidung für unser weiteres Leben ist, desto mehr wägen wir meist pro und kontra ab. Allerdings belegen Studien, dass Menschen besonders dann gute Entscheidungen treffen, wenn sie nicht allzu lange darüber nachdenken. Und dass wir manches bereits entschieden haben, ohne uns dessen bewusst zu sein, einfach aus dem "Bauch heraus".

Zweites Entscheidungssystem neben dem Verstand

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Bauchgefühl oder der sogenannten Intuition? Das lateinische Wort "intueri" bedeutet "nach innen schauen". Der Duden definiert Intuition als Eingebung, ahnendes Erfassen sowie als unmittelbare, nicht auf Reflexion beruhende Erkenntnis. Die Intuition ist neben dem Verstand unser zweites Entscheidungssystem und arbeitet unbewusst. Obwohl man sie als Bauchgefühl bezeichnet, entsteht unsere Intuition nicht in der Magengegend, sondern im Gehirn. "Sie beruht auf dem Wissen und den Erfahrungen, die wir täglich sammeln", erläutert AOK-Psychologe Bonitz. Die vielen Eindrücke werden abgespeichert, auch wenn wir das bewusst nicht wahrnehmen.

In komplexen Situationen auf das Bauchgefühl hören

Die große Leistung des Unbewussten besteht darin, in bestimmten Momenten auf die passenden Informationen zurückzugreifen. "Je öfter wir eine Situation schon erlebt haben, desto eher können wir auf unsere Intuition vertrauen", weiß Bonitz. Er empfiehlt, in komplexen Situationen auf das Bauchgefühl zu hören und sich zu fragen, was einem wirklich gefällt und wozu man Lust hat, ohne dass einen jemand dazu zwingt. Der Verstand hilft dann, Entscheidungen kritisch zu prüfen und sie umzusetzen. So ist jemand, der kreative Arbeit liebt, besser beraten, Design zu studieren als beispielsweise Medizin – selbst dann, wenn er nach einem Medizinstudium in der Arztpraxis des Vaters praktizieren könnte und sich nicht mehr um einen Arbeitsplatz bemühen müsste.
 


Sendefähige Radio-O-Töne mit Dr. Dieter Bonitz, Diplom-Psychologe im AOK-Bundesverband

Was passiert bei einem intuitiven Entscheidungsprozess?

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Rationales Abwägen ist sehr aufwändig

Auch Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Harding-Zentrums für Risikokompetenz in Berlin, empfiehlt, öfter mal der Intuition zu folgen. In seinem Buch "Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition" führt er aus, dass das rationale Abwägen von Pro und Kontra mit bewusster Gewichtung von Gründen nicht nur sehr aufwändig ist und viel Zeit kostet, sondern auch zu schlechteren Ergebnissen führen kann. Seiner Ansicht nach ist es ein Irrtum anzunehmen, Intelligenz sei zwangsläufig bewusst und hänge nur mit Überlegung zusammen. Gigerenzer zufolge ist Intuition ein Urteil, das rasch im Bewusstsein auftaucht, dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind und das dennoch stark genug ist, um danach zu handeln. Bauchgefühle basierten zum einen auf einfachen Faustregeln, also Regeln, die uns nicht immer bewusst sind, sich aber über lange Zeit bewährt haben, und zum anderen auf evolvierten Fähigkeiten, also angeborenen Möglichkeiten, die durch längere Übung zu Fähigkeiten werden. Die Intelligenz des Unbewussten liege darin, dass es, ohne zu denken, wüsste, welche Faustregel in welcher Situation vermutlich funktioniert. "Eine Entscheidung basiert zumeist nur auf einem gesunden Halbwissen. Die Intuition, die eine Art unbewusste Intelligenz ist, kann uns gerade dann ein guter Wegweiser sein", so der Psychologe.

Intuition setzt Wissen und Erfahrung voraus

Allerdings könne auch die Intuition täuschen - und zwar dann, wenn jemand in bestimmten Bereichen kein Wissen und kaum Erfahrung hat. "Am besten sind intuitive Entscheidungen, die von Menschen mit großer Erfahrung gefällt werden", sagt Gigerenzer.

Das nötige Wissen liefern auch die Faktenboxen der AOK, die in Zusammenarbeit mit Professor Gigerenzer und seinem Team vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung entstanden sind. Die Online-Informationsangebote sollen Patienten dabei unterstützen, auf Basis von fundierten Informationen Entscheidungen in Gesundheitsfragen zu treffen. Die Faktenboxen befassen sich unter anderem mit dem Nutzen und Schaden von Nahrungsergänzungsmitteln, Impfungen, zusätzlichen Untersuchungen sowie besonderen Behandlungsmethoden.


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