Schnellere Hilfe für psychisch Kranke

Neue Psychotherapie-Richtlinie

26.04.17 (ams). Menschen mit seelischen Leiden mussten bislang oft lange warten, bis sie eine Therapie beginnen konnten. Mit der neuen Psychotherapie-Richtlinie soll sich das ändern. Von den neuen Leistungen profitieren Patienten seit April 2017. "Patienten sollen künftig schneller und unkomplizierter Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung erhalten", sagt Birgit Schliemann, Leiterin des Referats Verträge in der Geschäftsführungseinheit Versorgung im AOK-Bundesverband.

In der Regel stellt ein qualifizierter Facharzt fest, ob jemand psychisch erkrankt ist, und empfiehlt eine Therapie. Nach der neuen Psychotherapie-Richtlinie soll eine frühzeitige diagnostische Abklärung den Einstieg in die Behandlung erleichtern, die Attraktivität der Gruppentherapie erhöhen und Rückfällen besser vorbeugen. Neue Leistungen sind die psychotherapeutische Sprechstunde und die Akutbehandlung. Zudem müssen Psychotherapeuten sicherstellen, dass ihre Praxen regelmäßig telefonisch erreichbar sind.

Die Neuregelungen im Einzelnen

  • Nach der geänderten Psychotherapie-Richtlinie müssen Psycho­therapeuten je nach dem Versorgungsumfang der Praxis 200 oder 100 Minuten pro Woche persönlich telefonisch erreichbar sein. Die Praxen veröffentlichen diese Zeiten und teilen sie der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung mit.
  • Psychotherapeuten sind künftig verpflichtet, regelmäßige Sprechstunden anzubieten. Patienten können die Sprechstunde bis zu sechs Mal für jeweils 25 Minuten in Anspruch nehmen. In den Gesprächen klärt der Psychotherapeut ab, ob ein Verdacht auf eine psychische Krankheit besteht und der Patient eine Psychotherapie gemäß der Richtlinie benötigt oder ob ihm andere Unterstützungs- und Beratungs­angebote helfen können.
  • Brauchen Patienten im Anschluss an die Sprechstunde schnell Hilfe, etwa wegen einer akuten Krise, ist künftig ohne Antrags- und Genehmigungsverfahren eine Akutversorgung von bis zu zwölf Stunden möglich. Die Akutbehandlung soll Patienten mit akuten Symptomen entlasten und gegebenenfalls auf eine weiterführende Therapie vorbereiten.
  • Sie soll innerhalb von 14 Tagen nach der Beratung in der Sprechstunde beginnen.
  • Auch künftig leiten sogenannte probatorische Sitzungen eine ambulante Psychotherapie gemäß der Richtlinie ein, wobei Probatorik die weitere diagnostische Klärung des Krankheitsbildes bedeutet. Dabei prüfen die Therapeuten die Eignung, Motivation, Kooperations- und Beziehungsfähigkeit der Patienten für ein bestimmtes Therapieverfahren. Künftig sollen mindestens zwei und bis zu vier probatorische Sitzungen von je 50 Minuten Dauer vor einer Erwachsenentherapie stattfinden.
  • Für Kinder und Jugendliche werden zwei zusätzliche Sitzungen angeboten. Nach der Probatorik entscheiden Therapeut und Patient gemeinsam, ob und gegebenenfalls welche der in der Richtlinie anerkannten Therapien geeignet ist. Der Patient kann im Anschluss daran sofort mit der Therapie beginnen.
  • Drei Verfahren sind im Rahmen der Richtlinie anerkannt: die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte und die analytische Psychotherapie. Jede beginnt in der Regel zunächst als Kurzzeittherapie und wird, wenn nötig, als Langzeittherapie fortgesetzt. Alle Verfahren können als Einzel- oder Gruppentherapie sowohl für Erwachsene als auch für Kinder angeboten werden.
  • Eine Kurzzeittherapie umfasst nach der neuen Richtlinie zwei Abschnitte mit jeweils zwölf Stunden.
  • Eine Langzeittherapie schließt sich in der Regel an die Kurzzeit­therapie an. Die Krankenkasse muss diese weiterhin genehmigen und ein Gutachter prüft, ob und wie die Therapie fortgesetzt werden soll. Die Anzahl der Stunden hängt vom jeweiligen Verfahren ab.
  • In allen Richtlinienverfahren können Patienten Gruppentherapien mit drei bis maximal neun Teilnehmern wahrnehmen. Sie können Einzel- und Gruppentherapien kombinieren oder zwischen beiden wechseln. Im Rahmen einer gemeinsamen Behandlung können zwei Therapeuten dem gleichen Patienten jeweils eine Einzel- und Gruppentherapie anbieten.
  • Die Vorbeugung von Rückfällen (Rezidivprophylaxe) soll den Behandlungserfolg sichern und ist Teil der Langzeittherapie. Je nach vorheriger Behandlungsdauer können Patienten dafür künftig im Zeitraum von zwei Jahren zwischen acht und 16 Behandlungen in Anspruch nehmen.
  • Die neue Psychotherapie-Richtlinie hat das Antrags-, Genehmigungs- und Begutachtungsverfahren erleichtert: Nachdem der Patient einen Antrag gestellt hat, können Kurzzeittherapien spätestens drei Wochen danach beginnen. Eine formale Genehmigung der Therapie mit Begut­achtung ist nicht mehr notwendig. Diese ist nur noch bei Anträgen auf eine Langzeittherapie erforderlich.

Zur Psychotherapie-Richtlinie auf den Seiten des Gemeinsamen Bundesausschusses


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