Herausforderndes Verhalten: So wirken Sie positiv ein

ams-Serie "Pflege" (4)

26.04.17 (ams). "Fass mich nicht an, geh weg!", schreit die Mutter, als die Tochter ihr beim Anziehen helfen will. Die alte Frau ist frustriert und will nicht wahrhaben, dass sie auf die Unterstützung ihrer Tochter angewiesen ist. "Herausforderndes Verhalten bei Demenzkranken kann viele Ursachen haben", sagt Christiane Lehmacher-Dubberke. Die Pflegereferentin im AOK-Bundesverband erläutert, wie pflegende Angehörige Konflikte vermeiden und mit Wutausbrüchen umgehen können.

Anschreien, beschimpfen, schlagen oder mit Gegenständen werfen - manche Menschen mit Demenz reagieren zeitweise ungehalten, werden wütend oder, was selten vorkommt, sogar gewalttätig. Dahinter können Angst, Überforderung oder Missverständnisse stecken. So können Veränderungen in der Alltagsroutine und eine stressige Umgebung Frust und Wut hervorrufen. Manchmal missverstehen Demenzkranke auch die Absicht anderer Menschen oder die gesamte Situation: So fühlen sie sich bedroht, weil ein scheinbar "Fremder" mit ihnen spazieren gehen will.

Persönlichkeit kann sich verändern

"Im Zuge der Erkrankung kann sich außerdem die Persönlichkeit der Betroffenen verändern", erklärt Pflegeexpertin Lehmacher-Dubberke. Für Angehörige ist es schockierend, wenn ehemals sanftmütige Menschen plötzlich aggressiv sind. Darüber hinaus kann das Gefühl, nicht mehr eigenständig handeln zu können und von anderen abhängig zu sein, zu Verbitterung führen. Weitere Ursachen für herausforderndes Verhalten können ungelöste familiäre Konflikte, körperliche Beschwerden, Schmerzen oder Nebenwirkungen von Medikamenten sein.


Sendefähige Radio-O-Töne mit Christiane Lehmacher-Dubberke, Pflegereferentin im AOK-Bundesverband:

Mögliche Ursachen für herausforderndes Verhalten

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Tipps zum Umgang mit Streitsituationen

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Den Kranken so annehmen, wie er ist

Um Konflikten vorzubeugen, ist es wichtig, den kranken Menschen so anzunehmen, wie er ist, und zu akzeptieren, was er leisten kann. Feste Regeln und Gewohnheiten geben ein Gefühl von Sicherheit. "Schaffen Sie durch eine positive Haltung und Geduld eine Atmosphäre, in der sich der Kranke entspannt und sicher fühlt", empfiehlt Lehmacher-Dubberke. Um Streit zu vermeiden, sollten Angehörige den Pflegebedürftigen nicht korrigieren; auch dann nicht, wenn er auf Behauptungen beharrt, die nachweislich falsch sind. "Versuchen Sie auch, sich in den Kranken einzufühlen und herauszufinden, warum er wütend wird", rät Pflegeexpertin Lehmacher-Dubberke.

Gefühle des Kranken widerspiegeln

Dabei kann die Methode der Validation helfen. Bei dieser Methode versuchen Pflegende, die Gefühle des Demenzkranken zu erspüren, und signalisieren ihm, dass sie diese akzeptieren. Dafür reichen schon kurze Bemerkungen wie "Das regt dich auf." oder "Du machst dir Sorgen.".

Auf diese Weise können Pflegende eine gute Beziehung zum Kranken herstellen und ihm zeigen, dass sie ihn wertschätzen. Pflegekurse können ebenfalls helfen, sich besser in die Welt der Kranken einzufühlen. Die AOK bietet spezielle Schulungen zum Thema Demenz an.

Ruhig bleiben und ablenken

Dennoch kann es passieren, dass Demenzkranke Angehörige beschimpfen, Wutausbrüche bekommen oder handgreiflich werden. AOK-Expertin Lehmacher-Dubberke gibt Tipps, wie Pflegende damit umgehen können:

  • Auch, wenn es schwerfällt: Nehmen Sie die Angriffe nicht persönlich.
  • Versuchen Sie, gelassen zu bleiben und den Betroffenen zu beruhigen, indem Sie ihn ablenken. Wechseln Sie das Thema, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.
  • Halten Sie einen aggressiven Pflegebedürftigen nicht fest, denn dadurch wird er noch wütender. Auch Diskutieren, Zurechtweisen und Schimpfen verschlimmern die Lage nur noch. Vermeiden Sie körperliche oder verbale Gegenangriffe.
  • Wenn Sie sich durch das Verhalten bedroht fühlen, sollten Sie auf Ihre Sicherheit achten und sich einen Fluchtweg offenhalten.
  • Ist die Situation sehr angespannt und sind Sie kurz davor, selbst wütend zu werden, ist es am besten, kurz das Zimmer zu verlassen.
  • Versuchen Sie, die Ursachen für das herausfordernde Verhalten herauszufinden. Lassen Sie sich von dem behandelnden Arzt oder der Ärztin beraten, ob Nebenwirkungen von Medikamenten, Schmerzen oder andere Erkrankungen für die Ausbrüche verantwortlich sein können. In diesem Fall kann der Arzt in der Regel die Symptome lindern oder
  • bei Bedarf weitere Therapeuten hinzuziehen.
  • Sprechen Sie über die Vorfälle mit jemandem, dem Sie vertrauen.
  • Lassen Sie sich von anderen unterstützen. Entlastung können sich pflegende Angehörige beispielsweise verschaffen, indem sie pro­fessionelle Hilfe in Anspruch nehmen, etwa durch einen Pflegedienst.
  • Hilfreich kann es auch sein, sich beraten zu lassen, etwa von einem der bundesweit etwa 700 Pflegeberaterinnen oder -berater der AOK oder in einem Pflegestützpunkt.


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