vorlesen

Wochenbett-Depression: Wenn das Mutterglück ausbleibt

Tief traurig nach der Geburt

Foto: Traurige Frau mit Baby auf dem Arm

27.06.17 (ams). Die Erwartungen sind hoch: Die Geburt soll ein freudiges Ereignis sein, wenn nicht sogar der schönste Moment des Lebens. Doch nicht alle Frauen kommen mit diesem gewaltigen Umbruch in ihrem Leben sofort zurecht und fallen in ein tiefes Loch. Die Wochenbett-Depression ist sehr gut zu behandeln, doch dafür muss sie erkannt werden.
"Ich weinte unglaublich viel, und das weit über die ‚Heultage‘ hinaus. Ich fühlte mich überfordert. Je länger das anhielt, desto mehr wollte ich dieser Situation entfliehen. Wo war das Gefühl, glücklich zu sein? Wo war die allseits genannte Mutterliebe? Wo war die Erfüllung? Alles davon blieb aus", schreibt eine Mutter im Internetportal der Selbsthilfeorganisation "Schatten & Licht".
So ergeht es vielen frisch gebackenen Müttern: Statt überbordender Liebe für das Neugeborene und Erleichterung nach überstandener Geburt stellt sich eine tiefe Traurigkeit ein, begleitet von starken Schuldgefühlen dem Baby gegenüber. Etwa die Hälfte der Frauen erlebt wenige Tage nach der Entbindung den sogenannten "Baby-Blues" (auch "Heultage" genannt), der mit der Umstellung des Hormonhaushalts zusammenhängt.


Sendefertige Radio-O-Töne mit Dr. Astrid Maroß, Ärztin im AOK-Bundesverband

Symptome einer Wochenbett-Depression

Download MP3

Eine Behandlung hilft, den Alltag zu bewältigen

Download MP3

"Der Baby-Blues beginnt in der Regel wenige Tage nach der Geburt und vergeht nach einigen Stunden oder Tagen wieder von selbst", sagt Dr. Astrid Maroß, Ärztin im AOK-Bundesverband. "Doch wenn das Stimmungstief länger anhält oder erst später einsetzt, kann es sich um eine Wochenbett-Depression handeln." Bis zu 15 von 100 Frauen fallen in den ersten drei Monaten nach der Geburt in eine solche Depression. Die Symptome zeigen sich deutlich stärker als beim "normalen" Baby-Blues und gleichen denen einer depressiven Erkrankung, die auch in anderen Lebensphasen auftreten kann: Traurigkeit, häufiges Weinen, inneres Leeregefühl, Energiemangel, allgemeines Desinteresse, Ängste, unaufhörliche Selbstzweifel - bis hin zu Selbstmordgedanken. "Bei den depressiven jungen Müttern kommen starke Schuldgefühle hinzu, denn sie fühlen sich unfähig, ihrem Kind genügend Liebe zu geben, und können sich die zwiespältigen Gefühle dem Baby gegenüber nicht verzeihen", so Maroß weiter.

Weil sie dem unrealistischen Bild der perfekten und guten Mutter nicht entsprechen oder meinen, die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen zu können, verstecken viele Mütter ihre seelische Not und leben weiter, als ob alles in Ordnung wäre. Doch unbehandelt kann die Depression chronisch und der Säugling davon beeinflusst werden: Bindungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten können die Folge sein. Damit sich die betroffenen Frauen Hilfe holen, ist Aufklärung dringend geboten. "Noch immer ist das Tief nach der Geburt tabuisiert, dabei ist eine Geburt ein bedeutender Einschnitt in das bisherige Leben", sagt Ärztin Maroß. Schließlich bedeutet die Geburt eine enorme Umstellung, nicht nur für den Körper. Es gilt, die Verantwortung für einen Menschen zu übernehmen und sich zunächst von der eigenen Selbstbestimmung zu verabschieden, oft begleitet von Übermüdung. Auch ein Abschied von der Schwangerschaft, möglicherweise vom "Traum-Baby" steht an. Freundschaften (vor allem zu Nicht-Eltern) fallen möglicherweise weg, die Partnerschaft verändert sich. Das Risiko für eine Wochenbett-Depression steigt zudem, wenn die Schwangerschaft unerwünscht oder die Geburt schwierig war, wenn es belastende Erlebnisse während der Schwangerschaft gab oder Probleme in der Partnerschaft auftauchen, wenn die Frau traumatische Ereignisse in der Kindheit erlebt hat oder schon vorher einmal unter psychischen Problemen gelitten hat. 

Was beim Baby-Blues helfen kann

  • Gespräche mit vertrauten Menschen suchen, um offen über die negativen Gefühle und Ängste reden zu können. 
  • Möglichst viel schlafen und sich ausgewogen ernähren, um einer Erschöpfung entgegenzuwirken. 
  • Sich körperlich bewegen, um den Zustand der inneren Erstarrung zu lockern. 
  • Hohe Ansprüche aufgeben, sich zeitweise auf das Notwendigste beschränken. 
  • Abstand zum Baby tut gut: Betreuung stundenweise dem Partner oder Babysitter überlassen! 
  • Einschneidende Veränderungen wie Umzug, Berufswechsel, Renovierungen, Hausbau vermeiden.

Hinter einer depressiven Verstimmung nach der Geburt kann auch eine organische Ursache stecken. Bei einigen Müttern entzündet sich nach der Geburt die Schilddrüse, bedingt durch die hormonellen Umstellungen. Eine solche "Wochenbett-Schilddrüsenentzündung" (Postpartum-Thyreoiditis) kann mit ähnlichen Symptomen einhergehen wie eine Depression. Ein Bluttest gibt Aufschluss. Mit Hormonersatzpräparaten normalisieren sich die Schilddrüsenwerte wieder. Doch auch für die Wochenbett-Depression sind die Prognosen gut. Erste Ansprechpartner sind die Gynäkologin, der Hausarzt oder die Hebamme. Die jungen Mütter können sich auch an eine Schwangerenberatungsstelle wenden, wo Frauen auch nach der Geburt des Kindes beraten werden. Oder sie wenden sich an eine psychosoziale Beratungsstelle beziehungsweise an einen sozialpsychiatrischen Dienst. Sinnvoll ist es, wenn beide Elternteile sich beraten lassen, da die neue Lebenssituation auch für den Partner belastend sein kann. Oft hilft eine Psychotherapie weiter, um besser mit der aktuellen Lebenssituation zurechtzukommen. Bei ausgeprägten Formen kann die Psychotherapie mit Antidepressiva, also Medikamenten gegen Depressionen, kombiniert werden. "Medikamente werden in der Stillzeit zurückhaltend, nach ausführlicher Nutzen-Risiko-Abwägung im individuellen Fall eingesetzt. Die Schwere der Symptome, die Vorgeschichte und die individuelle Prognose spielen bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle. Daher ist eine fachärztliche Behandlung unbedingt anzuraten", sagt Ärztin Maroß. Bei leichten Symptomen kann es ausreichen, wenn Partner, Angehörige, Freunde beim Einkaufen, Putzen, Kochen helfen und vor allem emotional unterstützen, Halt und Zuversicht geben - möglichst ohne Vorwürfe und ohne erhobenen Zeigefinger. Professionelle Betreuung können eine Haushaltshilfe, Mütter- oder Familienpflegerin leisten.


Zum ams-Ratgeber 06/17