Vom Lob des Faulseins

Einfach mal nichts tun

27.06.17 (ams). Einfach mal nichts tun - das fällt vielen Menschen schwer. Dabei ist das gepflegte Chillen nicht nur gesund, sondern macht auch kreativ.
"Was machst du da?", fragt die Frau ihren Mann in Loriots Sketch "Der Feierabend". "Nichts", antwortet der Mann - und die Frau kann es nicht glauben. "Überhaupt nichts?" Antwort: "Nein, ich sitze hier." Der Auftakt eines Dialogs, der immer absurder wird, weil die Frau ihren Mann nicht einfach nur sitzen lassen kann. Schließlich ist Nichtstun verpönt. "Faulenzer" bringen nichts zustande, liegen anderen auf der Tasche und werden obendrein noch dick!
Doch Philosophen, Psychologen und Mediziner wissen es schon lange: "Die Seele braucht Auszeiten, um gesund zu bleiben", sagt Dr. Dieter Bonitz, Diplom-Psychologe im AOK-Bundesverband. "Und das Gehirn braucht Ruhepausen, um gut funktionieren zu können." Das gilt besonders für das digitale Zeitalter, in dem jeder einem endlosen Strom von Informationen ausgesetzt ist und permanent erreichbar sein soll. Immer mehr Menschen fühlen sich gestresst, klagen über Zeitdruck und Hetze, arbeiten auch am Wochenende oder gar im Urlaub, wie Studien zeigen. Eine Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ergab, dass etwa jeder zehnte Beschäftigte in Deutschland unter Symptomen einer emotionalen Erschöpfung leidet. Stress und seelische Probleme liegen mit knapp 30 Prozent an erster Stelle der Ursachen für Erwerbs- und Berufsunfähigkeit. Viele Menschen sehnen sich nach Ruhe, packen sich ihre Freizeit aber voll mit Aktivitäten. Nichtstun, das ist für viele schwer auszuhalten.


Sendefertiger Radio-O-Ton mit Dr. Dieter Bonitz, Diplom-Psychologe im AOK-Bundesverband

Nichtstun ist gar kein Nichtstun

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Mut zum Chillen macht der Spruch des chinesischen Philosophen Laotse: "Im Nichtstun bleibt nichts ungetan." Denn nur wer „einfach nur sitzt“, wer im Gras oder auf dem Sofa liegt, auf Smartphone, Gespräche oder sonstige Ablenkungen verzichtet, kommt in Kontakt mit sich selbst. "Erst dann haben wir die Zeit, die vielen Eindrücke zu verarbeiten", sagt Psychologe Bonitz. "Und nur in der Stille können wir reflektieren und uns grundsätzliche Fragen stellen." Es kommen vielleicht Erinnerungen hoch, Zukunftsszenarien entstehen. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass das Gehirn hochaktiv ist, während Menschen nichts tun.

Es knüpfen sich neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen, tief gespeichertes, aber unbewusstes Wissen taucht auf, neue Zusammenhänge stellen sich her. So lassen sich auch die plötzlichen Geistesblitze, die Aha-Erlebnisse erklären, die scheinbar aus dem Nichts heraus kommen. "Mit etwas Glück überrascht uns eine gute Idee in der Badewanne, beim Fahrradfahren, Spazierengehen oder im Bett. Entspannung ist auch eine Voraussetzung für schöpferische Prozesse", so Bonitz. 
Wem es schwerfällt, dem Müßiggang zu frönen, dem sei ein Meditations- oder Entspannungskurs empfohlen, wie etwa autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Denn einfach mal abzuschalten, das kann man lernen. Psychologe Bonitz: "Die Teilnehmer üben, die Anspannung wahrzunehmen, sich bewusst zu entpannen und Gedanken einfach mal loszulassen."

Fünf Regeln fürs Faulenzen

  • Regelmäßige Pausen einlegen: Es muss nicht alles sofort erledigt werden. 
  • Bei Fahr- oder Wartezeiten gibt es nichts zu tun! Statt sich zu ärgern, heißt es: tief ein- und ausatmen.
  • Feste Zeiten definieren, in denen keine E-Mails oder Nachrichten gecheckt werden.
  • Körperliche Bewegung kann helfen, Stresshormone abzubauen. Das schafft eine gute Voraussetzung, um sich entspannen zu können.
  • Warum nicht mal einen Tag nichts planen und nur seinem eigenen Rhythmus folgen?


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