Programm für Typ-2-Diabetiker: Das ändert sich ab Juli 2017

Neue Zielwerte, mehr Kontrollen, mehr Beratung

27.06.17 (ams). Strukturierte Behandlungsprogramme, sogenannte Disease-Management-Programme (DMP), unterstützen chronisch Kranke beim Umgang mit ihrer Erkrankung. "Das Behandlungsprogramm für Typ-2-Diabetiker ist überarbeitet und auf den neuesten Stand des medizinischen Wissens gebracht worden", sagt Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband. Unter anderem gibt es nun einen Zielkorridor für die Blutdruckeinstellung, und die Blutzuckereinstellung richtet sich noch stärker nach der individuellen Situation des Patienten. Außerdem werden bei Patienten, die für die Entwicklung eines diabetischen Fußsyndroms besonders gefährdet sind, die Füße häufiger untersucht. Die wichtigsten Änderungen ab 1. Juli 2017 im Überblick.

AOK-Curaplan

Die AOK bietet Versicherten mit Diabetes mellitus Typ 2 das strukturierte Behandlungsprogramm "AOK-Curaplan" an. Ziel ist es, Folgeerkrankungen zu verhindern oder hinauszuzögern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Die Patienten vereinbaren mit ihrem behandelnden Arzt individuelle Therapieziele. Sie profitieren von einer abgestimmten Behandlung auf der Grundlage aktuellen medizinischen -Wissens. Wichtiger Bestandteil des Programms sind außerdem Schulungen, in denen die Patienten beispielsweise mehr über eine ausgewogene Ernährung erfahren.

Untergrenze für Blutdruck
Bei vielen Menschen mit Diabetes mellitus ist auch der Blutdruck erhöht. Dadurch steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Arzt versucht daher, den Blutdruck auf einen Wert zwischen 139/89 mmHg und 130/80 mmHg abzusenken. Neu ist die Untergrenze von 130 mmHg beziehungsweise 80 mmHg.

Blutzucker besser eingestellt
Wichtiges Ziel der Behandlung ist es, den Blutzucker in den Griff zu bekommen. Ein niedriger Langzeitblutzucker (HbA1c-Wert) senkt das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen, erhöht aber auch die Gefahr von Unterzuckerungen. Um beides zu vermeiden, wurden die Zielwerte angepasst: Künftig soll der Langzeitblutzucker möglichst zwischen 6,5 und 7,5 Prozent liegen. Der Wert kann darunterliegen, wenn er durch eine Änderung der Lebensweise und die Einnahme von Metformin erreichbar ist. Bei älteren Patienten, die weitere Erkrankungen haben, akzeptieren die Ärzte unter bestimmten Umständen auch einen HbA1c-Wert von bis zu 8,5 Prozent.

Füße stärker im Blick
Künftig untersucht der Arzt die Füße, sofern sie unauffällig sind, mindestens einmal jährlich. Damit sollen Schädigungen des Fußes, die bis zu einer Amputation führen können, verhindert werden. Der Arzt berät die Patienten auch zu geeignetem Schuhwerk. Bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für Schäden an den Füßen, dem sogenannten diabetischen Fußsyndrom, werden die Füße alle drei oder sechs Monate oder noch häufiger untersucht und das Schuhwerk wird überprüft. Heilen Fußwunden nicht ab, überweist der Arzt Patienten zur Weiterbehandlung an einen Experten.

Nieren
Die Nieren werden auch jetzt schon regelmäßig kontrolliert. Um Funktionsstörungen der Nieren frühzeitig zu erkennen, soll ab Juli einmal jährlich die geschätzte Glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) bestimmt werden. Dieser Wert gibt noch genauer Auskunft darüber, ob die Niere ihrer Filterfunktion noch gerecht wird.

Augen
Die Augen werden künftig alle zwei Jahre untersucht, um Netzhauterkrankungen frühzeitig zu erkennen. Nur bei erhöhtem Risiko ist eine jährliche Kontrolle notwendig.

Narbengewebe
Der Arzt untersucht künftig viertel- oder halbjährlich die Spritzstellen und die korrekte Injektionstechnik, bei starken Blutzuckerschwankungen auch häufiger. Grund dafür ist, dass an Stellen, an denen sich Patienten wiederholt Insulin injizieren, Narbengewebe entstehen kann. Der Körper nimmt dann nicht das gesamte Insulin auf, die Gefahr von Stoffwechselentgleisungen steigt.

Arzneimittelcheck
Bei Patienten, die dauerhaft fünf oder mehr Medikamente einnehmen, erfasst der Arzt mindestens einmal im Jahr alle eingenommenen Arzneimittel, auch die selbst gekauften. Er prüft außerdem, ob die eingenommenen Medikamente Neben- oder Wechselwirkungen haben. Ist dies der Fall, soll die Therapie frühzeitig geändert oder die Dosis der Arzneimittel angepasst werden.

Mehr Beratung
Patienten, die rauchen, werden stärker als bisher über Risiken informiert und zum Rauchstopp motiviert. Dazu sind Ärzte ab Juli verpflichtet. Die psychosoziale Situation der Patienten soll in die Behandlung einbezogen werden. Sind Patienten seelisch belastet, wird geprüft, ob ihnen mit einer entsprechenden Behandlung - beispielsweise einer Psychotherapie - weitergeholfen werden kann.

Häufige Stoffwechselkrankheit

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts leiden etwa 7,2 Prozent der 18- bis 79-Jährigen in Deutschland an der Stoffwechselkrankheit Diabetes. Etwa 90 Prozent der Betroffenen erkranken an Diabetes mellitus Typ 2, die übrigen an Diabetes mellitus Typ 1. Bei Typ-2-Diabetikern bildet die Bauchspeicheldrüse das körpereigene Hormon Insulin nicht in ausreichender Menge oder die Wirkung des Insulins ist vermindert. Dadurch wird der Transport des Zuckers, der aus der Nahrung ins Blut gelangt, in die Körperzellen behindert. Die Folge ist eine erhöhte Blutzuckerkonzentration, die auf Dauer die Blutgefäße schädigt. Vor allem, wenn gleichzeitig ein Bluthochdruck besteht. Dadurch steigt das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall und für eine Schädigung der Nieren. In vielen Fällen entstehen auch Schäden an den Augen und Füßen. Diese können im schlimmsten Fall zur Erblindung oder zur Fußamputation führen. Um diesen Folgeerkrankungen vorzubeugen, ist es wichtig, dass der Blutzuckerspiegel der Patienten richtig eingestellt ist. Wer sich ausgewogen ernährt, regelmäßig bewegt und wenn nötig abnimmt, kann seine Erkrankung ebenfalls positiv beeinflussen.


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