Führungskräfte können helfen, wenn Krisen den Berufsalltag belasten

Fehlzeiten-Report 2017

26.09.17 (ams). Der Auszug ihres Mannes nach zwölf Ehejahren brachte die 38-jährige Petra K. (Name geändert) völlig aus dem Gleichgewicht. Das Ende der gemeinsamen Zeit und das Scheitern einer einst großen Liebe machte sie traurig, wütend, verzweifelt und ängstlich: Wie soll der Umgang mit dem zehnjährigen Sohn geregelt werden, wie verkraftet der Junge die Trennung der Eltern? Wo wird sie wohnen und wird das Geld künftig reichen? Beruflich hatte Petra K. gerade wieder Fahrt aufgenommen - doch die geriet durch ihre persönliche Krise nun erheblich ins Stocken. Morgens kam K. kaum aus dem Bett, schaffte es meist nur verspätet ins Büro, war unkonzentriert, fühlte sich unwohl und war in der Folge häufig krankgeschrieben. 
Ein kritisches Lebensereignis, beispielsweise eine Scheidung, kann zu einer persönlichen Lebenskrise führen. "Die Betroffenen erleben Angst, Panik, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit und fühlen sich in ihrer ganzen Identität und Kompetenz bedroht. Krise bedeutet, dass das ganze Leben auf ein Problem reduziert wird", sagt Diplom-Psychologin Patricia Lück, Referentin für Betriebliche Gesundheitsförderung im AOK-Bundesverband. "In dieser Situation wissen die Betroffenen nicht, wie es am nächsten Tag weitergehen soll. Sie sind überfordert und finden allein keine Lösungen, um ihre Probleme zu bewältigen." Die Krise mit all ihren Folgen nimmt der Betroffene auch mit zur Arbeit. "Die extreme Belastung macht sich bemerkbar, indem die Arbeitsfähigkeit leidet. Die Betroffenen sind weniger belastbar, sie sind reizbar oder traurig und können sich schlechter konzentrieren. Das merken bald auch die Kollegen und Vorgesetzten. Unbewältigte Krisen können Betroffene auch gesundheitlich stark belasten und zu Fehlzeiten führen", so Lück weiter


Sendefertiger Radio-O-Ton mit Patricia Lück, Referentin für Betriebliche Gesundheitsförderung im AOK-Bundesverband

Das können Betriebe tun

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Das belegt auch eine aktuelle Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für den Fehlzeiten-Report 2017. Befragt wurden 2.000 Erwerbstätige zwischen 16 und 65 Jahren. Mehr als die Hälfte von ihnen hat in den vergangenen fünf Jahren eine Krise erlebt. Zwei Drittel der Betroffenen gaben an, dass ihre Arbeitsfähigkeit dadurch stark oder auch sehr stark beeinträchtigt war. Die WIdO-Befragung zeigt außerdem: Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen hat im Unternehmen über diese kritischen Lebensereignisse gesprochen. Neben den Arbeitskollegen kommt dem Vorgesetzten eine entscheidende Rolle zu. "Führungskräfte können in Krisenfällen unterstützen", so Lück. Warnzeichen für eine Krise zeigten sich in Rückzug oder Leistungsabfall eines Mitarbeiters, fehlender Zuverlässigkeit oder Konzentrationsproblemen. "Der Chef sollte frühzeitig ein Gespräch anbieten, in dem gemeinsam nach betrieblichen Unterstützungsmöglichkeiten gesucht oder auf externe Beratung hingewiesen werden kann", so AOK-Expertin Lück. Bei privaten Krisen braucht es ein vertrauensvolles Verhältnis zur Führungskraft. Doch auch für betriebliche Krisen wie Mobbing müssen Führungskräfte sensibilisiert werden. 

Vertrauensvolle Kommunikationskultur ist wichtig

Daher sollten Unternehmen auf präventive Lösungen setzen und Führungskräfte entsprechend schulen. "Gut ist, wenn im Betrieb eine offene und vertrauensvolle Kommunikationskultur existiert", sagt Lück. Unterstützung für ihre Beschäftigten können sich Unternehmen auch bei externen Beratern (zum Beispiel bei Psychologen oder Juristen) holen. Führungskräfte können dann an Experten vermitteln und fühlen sich in ihrer Kompetenz nicht überfordert. Um Krisen und Arbeitsausfällen schon im Vorfeld zu begegnen, bietet die AOK Unternehmen Betriebliche Gesundheitsförderung an. Dabei unterstützt die AOK Unternehmen, Arbeit möglichst gesund zu gestalten und die Beschäftigten dabei einzubinden, um so ihre Gesundheitskompetenz zu stärken. Lück: "Beschäftigte in persönlichen Lebenskrisen zu unterstützen, fordert kurzfristig viel von Vorgesetzten und Unternehmen. Doch mittelfristig erhöht es die Bindung des Beschäftigten an den Betrieb. Werden Krisen nämlich sowohl aus Sicht des Betriebes als auch von Seiten des Beschäftigten gut gemeistert, gehen beide Seite gestärkt daraus hervor." 


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