Stürzen vorbeugen: Mit mehr Kraft und besserer Balance

ams-Serie "Pflege" (9)

26.09.17 (ams). Dämmerlicht, eine Teppichkante und eine verminderte Reaktionsfähigkeit - schon ist das Risiko hoch, dass insbesondere ältere Menschen hinfallen und sich verletzen. "Die Folgen sind für Senioren oft gravierender als für junge Menschen“, sagt Christiane Lehmacher-Dubberke, Pflegereferentin im AOK-Bundesverband. "Um Stürzen vorzubeugen, ist es ratsam, dass ältere Menschen Stolperfallen beseitigen und ihre Kraft und ihr Gleichgewicht trainieren."
Die Gefahr zu fallen steigt mit zunehmendem Alter: Stürzt etwa ein Drittel der über 65-Jährigen mindestens einmal pro Jahr, sind es bei den über 80-Jährigen bereits 40 bis 50 Prozent und bei Bewohnern von stationären Pflegeeinrichtungen sogar über 50 Prozent. Das hat Dr. Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart, herausgefunden. Jeder zehnte Sturz verursacht Verletzungen, die behandelt werden müssen. Die Hälfte davon sind Knochenbrüche, meist am Oberarm, Unterarm und Becken. Mehr als 100.000 Menschen in Deutschland ziehen sich jedes Jahr eine Hüftfraktur zu, etwa einen Oberschenkelhalsbruch. Viele von ihnen erlangen auch nach dem Verheilen des Bruches nicht ihre frühere Beweglichkeit zurück, einige werden infolge der Verletzung pflegebedürftig. Außerdem besteht die Gefahr, dass ältere Menschen sich aus Angst, zu fallen und sich zu verletzen, weniger bewegen. "Dadurch verlieren die Muskeln an Kraft, das Gleichgewicht und die Reaktionsfähigkeit schwinden, wodurch das Sturzrisiko weiter steigt", erläutert AOK-Pflegeexpertin Lehmacher-Dubberke.


Sendefertiger Radio-O-Ton mit Christiane Lehmacher-Dubberke, Pflegereferentin im AOK-Bundesverband

Tipps zur Sturzprävention

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Stürze können vielfältige Ursachen haben, häufig kommen mehrere Risikofaktoren zusammen. Wenn ältere Menschen schlecht sehen, nicht mehr sicher stehen und gehen, erhöht das genauso ihr Sturzrisiko wie schwache Muskeln, eine verminderte Reaktionsfähigkeit oder Erkrankungen wie Demenz, das Parkinsonsyndrom sowie Schlaganfall. Die Gefahr, dass Senioren hinfallen, steigt auch durch Medikamente, die das Bewusstsein beeinflussen, wie Schlafmittel und Mittel gegen Depressionen. Dazu kommen Gefahren in der Umgebung, zum Beispiel schlechtes Licht, lose Kabel und glatte Fliesen. Wenn Senioren unter Osteoporose (Knochenschwund) leiden, steigt das Risiko, dass sie sich bei einem Sturz einen Knochenbruch zuziehen. Doch wie können insbesondere ältere Menschen Stürzen vorbeugen?

Dazu gibt AOK-Pflegeexpertin Lehmacher-Dubberke Tipps: 

  • Bereits kleine Veränderungen in der Wohnung können viel bewirken. Sinnvoll ist, für eine gute Beleuchtung zu sorgen und Stolperfallen zu beseitigen. Teppiche, die auf rutschigen Böden liegen, sollten beispielsweise mit einem rutschfesten "Stopper" verlegt werden. Leisten auf Türschwellen, über die man leicht stolpern kann, gegebenenfalls entfernen.
  • Eine rutschfeste Badematte in der Badewanne oder Dusche kann das Sturzrisiko verringern. Auch Handgriffe im Bereich der Dusche und neben der Toilette sind eine große Hilfe.
  • Ein Handlauf oder Geländer an Treppen erhöhen ebenfalls die Sicherheit.
  • Auf der sicheren Seite ist auch, wer gut sitzende, feste Schuhe trägt und regelmäßig seine Augen kontrollieren lässt.
  • Bei Bedarf sollten Senioren mit ihrem Arzt besprechen, ob sie die Medikation anpassen können.
  • Die Knochen kann man stärken, indem man ausreichend Kalzium zu sich nimmt, das zum Beispiel in Milch und Milchprodukten steckt. Wer bereits unter einer Osteoporose leidet, sollte diese behandeln lassen. 
  • Sinnvoll ist auch, die Funktionsfähigkeit von Gehhilfen und Rollatoren zu überprüfen.

"Am wichtigsten ist allerdings, auch im Alter noch Muskelkraft aufzubauen und das Gleichgewichtsgefühl zu verbessern", sagt Pflegereferentin Lehmacher-Dubberke. "Das kann helfen, Stürze zu vermeiden." Ein Kraft-Balance-Training ist auch das Herzstück von Angeboten der AOK zur Sturzprävention in stationären Pflegeeinrichtungen. Die Programme basieren auf dem sogenannten Ulmer Modell, das Clemens Becker gemeinsam mit anderen Experten entwickelt hat. Die AOK Baden-Württemberg setzt das Angebot seit 2003 erfolgreich um, die AOK Bayern seit 2007. Auch andere AOKs bieten das Programm in abgewandelter Form an. Darin verbessern die Bewohner in Übungen ihre Muskelkraft und ihr Gleichgewicht. Die Mitarbeiter von stationären Pflegeeinrichtungen lernen in Schulungen, Stürzen vorzubeugen und das Kraft-Balance-Training selbst anzuleiten. Teil des Angebotes ist auch eine sichere Gestaltung der Umgebung und eine Anpassung der Medikation. Besonders sturzgefährdeten Bewohnern wird empfohlen, Hüftprotektoren zu tragen. Eine Auswertung zeigt, dass sich der Aufwand lohnt. Danach hat sich in den Einrichtungen, die Sturzprävention anwenden, die Zahl der Hüftfrakturen um knapp 20 Prozent verringert.
Positive Erfahrungen hat auch die AOK Rheinland/Hamburg mit ihrem Programm "Sicher und mobil bleiben" gemacht. Darin schult die AOK seit 2009 Fachkräfte in Pflegeeinrichtungen und befähigt sie dadurch, Bewohnern ein Kraft-Balance-Training zu vermitteln. Seit Kurzem können sich außerdem Betreuungskräfte in Pflegeeinrichtungen in einem Pilotprojekt kostenfrei schulen lassen. Anschließend können sie ein "Mobilitätstraining" anleiten, das sowohl körperliche als auch geistige Fähigkeiten der Bewohner verbessern soll. 

Übungen zur Muskelstärkung

Gezielte Übungen zur Muskelstärkung und Sturzprävention finden Interessierte im AOK-Versichertenportal. Vor Aufnahme des Trainings sollte man sich mit dem Hausarzt beraten, um mögliche Risiken auszuschließen, die mit dem Training verbunden sein könnten. Um die Übungen richtig ausführen zu können, benötigt man neben bequemer Kleidung und einem stabilen Stuhl Gewichtsmanschetten für die Beine sowie Hanteln. Mit Übungen wie "Hüftbeuger“, "Schulterpresse“ und "Armstrecker“ lassen sich gezielt verschiedene Muskelpartien kräftigen.


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